Turn 109: The awakening
„Was hast du nur getan?“ Wimmerte Tara und kroch über den Boden.
„Was ich getan habe…?“ Matt folgte ihr, verstand ihre Panik nicht. Ihr ganzer Körper war nackt und von Dunkelheit bedeckt. Sie konnte Matt nicht ansehen, versuchte, schwach wie sie war, zu fliehen. Doch Matts Schritte passten sich ihrer an, er war so nah.
Finsternis war das Einzige hier. Nein nicht ganz, denn der blaue Mond strahlte aus der Ferne auf die beiden herab.
„Du bist… ein Monster!“ Schrie Tara und unter Tränen, brach dabei zusammen. Sie rollte sich auf den Rücken und sah zu Matt hoch, der sie befremdlich musterte. In die Finsternis wurde sie gezogen, langsam, aber stetig. Wie Wasser schwamm sie plötzlich, ihr blondes Haar trieb im Schwarz.
„Ein Monster bin ich? Warum… Tara, erklär mir, warum ich ein Monster bin.“ Fragte er sanft.
Ihre Beine versanken, gefolgt von ihrem Oberkörper. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus.
„Bitte Matt, lass es nicht so enden…“ Ihre nassen Augen schlossen sich langsam. Ihr Kopf ging schon bis zum Kinn unter.
„Aber…“ Er bückte sich und versuchte nach ihrer Hand zu greifen.
„Matt, bitte… bitte tu es nicht… du hast es schon getan… tu es nicht noch einmal…“ Es klang, als würde ihr Herz bei diesen Worten brechen.
„Was redest du da? Was…“ Seine Finger und die ihren berührten sich.
Mit einem Schlag hockte er auf einer großen, schwarzen Anhöhe und sah sie von unten in die Finsternis versinken.
„Tara! Nein!“ Schrie er verzweifelt, doch die letzten blonden Haare gingen unter.
„Was habe ich getan? Ich habe sie… umgebracht…“ Wimmerte er und sah seine Hände an. „Tara… das darf nicht sein. Du darfst nicht tot sein…“
„MATT!“ Schrie ihre tiefe, verzerrte Stimme in einer unglaublichen Lautstärke. Ein Schatten erhob sich vor ihm.
„MATT!“
„Tara!“ Rief er und schreckte hoch.
„Matt!“ Sofort verspürte er einen leichten Schmerz auf seiner rechten Backe. Er rieb sie sich und sah das schwarzhaarige Mädchen an, das auf seinem Bett saß.
„Selbst im Schlaf hast du wohl nur deine Tara im Kopf, was?“ Kicherte Sophie, seine Schwester, und stand vom Bett auf.
„Wa…“
„Du hast um eine Stunde verschlafen, du Trottel.“ Tadelte sie ihn schließlich und stolzierte durch das weite Zimmer, dabei warf sie einen Blick aus seinem gewaltigen Panoramafenster nach draußen, die Autos ihrer Eltern waren bereits weg.
„Ich hab WAS?“ Erschrak Matt und stolperte aus seinem Bett, nur mit schwarzen Boxershorts bekleidet.
„In einer Viertelstunde kommt der Bus, also mach dich schnell fertig.“ Schimpfte sie ihn von der Tür aus an und verschwand. Die Tür knallte laut zu und Matt war mit einem Schlag wach.
((Ich verschlafe doch nie.)) Wunderte er sich, während er zu seinem Schrank ging und sich Sachen herausnahm.
((Hmm… wann war ich eigentlich zuhause?)) Er sah zu seinem Nachttisch zurück auf den Wecker, auf dem es gerade viertel Neun wurde.
((Moment… ich…)) Matt betrachtete sich durch den Innenspiegel seines Schranks. Sanft strich er sich mit der Hand über die linke Schulter. Ihm war so, als hätte er dort eine Wunde, doch sein Spiegelbild sah kerngesund aus.
((Was ist gestern passiert? George und ich… und diese zwei Typen… aber ich erinnere mich an nichts mehr. Hab ich überhaupt gewonnen?))
„Beeil dich!“ Hörte er die gedämpfte Stimme seiner Schwester von unten rufen.
„Ja doch!“ Schnauzte er zornig zurück und betrachtete sich wieder im Spiegel.
((Wieso habe ich überhaupt… einen Blackout?)) Verwundert zuckte er mit den Schultern. ((Was mache ich jetzt überhaupt… was wenn…)) Ihm wurde mulmig zumute. ((Er gewonnen hat und nicht ich? Dann…))
„MATT!“ Schrie seine Schwester nun deutlich lauter nach oben. Schnaubend warf er die Gedanken beiseite und zog sich erst einmal um.
„Und du weißt nicht, wann ich zuhause war?“ Sophie schüttelte den Kopf.
„Ich soll mich doch nicht um deinen Kram kümmern.“ Gab sie beleidigt von sich.
Beide saßen zusammen mit einer Menge anderer Schüler im Bus. Matt sah aus dem Fenster auf die Autos herab, die an dem Bus vorbeifuhren. Gerade ging es um eine Kurve.
„Das hat auch seine Gründe.“ Zischte er sie dann an, doch sie strich sich durchs Haar und lachte auf.
„Ach wirklich?“ Sie begann zu kichern. „Geht es etwa wieder um Ta…“
„Halt den Rand!“ Fauchte er sie entschlossen an, sodass sie beinahe von ihrem Sitzplatz fiel. Sofort richteten sich die Blicke auf die beiden, die passend dazu genau in der Mitte des Busses anfingen, zu streiten.
„Bist du heute empfindlich… hast du etwa einen Korb von ihr gekriegt?“ Stellte Sophie verärgert fest und würdigte ihren Bruder nun keines Blickes mehr.
„Was geht dich das an?“
„Heißt das ‚ja’?“
„Das heißt, du sollst ruhig sein.“ Dann schwieg er eine Weile. Plötzlich brach es leise und bedrückt aus ihm heraus. „Ich hab es ihr noch nicht gesagt…“
„So…“ Nun klang auch Sophie wieder normal und tätschelte fürsorglich seinen Rücken.
„Ich mag sie ja…“ Gestand sie ehrlich. „…auch wenn sie etwas tollpatschig ist. Doch schau mal, wenn du es ihr nicht sagst, wirst du ihr ewig wie ein hirnloser Vollidiot hinterher rennen.“
„Hmm…“ Matt dachte über ihre Worte nach.
„Wobei… manchmal glaub ich, du bist auch so einer…“
„Dumme Ziege.“ Sie prustete laut los und klatschte ihm eine auf den Hinterkopf.
„Wir sind da, du Depp.“ Rief sie und zeige auf die Schüler, die bereits aus dem Bus strömten. Beide erhoben sich mit ihren Rucksäcken und folgten der Menschenmenge nach draußen.
„Tja Brüderchen, lass dir was Gutes als Entschuldigung einfallen. Du kommst selten zu spät, wenn ich nicht montags erst zur zweiten Stunde Schulbeginn hätte, wärst du wohl…“ Matt unterbrach sie schroff.
„Ja ja, lass das mal meine Sorge sein…“
Die beiden gingen durch das Tor. Der Hausmeister der Schule, gekleidet in einem blauen Arbeiteranzug mit passender Mütze, werkelte am rechten Torflügel herum.
„…so ein Dreck, wer wagt es…“
„Hmm? Was ist denn los?“ Richtete Sophie ihre Worte an ihn und drehte sich um.
((Ich weiß sehr wohl, was los ist…)) Erinnerte sich Matt, der in der Nacht das Schloss am Boden hatte liegen sehen.
Unauffällig entfernte er sich von den beiden, als der Hausmeister Sophie erklärte, dass jemand dort eingebrochen sei, jedoch nichts geklaut wurde.
„Man Matt, ich dachte schon, du kommst nicht…“ Hörte er eine Mädchenstimme besorgt aus der Schülermasse rufen.
„Edna?“ Er sah sich auf dem breiten Hof um, konnte seine Klassenkameradin jedoch nicht erspähen. Plötzlich tippte etwas auf seine Schulter.
Sich umdrehend, sah er sie misstrauisch mit dem Fuß auf den Boden tippen.
„Wo warst du?“ Wunderte sie sich über seine Unpünktlichkeit.
„Verschlafen…“ Stöhnte er müde und blickte weg.
„Ach was? Kein Wunder, wenn du um Mitternacht hier warst. Komm rein, unsere Pause ist gleich vorbei. Ich hab extra hier gewartet, ob du mit dem Bus kommst…“ Matt nickte knapp und folgte ihr.
Beide gingen zielstrebig auf das große Backsteingebäude zu.
„Matt, was ist hier passiert?“ Fragte sie ihn ernst.
„Ich…“
„Ein Einbruch. Was sollte das? Ich dachte, das Duell sollte vor der Schule stattfinden...“ Matt konnte ihrer klagenden Stimme nicht standhalten.
„Es war nicht meine Schuld. George ist hier… mit zwei so Typen eingebrochen… was weiß ich, warum er das tat... ich erinnere mich aber nicht genau… irgendwie hab ich einen Blackout. Ich weiß noch, dass einer von den beiden dieser Joshua war.“
„Einen Blackout? Dann sind wir ja zwei…“ Musste sie ironischerweise lachen.
„Zwei?“
„Ich erkläre dir die ganze Geschichte später, wenn wir Hofpause haben.“
Beide standen nun vor der Glastür des Gebäudes.
„Nur sag mir vorher…“ Ihre Stimme senkte sich auf ein bedrohliches Minimum. „Wieso hat man hier auf dem Boden Blutspuren gefunden?“
Matt sah sie stutzig an und schwieg.
„Du weißt es…“ Flüsterte sie nahezu gefährlich. „Sag es mir!“
„Moment, Blutspuren?“ Matt hatte erst jetzt realisiert, was das bedeutete.
„Ja.“
„Keine Ahnung, ich…“
„George habe ich heute gesehen, der scheint unversehrt. Er erzählt allen von seinem Sieg, wenn du es wissen willst. Als ich ihn gefragt habe, warum da Blut auf dem Boden war, sagte er, er wüsste es selbst nicht… Moment, Joshua?“ Sie sah ihn ungläubig an.
„Ja, wieso?“
„George hatte nur Amarou, seinen Klassenkameraden, als Zeugen. Nur er hätte ihn begleitet, heißt es.“
„So ein Quatsch, dieser verdammte Arsch. Nun leugnet er schon…“ Erinnerungen kamen in ihn hoch.
„Damit ist es entschieden!“ Brüllte Matt stolz. „Ich, ICH bin der Duellkönig der Schule. Und DU wirst mich in Zukunft in Ruhe lassen und dich in dein Körbchen verkriechen!“ Er zeigte mit dem Finger auf George, der nach seiner Brille suchte, die neben ihm lag.
Die Hologramme verschwanden.
„Dieser verfluchte Mistkerl!“ Schrie er laut und stürmte durch die Tür. Edna folge ihm, so schnell sie konnte, hielt jedoch ein paar Schritte Abstand.
„Was denn…?“
„ICH habe gewonnen! Und er hat sehr wohl diesen Glatzkopf dabei gehabt!“ Raunte er so laut durch den orangefarbenen Korridor, dass einige Schüler auf ihn aufmerksam wurden.
„Sei leise.“ Schimpfte sie fast unhörbar von hinten. „Verrat am besten doch allen, dass ihr die ‚Einbrecher’ seid.“
Matt blieb abrupt stehen und wandte sich zu ihr um.
„Er hat verloren. Und nun leugnet er sogar, dass er seine Bodyguards dabei hatte, die für ihn lügen sollten. Oder zumindest den Glatzkopf. Diese feige Sau…“
„Ich würde Joshua ja selbst fragen, aber er ist heute nicht aufgetaucht. Genau wie Tara übrigens… du Matt, ich muss dir da was sagen.“ Fing sie dann beunruhigt an. Doch das Klingeln der Schulglocke unterbrach sie.
„Am besten, wir unterhalten uns alle als Gruppe auf dem Schulhof. Damit du weißt, was bei uns in der Nacht so abging…“ Dann lief sie seufzend an ihm vorbei.
((Tara…?)) Matt blickte ihr erst eine Weile nach, ehe er sich entschloss, Edna zu folgen.
- später -
Matt, Edna und Harris saßen an einem braunen, rechteckigen Tisch auf dem Schulhof, weit weg vom Eingang. Hier konnten die Schüler während der Hofpause essen oder sich einfach nur hinsetzen und entspannen.
Matt starrte die beiden fassungslos an, welche ihm gegenüber auf einer Bank saßen.
„Wieso habt ihr sie nicht aufgehalten?!“ Schrie er die beiden an.
„Wir wollten…“ Begann Harris, doch erntete sofort Matts Zorn.
„Sieht man, wie ihr Tara aufhalten wolltet! Wer weiß, was man ihr angetan hat?!“
„Sie antwortet nicht auf ihrem Handy…“ Nuschelte Edna mit gesenktem Haupt, drehte wütend den Kopf weg und tippte nervös mit dem Fuß auf den Boden.
„Es hätte mich treffen sollen… ich sollte da…“ Er schüttelte den Kopf. ((War das diese Gardenia, die mich dort hinlocken wollte? Oder gar Andrew…))
„Tom geht’s schlecht… sein Fieber wird… langsam lebensbedrohlich…“ Fing Edna dann noch besorgter an.
„Ja, deswegen sind wir ja erst zu spät gekommen, wir wären viel früher bei euch gewesen. Gerade als wir gehen wollte, ich zu Tara, Edna zu dir, erlitt Tom beinahe einen Herzstillstand. Die Ärzte konnten ihn retten, nun liegt er auf der Intensivstation.“ Fuhr Harris sachlich fort, dabei aber Matts Blicke meidend.
„Verstehe… tzzzz…“ Leise gab er etwas Bösartiges von sich. „Ist mir doch egal, was mit Tom passiert…“
„Matt, wie kannst du so etwas sagen?!“ Sichtlich getroffen von seiner Aussage sprang Edna auf. Matt schwieg und sah nach rechts zu den Fahrradständern. Die Schüler an den Tischen um sie herum guckten neugierig.
„Wenn dieser…“ Fing er an, wusste aber, dass die Worte, die auf seiner Zunge lagen, nur noch mehr Unmut erregen würden, weswegen er sie runterschluckte.
„Da gibt es noch etwas…“ Sprach Edna immer noch verärgert, aber schon viel ruhiger und setzte sich wieder.
„…eure Amnesie.“ Beendete Harris ihren Satz und kratzte sich an den rothaarigen Hinterkopf. „Wieso könnt ihr beide euch kaum an das erinnern, was gestern Nacht geschah?“
„Ich erinnere mich noch, wie ich zur Schule gehastet bin, um ihm von Tom zu erzählen…“ Murrte Edna.
„Nach meinen Sieg über dieses Arschloch erinnere ich mich nur noch an das, was heute Morgen geschah… na ja, ich weiß noch, dass George irgendwie seine Bodyguards als Alibi benutzen wollte, um mich zu linken.“
„Das Blut auf dem Boden macht mir Angst.“ Gestand Edna unruhig. „Es war nicht viel, aber…“
„Gut möglich, dass ihr beide etwas gesehen habt, was von eurem Unterbewusstsein verdrängt wurde.“ Mutmaßte Harris und kratzte sich am Kinn.
„Ich denke, wir sind nicht die Einzigen, die unter Amnesie leiden. Ich habe das Gefühl, George kann sich wirklich nicht erinnern, dass er Joshua bei sich hatte.“ Warf Edna ein.
„Der lügt doch nur!“ Brüllte ihr Gegenüber verärgert und schlug symbolisch beide Arme auf den Tisch, sodass dieser erbebte.
„Wir sollten mit Amarou reden. Vielleicht erinnert der sich.“ Schlug Edna dann skeptisch vor.
„Oder Matt leidet unter Halluzinationen.“ Murmelte Harris leise.
„Ich weiß, dass Joshua dabei war, gottverdammt!“ Schnauzte dieser ihn jedoch sofort an. Doch die Schulglocke ertönte leise hinter ihnen, und die Schüler um sie herum standen langsam auf.
„Wir sollten jetzt reingehen.“ Schlug Edna geknickt vor. „Wir sprechen mit Amarou und basta! Wir haben mehr als genug Probleme im Moment, da ist jede Hilfe von Vorteil!“
„Von mir aus…“ Schnaubte Matt und stand auf, um eilig fort zu gehen.
„Dieser…“ Edna erhob sich ebenfalls und rammte ihre Hände in die Hüften.
„Du musst ihn verstehen.“ Besänftigte Harris sie. „Tara ist weg, sein Sieg wird nicht anerkannt, Tom geht’s mies… dazu noch die Amnesie, die vielleicht mit dem Blut am Boden zutun hat. Das ist alles etwas viel.“
„Wir hängen da genau so drin.“
„Schon… dennoch, Matt scheint im Moment sehr empfindlich.“
Nun gingen die beiden gemeinsam über den Rasen in Richtung des Steinwegs, welcher zur Einganstür führte.
„Irgendetwas Komisches geht hier vor sich Harris. Du kannst mich für verrückt erklären, aber…“
„Ich weiß, was du sagen willst.“ Er legte seine Hand auf ihre Schulter und lächelte sie an.
„Wenn du dich bei mir ausweinen willst, ich hab immer Zeit…“ Etwas Schelmisches stach aus seinem Gesicht hervor, was Ednas Laune nicht gerade hob.
„Ich verzichte dankend.“ Antwortete sie knapp und löste sich von ihm, stolzierte hastig davon.
„Sei doch nicht so…“ Rief er ihr lachend hinterher.
„Pah!“ Brachte sie noch hervor, bevor sie im Schulgebäude verschwunden war.
- später, in einem Klassenzimmer -
„Beeil dich doch, Sophie…“ Ihre Freundin Jessy blickte das schwarzhaarige Mädchen ungeduldig an, während Sophie die letzten Unterlagen in ihren roten Rucksack räumte.
Beide befanden sich im hinteren Teil des Raums, welcher bereits leer war, bis auf die beiden Mädchen.
„Hetz mich nicht so.“
„Wir kommen noch zu spät.“ Drängelte der Rotschopf energisch weiter.
„Kann ich etwa was dafür, dass DU Kinokarten für einen Film kaufst, der eine Viertelstunde nach Schulschluss läuft?“ Fauchte die Gehetzte nun erbost und buckelte den Rucksack.
Beide liefen eilig durch den Raum in einen weißen Korridor, von da aus die Treppen runter, direkt durch den Haupteingang auf den Schulhof.
„Wenn wir mit dem Bus fahren, kommen wir zu spät.“ Entschied Jessy, während sie schnurstracks auf das Haupttor zugingen.
„Warum?“
„Weil wir mindestens fünf Minuten warten müssen, ehe der Bus kommt!?“
„Na toll… sollen wir etwa zum Kino laufen?“
„Jah! Aber nicht laufen, rennen!“ Ein böser Blick aus den braunen Augen Jessys sollte Sophie genügen, um resignierend zu nicken.
Zusammen sputeten sie vom Tor aus rechts über den Bürgersteig, der regelmäßig mit Bäumen gepflastert war.
„Das heute war anstrengend, findest du nicht?“
„Schule?“ Wollte Sophie genauer wissen.
„Ja, na was denn sonst?“
„Ach na ja, ich fand es ganz okay. Nur quadratische Gleichungen und binomische Formeln sind Mist…“
„Wem sagst du das…“ Stöhnte Jessy erschöpft und rannte gemeinsam mit Sophie weiter.
„Das dauert ja ewig.“ Beschwerte sich Jessy schließlich nach einiger Zeit und blieb stehen. Sophie hielt mit ihr an und stützte sich mit einer Hand an eine graue, hohe Mauer ab.
„Wir kommen irgendwie gar nicht voran…“ Vor Erschöpfung verstand man sie kaum.
Jessy drehte sich zu Sophie um und überblicke den Weg, von dem sie kamen.
„Dieser Nebel ist doch nicht normal, oder?“ Sie zeigte geradeaus.
„Nebel?“ Sophie blickte verdutzt hinter sich, doch tatsächlich.
Dichter Nebel umhüllte ihren Rückweg. Doch nicht nur das, auch die anliegende Straße und der Weg vor ihnen waren in einen weißen Schleier gehüllt. Ihr Sichtfeld war auf wenige Meter beschränkt.
Jessy nahm es jedoch nicht ernst und kicherte geheimnisvoll: „Unheimlich, findest du nicht?“
„Ja…“ Sophie war zwar nicht wohl bei der Sache, aber vor Jessy wollte sie keine Schwächen oder Ängste zeigen. „Los, gehen wir weiter.“
Beide liefen zusammen weiter, doch sie schienen sich keinen Millimeter vom Fleck zu rühren.
„Wir müssten doch bald bei der Kurve ankommen…“ Sprach Sophie wütend und wartete auf eine Antwort die ausblieb.
„Es ist Sommer, was macht der Nebel eigentlich hier?“ Dann seufzte sie auf.
„Immer das Gleiche, alles muss schief gehen. Sag mal Jessy, wollen wir nicht lieber umkehren?“ Doch erneut erhielt sie keine Antwort.
Sie drehte sich um und musste feststellen, dass Jessy nicht mehr bei ihr war. Einen Moment völlig perplex, rief sie schließlich laut: „Jessy? Wo bist du?“
Niemand sollte ihr antworten.
Einen Schritt zurückgehend, schrie sie erneut den Namen ihrer Freundin, nur um Stille zu erleben.
„Mach keinen Scheiß…“ Flüsterte Sophie dann besorgt und ging noch etwas zurück.
„Dafür scheint es zu spät.“
Die tiefe, kalte Stimme erschreckte Sophie bis ins Mark und Bein, denn dort war jemand hinter ihr. Sofort drehte sie sich um und stand in etwa einem Meter Entfernung einem völlig vermummten Mann gegenüber. Schwärzer als die Nacht selbst, stach er aus der weißen Wolke hervor und lachte in sich hinein.
„Wo ist Jessy?“ War das Erste, das Sophie einfiel.
„Hier… aber nicht bei dir und auch nicht bei mir. Vielleicht hier und doch nirgendwo. Doch wo ist ‚hier’? Vielleicht schläft sie nur, und dies ist ihr Traum. Nein, das wäre gar zu absurd…“
„Reden Sie Klartext man!“ Zischte Sophie völlig außer Atem.
„Wenn du deine Frage stellen kannst.“ Konterte er tonlos.
„Wo ist meine Freundin, was haben Sie mit ihr gemacht?“
„Sie ist hier, noch unversehrt. Sie schläft, doch um sie zu wecken… brauchst du dies hier.“
Sophie merkte, wie etwas an ihrem Arm schwerer wurde und ihn hinunterdrückte. Sie sah ihn an und erkannte ihre pinkfarbene Dueldisk wieder.
„Wo kommt die denn her?!?“
„Du hast Wichtigeres zutun, als dir darüber den Kopf zu zerbrechen. Spiel gegen mich, wenn du das Leben deiner Freundin wahren willst!“ Er ging in Kampfpose und winkte sie symbolisch zu sich.
„Ihr Leben?!“ Ein tiefer Ausdruck des Entsetzens machte sich auf ihrem verwirrten Gesicht breit.
„Genau das. Und die Zeit eilt, denn mit jeder Minute wird sie tiefer in einen Albtraum versinken, der ihr Leben kürzer und kürzer macht, bis sie stirbt.“
((Was soll ich tun? Bin ich hier im falschen Film? Ist hier ne versteckte Kamera? Aber was, wenn er Recht hat?))
„Zweifle nicht zu lange, junges Mädchen, denn deine Freundin…“
„Was bleibt mir für eine andere Wahl!? Das hier ist nicht witzig!“ Schrie sie ihn an.
„Habe ich gelacht?“ Und in der Tat klang er ernst.
„Verraten sie mir wenigstens ihren Namen! Haben Sie Jessy…“
„Nero, zu Diensten.“ Er verbeugte sich dabei vor ihr, doch sie konnte durch seine Kapuze hindurch kein Gesicht erkennen. Er sah fast wie ein moderner Sensenmann aus, ging es ihr durch den Kopf.
„Ob ich sie in diese schreckliche Situation gebracht habe, überlasse ich ganz allein deiner Fantasie“
„Das fasse ich als ‚ja’ auf!“ Völlig in der Angst um ihre Freundin versunken, versuchte sie, einen klaren Kopf zu bewahren. Das konnte nicht real sein. Das durfte nicht real sein.
((Ich darf… ich muss sie beschützen. Oh man… ich zittere wie Espenlaub. So gut wie Matt bin ich nicht. Was, wenn der mich besiegt? Sterbe… sterbe ich dann auch? Oh nein…))
„Beginnen wir!“ Forderte Nero.
Schon standen sich beide in Duellposition gegenüber, der Kampf begann.
[Sophie: 4000LP Nero: 4000LP]
„Ich bin mal so frei und mache den ersten Zug. Und diesen eröffne ich mit Enigma Lady (ATK/1400)!“ Rief sie gefasst, was jedoch nur eine Fassade war.
Grüne Federn fielen von oben herab auf das Spielfeld. Ein süßliches Kichern hallte durch die Nebelwolke, eine wunderschöne, in weißem Latex gekleidete, blonde Frau mit blassgrünen Flügeln schoss hinter Sophie hervor. Ihre Haare waren hochgesteckt, ein ebenso grüner Schleier verhüllte ihren Mund.
„Und als kleine Unterstützung setze ich eine Karte verdeckt.“
Auch wenn sich Sophie ihrer Sache nicht ganz sicher war, so hatte sie den festen Willen, zu gewinnen.
„Ich sehe, du bist mutig. Andere würden feiges Verhalten an den Tag legen, das beeindruckt mich.“ Sprach er beruhigend auf sie ein.
„Doch egal, wie tapfer du bist, ich kann dich deswegen nicht einfach gewinnen lassen. Und deshalb beschwöre ich, aufgrund von mangelnden Feldkarten, Dark Creation (ATK/2200) als Spezialbeschwörung!“
Linien auf dem Bürgersteig formten sich zu einem Pentagramm, aus dessen Mitte ein schwarzer Steinzyklop mit rotem Zeichen auf der Brust brach. Doch noch bevor er den Schutt von seinen Schultern klopfte, schossen zu beiden Seiten der Enigma Lady Abbildungen von ihr hervor, die sich schließlich materialisierten.
3 x Enigma Lady (ATK/1400)
„Um Ihre Frage gleich zu beantworten Nero, es war mein Schnellzauber Doubling Vision. Wenn sie spezial beschwören und ich eine Enigma Lady kontrolliere, wähle ich zwei weitere Enigma Ladys vom Friedhof oder Deck und rufe sie herbei. Stark, finden Sie nicht?“ Keck sah sie ihren Gegner in die Augen.
„Keine schlechte Idee, nur ist die mangelnde Stärke deiner Monster ein Hindernis. Dark Creation, greife eine Enigma Lady an!“
Doch anstatt der Koloss sich rührte, ließ stattdessen die Enigma Lady drei ballgroße Lichtkugeln in Dreiecksformation vor sich erscheinen.
„Ehe Sie nicht raten, zu welcher Art die oberste Karte auf meinem Deck gehört, tut sich da gar nichts!“
„Nun, ich vermute, ich soll falsch raten. Andererseits, ich kenne dein Deck nicht. Ich schätze, der einfachste Weg wäre entweder ‚Monster’ oder ‚Zauber’ zu wählen. Doch sicher liegt hier der Kniff, weswegen meine Wahl ‚Falle’ ist!“
„Wie Sie meinen…“ Entgegnete Sophie unruhig und deckte ihre Karte vom Deck, Wasserchor (Falle), auf.
„Sieh an, ich hatte also Recht.“
„Stimmt, ich muss die Karte auf den Friedhof legen. ABER dafür wird ihr Monster diese Runde nicht angreifen können.
Etwas erstaunt wurde Nero bewusst, dass dieses Mädchen mit ihren Monstern einen Plan verfolgte. Und diesen wollte er aufdecken.
„Abyss Polymerization! Durch sie rufe ich ein Finsternis-Fusionsmonster noch während der Battle Phase - eine praktische Zauberkarte.“ Er legte Dark Creation von seinem Feld und selbige Karte von seiner Hand auf den Friedhof ab.
„Jetzt beschwöre ich, durch meine Karte um 1000 Punkte gestärkt, Dark Prophecy (ATK/3000 zu 4000)!“
Aus einem deutlich größeren, rot aufleuchtenden Bannkreis sprang aus schwarzer Flüssigkeit ein Riese. Sein ganzer Körper bestand aus schwarzem Stein, vielleicht Kohle. Nur mit einem braunen Lederkilt bekleidet, überragte er Sophie über einen Meter und warf einen bedrohlichen Schatten auf sie und ihre Monster.
„Demnach muss ich also eine falsche Wahl treffen, um dein Monster zu vernichten! Los Dark Prophecy, vernichte Enigma Lady, denn meine Wahl lautet ‚Monster’!“
Die Enigma Lady ließ ihre Kugeln erneut erscheinen, während Sophie die oberste Karte ihres Decks aufdeckte.
((Light-Cyclone, ein Zauber…)) Sophie hielt die Karte glücklich in der Hand.
„Der Angriff mag durchkommen, aber ich behalte diese Karte!“
„Wie du meinst…“ Sein leises Flüstern verunsicherte sie.
Der Kampf der beiden Monster war indes entschieden, ein Laserstrahl aus dem Auge des Zyklopen vernichtete die mittlere Enigma Lady.
[Sophie: 1400LP Nero: 4000LP]
„Doom Wave!“ Schrie Nero plötzlich wie von allen guten Geistern verlassen und hob seine Arme in die Luft.
Etwas hinter ihm rauschte und knisterte bedrohlich.
„Wa-“
Ein stechender Schmerz durchfuhr Sophies Körper. Sie zuckte gequält zusammen, doch nichts war zu sehen. Noch mal durchfuhr sie dieser Schmerz.
„Das ist erst die Vorkost…“ Grinste ihr Gegner hämisch.
Hinter ihm rausche in sekundenschnelle eine dunkle, elektrische Welle hervor, schockte Sophie und warf sie qualmend einen Meter entfernt zurück auf den Boden.
[Sophie: 100LP Nero: 4000LP]
„Eine sehr nützliche Zauberkarte, die zum Preis einer meiner Handkarten die Pein des Kampfes halbiert und dich damit erneut quält.“ Während er sprach, spielte er seine letzte Handkarte verdeckt aus.
Sophie stand benommen auf. Ihr Herz schlug schneller als gewöhnlich, sie nahm ihre Umwelt nur noch verschwommen wahr.
((Den nächsten Treffer verkrafte ich nicht. Und das gerade mal nach einer Runde.))
Sie steckte wirklich in der Klemme.
„Du siehst, ich bin ein ernst zu nehmender Gegner. Streng dich an, Kleines, denn ich hasse langweilige Duelle.“ Spott lag in seinem Tonfall.
„Ich auch!“ Murrte sie zornig. „Dir wird das blöde Grinsen gleich vergehen!“
Dass sie ihn nun duzte, war ihr völlig egal. Sie wollte es diesem Heini zeigen, der solle sie ja nicht unterschätzen!
„Mein Zug!“ Brüllte sie enthusiastisch ziehend.
„Light-Cyclone!“ Sie hielt ihre Zauberkarte hoch in die Luft, aus welcher ein strahlender Wirbelsturm austrat.
Es stellte sich heraus, dass eine Enigma Lady (ATK/1400) ihn verursachte und aus dem Auge des Sturms hervor flog, um sich zu ihren Artgenossinnen zu gesellen.
„Mein Zauber verbietet mir diese Runde die Normalbeschwörung, doch dafür darf ich eine Enigma Lady vom Friedhof wiedererwecken. Wo wir doch gerade beim Thema sind…“ Sie hielt eine Zauberkarte in ihrer Hand.
„Schon mal was von Enigmatic Typhoon gehört?“ Erkundigte sie sich schadensfroh, wissend, was gleich passieren würde.
„Erklär es mir.“
„Drei Enigma Ladys befinden sich auf meiner Spielfeldseite, was bedeutet, ich kann nun alle ihre Monster ODER all ihre Zauber- und Fallenkarten vernichten. Sieht schlecht aus für sie!“
Die drei Enigma Ladys flogen zueinander und pressten sich Rücken an Rücken. Sie begannen, einen Wirbelsturm zu entfachen, welcher rasant auf Dark Prophecy zu peitschte und ein Loch in dessen Magengegend bohrte. Das Monster zerfiel zu Asche und Sophies Monster beendeten die Wirbelattacke.
„Du hast meine Falle ausgelöst, Tainted Black!“ Schrie Nero. „Wenn eine Finsternis-Fusion vernichtet wird, darf ich für jedes verwendete Material eine Karte ziehen, was zusammen zwei ergibt!“ Schnurstracks hatte er die zwei Karten auf der Hand.
„Das bringt dir auch nichts mehr! Los Enigma Ladys! Mystic Storm Force!“
Alle drei Monster schossen wie ein Pfeil in die Luft und bildeten eine Dreiecksformation. Sie hielten ihre flachen Hände von oben in Neros Richtung und ließen vor sich unendlich viele Lichtkugeln erscheinen, die sie wie einen Bombenhagel auf Nero abfeuerten.
„Das war’s!“ Schrie Sophie glücklich, während die Kugeln ihr Ziel trafen und eine gewaltige, laute Explosion auslösten. Dessen Rauch verzog sich schnell wieder.
[Sophie: 100LP Nero: 800LP]
Nero stand qualmend, mit seinen Armen den Kopf schützend dar und senkte seine Arme schließlich. Ein Grinsen huschte nun sichtbar über sein Gesicht.
„Aber meine Enigma Ladys haben zusammen 4200 Angriffspunkte…“ Stotterte Sophie.
„Das mag schon sein, aber ich habe die spezielle Fähigkeit von Dark Prophecy benutzt.“
„Aber die liegt doch auf dem Friedhof.“
„Ganz genau, und nur dort aktiviert sich ihr Effekt.“
Sophie schluckte.
„Einmal pro Zug kann ich Kampfschaden um 1000 Punkte verringern.“
((Verdammt, das war haarscharf am Sieg vorbei.)) Sie biss sich auf die Lippe.
((Aber egal, seine Chancen stehen schlecht. Besonders wenn ich die hier benutze.)) Stur führte sie ihren Zug fort. „Ich setze eine Karte verdeckt. Damit bin ich hier fertig.“
Die Karte materialisierte sich vor ihren Füßen.
„Tick tock, die Zeit rennt dir davon…“ Nuschelte Nero böswillig.
„Was ist mit Jessy?!“
„Noch lebt sie, aber es geht ihr zunehmend schlechter. Sie stirbt…“ Sophie ballte mit Tränen in den Augen ihre Fäuste fest zusammen und zerdrückte ihre Karten.
„Dann wollen wir sie mal nicht warten lassen, ich aktiviere eine Karte mit dem Namen Überlastfusion!“
„Und die bewirkt?“ Fragte sie ängstlich.
Hinter Nero erschienen Abbilder dreier Monster. Zwei davon waren Dark Creations, das letzte war eine gewaltige, schwarze Stahlkette, die sich um die Körper der beiden Monster schlang.
„Ich rufe eine Finsternis-Maschinen-Fusion, indem ich ihre Bestandteile vom Feld oder Friedhof entferne. Und meine Wahl ist Dark Deity, ein Monster, dass aus drei Dark Creations besteht!“
„Betrüger! Auf dem Friedhof sind nur zwei!“
„Nein, drei… als ich Doom Wave aktivierte, warf ich Dark Chains ab, eine Karte, die im Friedhof als Dark Creation behandelt wird.“
Ein schwarzes Loch öffnete sich vor Nero. Energieladungen schlugen auf dem Bürgersteig, auf der Straße und in die Mauer ein, Sophie sprang rechtzeitig zurück, um nicht selbst getroffen zu werden.
Eine dunkle Gestalt schwebte über den Boden. Es war ein weiblicher Zyklop, welcher einen schier riesigen, silbergrauen Umhang hinter sich herschleifte. Ihr Haar bestand aus blauen Schlangenwesen, dessen gelbe Augen auf Sophie gerichtet waren.
Ein grünes Kreissymbol mit zwei senkrechten Strichen zeichnete sich auf dem nackten, schwarzen Körper ab. Das rote Auge öffnete sich und verängstigte das Mädchen noch mehr.
Dark Deity (ATK/4000)
„Es war eine Ehre, gegen dich gespielt zu haben, Mädchen. Doch dein Können reicht nicht aus, um meines zu übertreffen. So denn, greife sie mit deiner speziellen Fähigkeit direkt an, Dark Deity!“
„Niemals, Defense Illusion!“ Brüllte Sophie dazwischen. Sofort erschienen unzählige Kopieren der Enigma Lady um sie herum und Sophie verschwand.
Die Zyklopin schoss aus ihrem Auge einen Laserstrahl, welcher jedoch an jeder der Enigma Ladys abprallte.
„Was geschieht hier?“
„Meine Falle verhindert alle deine Angriffe, solange ich mindestens zwei Enigma Ladys kontrolliere!“ Sophies Stimme hallte durch den Nebel, doch sie selbst schien verschwunden.
„So? Eine wahrlich gute Verteidigungsstrategie. Aber wenn ich nicht zu dir gelange, musst du eben zu mir kommen. Und zwar durch Vicious Mercy, einem Zauber!“
Dark Deity leuchtete in einer dunklen Aura auf, die sogleich die Illusion auflöste und Sophie verriet. Denn sie stand nach wie vor an dem Fleck, von wo aus sie sich duellierte. Die Enigma Ladys kreisten schützend um sie, doch wurden von der bösen Aura infiziert.
„Du musst nächste Runde mein Monster angreifen, andernfalls verlierst du für jedes deiner Monster am Ende des Zuges 600 Lebenspunkte.“ Siegessicher sah Nero ihr in die Augen.
„Zug ende!“
Einen Moment war Sophie erstarrt. Sie musste dieses Monster angreifen? Aber wie, wenn sie doch kein Monster mit derart vielen Angriffspunkten in ihrem Deck besaß?
„Die Zeit läuft, dein Zögern verschlimmert nur die Situation deiner Freundin.“ Drängte er sie penetrant.
((Ich muss…)) Sie zog und sah die Karte an, Cyber Enigma Lady.
((Die bringt mir nichts… doch Moment! Hmm in Anbetracht aller Möglichkeiten…)) Dann betrachtete sie ihre anderen Handkarten.
- Magische Steinausgrabung
- Air Tamer
- Erbschaftssymbol
„Ich behalte Defense Illusion auf dem Spielfeld!“ Entschied sie sich. „Dafür muss ich allerdings eine Enigma Lady opfern.“
Und somit verschwand eine der geflügelten Damen.
„Diese Karte bringt dir nichts mehr, denn du bist gezwungen, mein Monster anzugreifen.“
„Was weißt du schon? Ich rufe Cyber Enigma Lady (ATK/1700) auf!“
Aus einem weißen Blitz schoss ein Wesen hervor, das den Enigma Ladys ähnlich sah, jedoch statt weißer Latexbekleidung, eine silberne, Dornenbesetzte Rüstung trug. Die grünen Schwingen waren zudem viel eleganter und breiter, als bei ihren Artgenossinnen.
„Bereite dich auf das Ende vor, denn ich aktiviere Magische Steinausgrabung und lege zwei Karten damit ab, um Enigmatic Typhoon zurück zu erhalten.“ Mit breitem Grinsen hielt sie die Karte in die Luft.
„Und Cyber Enigma Lady wird auf dem Feld und im Friedhof ebenfalls als Enigma Lady behandelt, was heißt, ich kann ihn aktivieren!“
((Außerdem habe ich so meine Falle behalten, man kann ja nie wissen.))
Ein grünlicher Wirbelsturm zerfetzte Dark Deity in sekundenschnelle.
„Diesmal kann dich nichts mehr retten! Los, Enigma Lady!“
Die geflügelte Dame feuerte Lichtkugeln auf Nero ab, welcher diese jedoch mit seinem Arm einfach weg schlug.
„Dark Deity negiert einmal pro Zug den Kampfschaden, der mir zugefügt wird, solange sie auf dem Friedhof liegt.“
„Was soll’s, hier kommt der nächste Angriff!“ Fauchte Sophie genervt.
Doch die Enigma Lady wurde durch einen blauen Bannkreis festgehalten, der sie bewegungsunfähig machte.
„Auch diesem Angriff weiche ich geschickt aus, denn meine Zauberkarte Cursed Pentacle verhindert den Schaden.“ Er hielt seine letzte Karte empor.
„Aber Zauber können doch gar nicht im gegnerischen Zug aktiviert werden, schon gar nicht von der Hand!“ Sophie erblasste.
„Dieser hier schon…“ Er fing an zu lachen. ((Und auch der nächste Angriff wird sein Ziel verfehlen. Du hast verloren, Kleine. Deine Lebenspunkte werden am Ende des Zuges auf 0 fallen...))
„Ich habe immer noch Cyber Enigma Lady! Los, Fatal Fury!“ Schrie sie, um Neros Lache zu übertönen.
„Du dummes Mädchen, hast du Dark Prophecy vergessen? Dadurch wird auch dieser Schaden fast gänzlich geblockt. Und Vicious Mercy wirkt auch dann, wenn mein Monster vernichtet wurde! Das heißt, du hast verloren! Gib es auf!“
„NIE! Ich werde Jessy nicht im Stich lassen!“ Beide sahen sich tief in die Augen.
Die Cyber Enigma Lady rauschte wie ein Pfeil auf Nero zu und ließ aus ihren Fingernägeln scharfe Krallen schießen, die ihren Widersacher töten sollten.
„Los Dark Prophecy, mindere den Schaden!“ Schallte Neros Stimme über den Platz.
Der Zyklop flackerte als Illusion hinter ihm auf und schlang seine gewaltigen Arme um Nero, damit die Furie ihn nicht treffen konnte.
„Da hab ich auch noch ein Wörtchen mitzureden, Air Tamer!“
Schlagartig fing die Cyber Enigma Lady an, sich zu drehen.
Wie ein Wirbelsturm bohrte sie sich durch die Arme des Zyklopen und prallte mit voller Wucht in Neros Körper.
„Du… wirst… mich niemals… besiegen…“ Ächzte er, während er zurückgeschoben wurde.
„Hab ich bereits!“ Lachte Sophie triumphal.
[Sophie: 100LP Nero: 0LP]
„Wa-?“
Der Sturm, der Nero malträtierte, verschwand zusammen mit den anderen Hologrammen.
„Ich hätte den Angriff überstehen müssen. Mit 100 Lebenspunkten, aber…“
„Nein, Air Tamer stärkt beim Angriff eines meiner Wind-Monster um 500 Angriffspunkte. Damit habe ich legal gewonnen! UND JETZT RETTE JESSY!!!“
„Deine wertvolle Freundin ist in Sicherheit. Sie war nie in Gefahr…“ Seine Stimme verhieß nichts Gutes, obwohl er geschwächt in die Knie gehen musste. Innerlich atmete Sophie erleichtert auf.
„Was soll das heißen!?“ Sie wich dennoch zurück, verwirrt was er dann überhaupt wollte. Mysteriös sprach er weiter.
„Sie sucht dich bereits. Allerdings wird sie dich hier nicht finden.“ Er richtete sich geschwächt auf, bewegte sich auf sie zu.
„Ich habe dich gesehen… dein Talent ist nicht von der Hand zu weisen. Der Professor hatte Recht mit dem, was er sagte.“
„Wo sind wir hier?“ Fragte das Mädchen ängstlich.
„Im niemals sterbenden Reich der Schatten. Hättest du verloren, nun deine Seele wäre… aber du hast gewonnen. Komm mit.“
„Was? Ich verstehe nicht… Jessy…“ Die Angst, die Sophies gesamten Körper lähmte, blieb Nero nicht verborgen.
„Lass mich dich zum Professor bringen. Du könntest einer der Schlüssel sein, der seine blutbefleckten Hände, seine Sünden, zu mindern imstande wäre.“
„Aber ich-“ „Schlaf!“ Neros Stimme hallte laut in Sophies Kopf, schlagartig fiel sie rücklings um.
Nero lief auf ihren regungslosen Körper zu und hob ihn behutsam auf. Sein Kopf war dem ihren, der sich an seine Schulter lehnte, sehr nah. Vorsichtig drückte er sie an sich, hielt sie unter den Kniekehlen fest und lief mit ihr durch den Nebel.
Turn 110 - The strength
Als die Freunde Tom besuchen wollten, erfuhren sie, dass er verlegt wurde, da sich sein Zustand bedrohlich verschlechtert hatte. Daraus entstand ein Streit zwischen Matt und Edna. Inzwischen erwachte Tara an einem seltsamen Ort und musste sich mit Gardenia duellieren…
Sophies Deckliste
Neros Deckliste
„Was ich getan habe…?“ Matt folgte ihr, verstand ihre Panik nicht. Ihr ganzer Körper war nackt und von Dunkelheit bedeckt. Sie konnte Matt nicht ansehen, versuchte, schwach wie sie war, zu fliehen. Doch Matts Schritte passten sich ihrer an, er war so nah.
Finsternis war das Einzige hier. Nein nicht ganz, denn der blaue Mond strahlte aus der Ferne auf die beiden herab.
„Du bist… ein Monster!“ Schrie Tara und unter Tränen, brach dabei zusammen. Sie rollte sich auf den Rücken und sah zu Matt hoch, der sie befremdlich musterte. In die Finsternis wurde sie gezogen, langsam, aber stetig. Wie Wasser schwamm sie plötzlich, ihr blondes Haar trieb im Schwarz.
„Ein Monster bin ich? Warum… Tara, erklär mir, warum ich ein Monster bin.“ Fragte er sanft.
Ihre Beine versanken, gefolgt von ihrem Oberkörper. Sie streckte ihre Hand nach ihm aus.
„Bitte Matt, lass es nicht so enden…“ Ihre nassen Augen schlossen sich langsam. Ihr Kopf ging schon bis zum Kinn unter.
„Aber…“ Er bückte sich und versuchte nach ihrer Hand zu greifen.
„Matt, bitte… bitte tu es nicht… du hast es schon getan… tu es nicht noch einmal…“ Es klang, als würde ihr Herz bei diesen Worten brechen.
„Was redest du da? Was…“ Seine Finger und die ihren berührten sich.
Mit einem Schlag hockte er auf einer großen, schwarzen Anhöhe und sah sie von unten in die Finsternis versinken.
„Tara! Nein!“ Schrie er verzweifelt, doch die letzten blonden Haare gingen unter.
„Was habe ich getan? Ich habe sie… umgebracht…“ Wimmerte er und sah seine Hände an. „Tara… das darf nicht sein. Du darfst nicht tot sein…“
„MATT!“ Schrie ihre tiefe, verzerrte Stimme in einer unglaublichen Lautstärke. Ein Schatten erhob sich vor ihm.
„MATT!“
„Tara!“ Rief er und schreckte hoch.
„Matt!“ Sofort verspürte er einen leichten Schmerz auf seiner rechten Backe. Er rieb sie sich und sah das schwarzhaarige Mädchen an, das auf seinem Bett saß.
„Selbst im Schlaf hast du wohl nur deine Tara im Kopf, was?“ Kicherte Sophie, seine Schwester, und stand vom Bett auf.
„Wa…“
„Du hast um eine Stunde verschlafen, du Trottel.“ Tadelte sie ihn schließlich und stolzierte durch das weite Zimmer, dabei warf sie einen Blick aus seinem gewaltigen Panoramafenster nach draußen, die Autos ihrer Eltern waren bereits weg.
„Ich hab WAS?“ Erschrak Matt und stolperte aus seinem Bett, nur mit schwarzen Boxershorts bekleidet.
„In einer Viertelstunde kommt der Bus, also mach dich schnell fertig.“ Schimpfte sie ihn von der Tür aus an und verschwand. Die Tür knallte laut zu und Matt war mit einem Schlag wach.
((Ich verschlafe doch nie.)) Wunderte er sich, während er zu seinem Schrank ging und sich Sachen herausnahm.
((Hmm… wann war ich eigentlich zuhause?)) Er sah zu seinem Nachttisch zurück auf den Wecker, auf dem es gerade viertel Neun wurde.
((Moment… ich…)) Matt betrachtete sich durch den Innenspiegel seines Schranks. Sanft strich er sich mit der Hand über die linke Schulter. Ihm war so, als hätte er dort eine Wunde, doch sein Spiegelbild sah kerngesund aus.
((Was ist gestern passiert? George und ich… und diese zwei Typen… aber ich erinnere mich an nichts mehr. Hab ich überhaupt gewonnen?))
„Beeil dich!“ Hörte er die gedämpfte Stimme seiner Schwester von unten rufen.
„Ja doch!“ Schnauzte er zornig zurück und betrachtete sich wieder im Spiegel.
((Wieso habe ich überhaupt… einen Blackout?)) Verwundert zuckte er mit den Schultern. ((Was mache ich jetzt überhaupt… was wenn…)) Ihm wurde mulmig zumute. ((Er gewonnen hat und nicht ich? Dann…))
„MATT!“ Schrie seine Schwester nun deutlich lauter nach oben. Schnaubend warf er die Gedanken beiseite und zog sich erst einmal um.
„Und du weißt nicht, wann ich zuhause war?“ Sophie schüttelte den Kopf.
„Ich soll mich doch nicht um deinen Kram kümmern.“ Gab sie beleidigt von sich.
Beide saßen zusammen mit einer Menge anderer Schüler im Bus. Matt sah aus dem Fenster auf die Autos herab, die an dem Bus vorbeifuhren. Gerade ging es um eine Kurve.
„Das hat auch seine Gründe.“ Zischte er sie dann an, doch sie strich sich durchs Haar und lachte auf.
„Ach wirklich?“ Sie begann zu kichern. „Geht es etwa wieder um Ta…“
„Halt den Rand!“ Fauchte er sie entschlossen an, sodass sie beinahe von ihrem Sitzplatz fiel. Sofort richteten sich die Blicke auf die beiden, die passend dazu genau in der Mitte des Busses anfingen, zu streiten.
„Bist du heute empfindlich… hast du etwa einen Korb von ihr gekriegt?“ Stellte Sophie verärgert fest und würdigte ihren Bruder nun keines Blickes mehr.
„Was geht dich das an?“
„Heißt das ‚ja’?“
„Das heißt, du sollst ruhig sein.“ Dann schwieg er eine Weile. Plötzlich brach es leise und bedrückt aus ihm heraus. „Ich hab es ihr noch nicht gesagt…“
„So…“ Nun klang auch Sophie wieder normal und tätschelte fürsorglich seinen Rücken.
„Ich mag sie ja…“ Gestand sie ehrlich. „…auch wenn sie etwas tollpatschig ist. Doch schau mal, wenn du es ihr nicht sagst, wirst du ihr ewig wie ein hirnloser Vollidiot hinterher rennen.“
„Hmm…“ Matt dachte über ihre Worte nach.
„Wobei… manchmal glaub ich, du bist auch so einer…“
„Dumme Ziege.“ Sie prustete laut los und klatschte ihm eine auf den Hinterkopf.
„Wir sind da, du Depp.“ Rief sie und zeige auf die Schüler, die bereits aus dem Bus strömten. Beide erhoben sich mit ihren Rucksäcken und folgten der Menschenmenge nach draußen.
„Tja Brüderchen, lass dir was Gutes als Entschuldigung einfallen. Du kommst selten zu spät, wenn ich nicht montags erst zur zweiten Stunde Schulbeginn hätte, wärst du wohl…“ Matt unterbrach sie schroff.
„Ja ja, lass das mal meine Sorge sein…“
Die beiden gingen durch das Tor. Der Hausmeister der Schule, gekleidet in einem blauen Arbeiteranzug mit passender Mütze, werkelte am rechten Torflügel herum.
„…so ein Dreck, wer wagt es…“
„Hmm? Was ist denn los?“ Richtete Sophie ihre Worte an ihn und drehte sich um.
((Ich weiß sehr wohl, was los ist…)) Erinnerte sich Matt, der in der Nacht das Schloss am Boden hatte liegen sehen.
Unauffällig entfernte er sich von den beiden, als der Hausmeister Sophie erklärte, dass jemand dort eingebrochen sei, jedoch nichts geklaut wurde.
„Man Matt, ich dachte schon, du kommst nicht…“ Hörte er eine Mädchenstimme besorgt aus der Schülermasse rufen.
„Edna?“ Er sah sich auf dem breiten Hof um, konnte seine Klassenkameradin jedoch nicht erspähen. Plötzlich tippte etwas auf seine Schulter.
Sich umdrehend, sah er sie misstrauisch mit dem Fuß auf den Boden tippen.
„Wo warst du?“ Wunderte sie sich über seine Unpünktlichkeit.
„Verschlafen…“ Stöhnte er müde und blickte weg.
„Ach was? Kein Wunder, wenn du um Mitternacht hier warst. Komm rein, unsere Pause ist gleich vorbei. Ich hab extra hier gewartet, ob du mit dem Bus kommst…“ Matt nickte knapp und folgte ihr.
Beide gingen zielstrebig auf das große Backsteingebäude zu.
„Matt, was ist hier passiert?“ Fragte sie ihn ernst.
„Ich…“
„Ein Einbruch. Was sollte das? Ich dachte, das Duell sollte vor der Schule stattfinden...“ Matt konnte ihrer klagenden Stimme nicht standhalten.
„Es war nicht meine Schuld. George ist hier… mit zwei so Typen eingebrochen… was weiß ich, warum er das tat... ich erinnere mich aber nicht genau… irgendwie hab ich einen Blackout. Ich weiß noch, dass einer von den beiden dieser Joshua war.“
„Einen Blackout? Dann sind wir ja zwei…“ Musste sie ironischerweise lachen.
„Zwei?“
„Ich erkläre dir die ganze Geschichte später, wenn wir Hofpause haben.“
Beide standen nun vor der Glastür des Gebäudes.
„Nur sag mir vorher…“ Ihre Stimme senkte sich auf ein bedrohliches Minimum. „Wieso hat man hier auf dem Boden Blutspuren gefunden?“
Matt sah sie stutzig an und schwieg.
„Du weißt es…“ Flüsterte sie nahezu gefährlich. „Sag es mir!“
„Moment, Blutspuren?“ Matt hatte erst jetzt realisiert, was das bedeutete.
„Ja.“
„Keine Ahnung, ich…“
„George habe ich heute gesehen, der scheint unversehrt. Er erzählt allen von seinem Sieg, wenn du es wissen willst. Als ich ihn gefragt habe, warum da Blut auf dem Boden war, sagte er, er wüsste es selbst nicht… Moment, Joshua?“ Sie sah ihn ungläubig an.
„Ja, wieso?“
„George hatte nur Amarou, seinen Klassenkameraden, als Zeugen. Nur er hätte ihn begleitet, heißt es.“
„So ein Quatsch, dieser verdammte Arsch. Nun leugnet er schon…“ Erinnerungen kamen in ihn hoch.
„Damit ist es entschieden!“ Brüllte Matt stolz. „Ich, ICH bin der Duellkönig der Schule. Und DU wirst mich in Zukunft in Ruhe lassen und dich in dein Körbchen verkriechen!“ Er zeigte mit dem Finger auf George, der nach seiner Brille suchte, die neben ihm lag.
Die Hologramme verschwanden.
„Dieser verfluchte Mistkerl!“ Schrie er laut und stürmte durch die Tür. Edna folge ihm, so schnell sie konnte, hielt jedoch ein paar Schritte Abstand.
„Was denn…?“
„ICH habe gewonnen! Und er hat sehr wohl diesen Glatzkopf dabei gehabt!“ Raunte er so laut durch den orangefarbenen Korridor, dass einige Schüler auf ihn aufmerksam wurden.
„Sei leise.“ Schimpfte sie fast unhörbar von hinten. „Verrat am besten doch allen, dass ihr die ‚Einbrecher’ seid.“
Matt blieb abrupt stehen und wandte sich zu ihr um.
„Er hat verloren. Und nun leugnet er sogar, dass er seine Bodyguards dabei hatte, die für ihn lügen sollten. Oder zumindest den Glatzkopf. Diese feige Sau…“
„Ich würde Joshua ja selbst fragen, aber er ist heute nicht aufgetaucht. Genau wie Tara übrigens… du Matt, ich muss dir da was sagen.“ Fing sie dann beunruhigt an. Doch das Klingeln der Schulglocke unterbrach sie.
„Am besten, wir unterhalten uns alle als Gruppe auf dem Schulhof. Damit du weißt, was bei uns in der Nacht so abging…“ Dann lief sie seufzend an ihm vorbei.
((Tara…?)) Matt blickte ihr erst eine Weile nach, ehe er sich entschloss, Edna zu folgen.
- später -
Matt, Edna und Harris saßen an einem braunen, rechteckigen Tisch auf dem Schulhof, weit weg vom Eingang. Hier konnten die Schüler während der Hofpause essen oder sich einfach nur hinsetzen und entspannen.
Matt starrte die beiden fassungslos an, welche ihm gegenüber auf einer Bank saßen.
„Wieso habt ihr sie nicht aufgehalten?!“ Schrie er die beiden an.
„Wir wollten…“ Begann Harris, doch erntete sofort Matts Zorn.
„Sieht man, wie ihr Tara aufhalten wolltet! Wer weiß, was man ihr angetan hat?!“
„Sie antwortet nicht auf ihrem Handy…“ Nuschelte Edna mit gesenktem Haupt, drehte wütend den Kopf weg und tippte nervös mit dem Fuß auf den Boden.
„Es hätte mich treffen sollen… ich sollte da…“ Er schüttelte den Kopf. ((War das diese Gardenia, die mich dort hinlocken wollte? Oder gar Andrew…))
„Tom geht’s schlecht… sein Fieber wird… langsam lebensbedrohlich…“ Fing Edna dann noch besorgter an.
„Ja, deswegen sind wir ja erst zu spät gekommen, wir wären viel früher bei euch gewesen. Gerade als wir gehen wollte, ich zu Tara, Edna zu dir, erlitt Tom beinahe einen Herzstillstand. Die Ärzte konnten ihn retten, nun liegt er auf der Intensivstation.“ Fuhr Harris sachlich fort, dabei aber Matts Blicke meidend.
„Verstehe… tzzzz…“ Leise gab er etwas Bösartiges von sich. „Ist mir doch egal, was mit Tom passiert…“
„Matt, wie kannst du so etwas sagen?!“ Sichtlich getroffen von seiner Aussage sprang Edna auf. Matt schwieg und sah nach rechts zu den Fahrradständern. Die Schüler an den Tischen um sie herum guckten neugierig.
„Wenn dieser…“ Fing er an, wusste aber, dass die Worte, die auf seiner Zunge lagen, nur noch mehr Unmut erregen würden, weswegen er sie runterschluckte.
„Da gibt es noch etwas…“ Sprach Edna immer noch verärgert, aber schon viel ruhiger und setzte sich wieder.
„…eure Amnesie.“ Beendete Harris ihren Satz und kratzte sich an den rothaarigen Hinterkopf. „Wieso könnt ihr beide euch kaum an das erinnern, was gestern Nacht geschah?“
„Ich erinnere mich noch, wie ich zur Schule gehastet bin, um ihm von Tom zu erzählen…“ Murrte Edna.
„Nach meinen Sieg über dieses Arschloch erinnere ich mich nur noch an das, was heute Morgen geschah… na ja, ich weiß noch, dass George irgendwie seine Bodyguards als Alibi benutzen wollte, um mich zu linken.“
„Das Blut auf dem Boden macht mir Angst.“ Gestand Edna unruhig. „Es war nicht viel, aber…“
„Gut möglich, dass ihr beide etwas gesehen habt, was von eurem Unterbewusstsein verdrängt wurde.“ Mutmaßte Harris und kratzte sich am Kinn.
„Ich denke, wir sind nicht die Einzigen, die unter Amnesie leiden. Ich habe das Gefühl, George kann sich wirklich nicht erinnern, dass er Joshua bei sich hatte.“ Warf Edna ein.
„Der lügt doch nur!“ Brüllte ihr Gegenüber verärgert und schlug symbolisch beide Arme auf den Tisch, sodass dieser erbebte.
„Wir sollten mit Amarou reden. Vielleicht erinnert der sich.“ Schlug Edna dann skeptisch vor.
„Oder Matt leidet unter Halluzinationen.“ Murmelte Harris leise.
„Ich weiß, dass Joshua dabei war, gottverdammt!“ Schnauzte dieser ihn jedoch sofort an. Doch die Schulglocke ertönte leise hinter ihnen, und die Schüler um sie herum standen langsam auf.
„Wir sollten jetzt reingehen.“ Schlug Edna geknickt vor. „Wir sprechen mit Amarou und basta! Wir haben mehr als genug Probleme im Moment, da ist jede Hilfe von Vorteil!“
„Von mir aus…“ Schnaubte Matt und stand auf, um eilig fort zu gehen.
„Dieser…“ Edna erhob sich ebenfalls und rammte ihre Hände in die Hüften.
„Du musst ihn verstehen.“ Besänftigte Harris sie. „Tara ist weg, sein Sieg wird nicht anerkannt, Tom geht’s mies… dazu noch die Amnesie, die vielleicht mit dem Blut am Boden zutun hat. Das ist alles etwas viel.“
„Wir hängen da genau so drin.“
„Schon… dennoch, Matt scheint im Moment sehr empfindlich.“
Nun gingen die beiden gemeinsam über den Rasen in Richtung des Steinwegs, welcher zur Einganstür führte.
„Irgendetwas Komisches geht hier vor sich Harris. Du kannst mich für verrückt erklären, aber…“
„Ich weiß, was du sagen willst.“ Er legte seine Hand auf ihre Schulter und lächelte sie an.
„Wenn du dich bei mir ausweinen willst, ich hab immer Zeit…“ Etwas Schelmisches stach aus seinem Gesicht hervor, was Ednas Laune nicht gerade hob.
„Ich verzichte dankend.“ Antwortete sie knapp und löste sich von ihm, stolzierte hastig davon.
„Sei doch nicht so…“ Rief er ihr lachend hinterher.
„Pah!“ Brachte sie noch hervor, bevor sie im Schulgebäude verschwunden war.
- später, in einem Klassenzimmer -
„Beeil dich doch, Sophie…“ Ihre Freundin Jessy blickte das schwarzhaarige Mädchen ungeduldig an, während Sophie die letzten Unterlagen in ihren roten Rucksack räumte.
Beide befanden sich im hinteren Teil des Raums, welcher bereits leer war, bis auf die beiden Mädchen.
„Hetz mich nicht so.“
„Wir kommen noch zu spät.“ Drängelte der Rotschopf energisch weiter.
„Kann ich etwa was dafür, dass DU Kinokarten für einen Film kaufst, der eine Viertelstunde nach Schulschluss läuft?“ Fauchte die Gehetzte nun erbost und buckelte den Rucksack.
Beide liefen eilig durch den Raum in einen weißen Korridor, von da aus die Treppen runter, direkt durch den Haupteingang auf den Schulhof.
„Wenn wir mit dem Bus fahren, kommen wir zu spät.“ Entschied Jessy, während sie schnurstracks auf das Haupttor zugingen.
„Warum?“
„Weil wir mindestens fünf Minuten warten müssen, ehe der Bus kommt!?“
„Na toll… sollen wir etwa zum Kino laufen?“
„Jah! Aber nicht laufen, rennen!“ Ein böser Blick aus den braunen Augen Jessys sollte Sophie genügen, um resignierend zu nicken.
Zusammen sputeten sie vom Tor aus rechts über den Bürgersteig, der regelmäßig mit Bäumen gepflastert war.
„Das heute war anstrengend, findest du nicht?“
„Schule?“ Wollte Sophie genauer wissen.
„Ja, na was denn sonst?“
„Ach na ja, ich fand es ganz okay. Nur quadratische Gleichungen und binomische Formeln sind Mist…“
„Wem sagst du das…“ Stöhnte Jessy erschöpft und rannte gemeinsam mit Sophie weiter.
„Das dauert ja ewig.“ Beschwerte sich Jessy schließlich nach einiger Zeit und blieb stehen. Sophie hielt mit ihr an und stützte sich mit einer Hand an eine graue, hohe Mauer ab.
„Wir kommen irgendwie gar nicht voran…“ Vor Erschöpfung verstand man sie kaum.
Jessy drehte sich zu Sophie um und überblicke den Weg, von dem sie kamen.
„Dieser Nebel ist doch nicht normal, oder?“ Sie zeigte geradeaus.
„Nebel?“ Sophie blickte verdutzt hinter sich, doch tatsächlich.
Dichter Nebel umhüllte ihren Rückweg. Doch nicht nur das, auch die anliegende Straße und der Weg vor ihnen waren in einen weißen Schleier gehüllt. Ihr Sichtfeld war auf wenige Meter beschränkt.
Jessy nahm es jedoch nicht ernst und kicherte geheimnisvoll: „Unheimlich, findest du nicht?“
„Ja…“ Sophie war zwar nicht wohl bei der Sache, aber vor Jessy wollte sie keine Schwächen oder Ängste zeigen. „Los, gehen wir weiter.“
Beide liefen zusammen weiter, doch sie schienen sich keinen Millimeter vom Fleck zu rühren.
„Wir müssten doch bald bei der Kurve ankommen…“ Sprach Sophie wütend und wartete auf eine Antwort die ausblieb.
„Es ist Sommer, was macht der Nebel eigentlich hier?“ Dann seufzte sie auf.
„Immer das Gleiche, alles muss schief gehen. Sag mal Jessy, wollen wir nicht lieber umkehren?“ Doch erneut erhielt sie keine Antwort.
Sie drehte sich um und musste feststellen, dass Jessy nicht mehr bei ihr war. Einen Moment völlig perplex, rief sie schließlich laut: „Jessy? Wo bist du?“
Niemand sollte ihr antworten.
Einen Schritt zurückgehend, schrie sie erneut den Namen ihrer Freundin, nur um Stille zu erleben.
„Mach keinen Scheiß…“ Flüsterte Sophie dann besorgt und ging noch etwas zurück.
„Dafür scheint es zu spät.“
Die tiefe, kalte Stimme erschreckte Sophie bis ins Mark und Bein, denn dort war jemand hinter ihr. Sofort drehte sie sich um und stand in etwa einem Meter Entfernung einem völlig vermummten Mann gegenüber. Schwärzer als die Nacht selbst, stach er aus der weißen Wolke hervor und lachte in sich hinein.
„Wo ist Jessy?“ War das Erste, das Sophie einfiel.
„Hier… aber nicht bei dir und auch nicht bei mir. Vielleicht hier und doch nirgendwo. Doch wo ist ‚hier’? Vielleicht schläft sie nur, und dies ist ihr Traum. Nein, das wäre gar zu absurd…“
„Reden Sie Klartext man!“ Zischte Sophie völlig außer Atem.
„Wenn du deine Frage stellen kannst.“ Konterte er tonlos.
„Wo ist meine Freundin, was haben Sie mit ihr gemacht?“
„Sie ist hier, noch unversehrt. Sie schläft, doch um sie zu wecken… brauchst du dies hier.“
Sophie merkte, wie etwas an ihrem Arm schwerer wurde und ihn hinunterdrückte. Sie sah ihn an und erkannte ihre pinkfarbene Dueldisk wieder.
„Wo kommt die denn her?!?“
„Du hast Wichtigeres zutun, als dir darüber den Kopf zu zerbrechen. Spiel gegen mich, wenn du das Leben deiner Freundin wahren willst!“ Er ging in Kampfpose und winkte sie symbolisch zu sich.
„Ihr Leben?!“ Ein tiefer Ausdruck des Entsetzens machte sich auf ihrem verwirrten Gesicht breit.
„Genau das. Und die Zeit eilt, denn mit jeder Minute wird sie tiefer in einen Albtraum versinken, der ihr Leben kürzer und kürzer macht, bis sie stirbt.“
((Was soll ich tun? Bin ich hier im falschen Film? Ist hier ne versteckte Kamera? Aber was, wenn er Recht hat?))
„Zweifle nicht zu lange, junges Mädchen, denn deine Freundin…“
„Was bleibt mir für eine andere Wahl!? Das hier ist nicht witzig!“ Schrie sie ihn an.
„Habe ich gelacht?“ Und in der Tat klang er ernst.
„Verraten sie mir wenigstens ihren Namen! Haben Sie Jessy…“
„Nero, zu Diensten.“ Er verbeugte sich dabei vor ihr, doch sie konnte durch seine Kapuze hindurch kein Gesicht erkennen. Er sah fast wie ein moderner Sensenmann aus, ging es ihr durch den Kopf.
„Ob ich sie in diese schreckliche Situation gebracht habe, überlasse ich ganz allein deiner Fantasie“
„Das fasse ich als ‚ja’ auf!“ Völlig in der Angst um ihre Freundin versunken, versuchte sie, einen klaren Kopf zu bewahren. Das konnte nicht real sein. Das durfte nicht real sein.
((Ich darf… ich muss sie beschützen. Oh man… ich zittere wie Espenlaub. So gut wie Matt bin ich nicht. Was, wenn der mich besiegt? Sterbe… sterbe ich dann auch? Oh nein…))
„Beginnen wir!“ Forderte Nero.
Schon standen sich beide in Duellposition gegenüber, der Kampf begann.
[Sophie: 4000LP Nero: 4000LP]
„Ich bin mal so frei und mache den ersten Zug. Und diesen eröffne ich mit Enigma Lady (ATK/1400)!“ Rief sie gefasst, was jedoch nur eine Fassade war.
Grüne Federn fielen von oben herab auf das Spielfeld. Ein süßliches Kichern hallte durch die Nebelwolke, eine wunderschöne, in weißem Latex gekleidete, blonde Frau mit blassgrünen Flügeln schoss hinter Sophie hervor. Ihre Haare waren hochgesteckt, ein ebenso grüner Schleier verhüllte ihren Mund.
„Und als kleine Unterstützung setze ich eine Karte verdeckt.“
Auch wenn sich Sophie ihrer Sache nicht ganz sicher war, so hatte sie den festen Willen, zu gewinnen.
„Ich sehe, du bist mutig. Andere würden feiges Verhalten an den Tag legen, das beeindruckt mich.“ Sprach er beruhigend auf sie ein.
„Doch egal, wie tapfer du bist, ich kann dich deswegen nicht einfach gewinnen lassen. Und deshalb beschwöre ich, aufgrund von mangelnden Feldkarten, Dark Creation (ATK/2200) als Spezialbeschwörung!“
Linien auf dem Bürgersteig formten sich zu einem Pentagramm, aus dessen Mitte ein schwarzer Steinzyklop mit rotem Zeichen auf der Brust brach. Doch noch bevor er den Schutt von seinen Schultern klopfte, schossen zu beiden Seiten der Enigma Lady Abbildungen von ihr hervor, die sich schließlich materialisierten.
3 x Enigma Lady (ATK/1400)
„Um Ihre Frage gleich zu beantworten Nero, es war mein Schnellzauber Doubling Vision. Wenn sie spezial beschwören und ich eine Enigma Lady kontrolliere, wähle ich zwei weitere Enigma Ladys vom Friedhof oder Deck und rufe sie herbei. Stark, finden Sie nicht?“ Keck sah sie ihren Gegner in die Augen.
„Keine schlechte Idee, nur ist die mangelnde Stärke deiner Monster ein Hindernis. Dark Creation, greife eine Enigma Lady an!“
Doch anstatt der Koloss sich rührte, ließ stattdessen die Enigma Lady drei ballgroße Lichtkugeln in Dreiecksformation vor sich erscheinen.
„Ehe Sie nicht raten, zu welcher Art die oberste Karte auf meinem Deck gehört, tut sich da gar nichts!“
„Nun, ich vermute, ich soll falsch raten. Andererseits, ich kenne dein Deck nicht. Ich schätze, der einfachste Weg wäre entweder ‚Monster’ oder ‚Zauber’ zu wählen. Doch sicher liegt hier der Kniff, weswegen meine Wahl ‚Falle’ ist!“
„Wie Sie meinen…“ Entgegnete Sophie unruhig und deckte ihre Karte vom Deck, Wasserchor (Falle), auf.
„Sieh an, ich hatte also Recht.“
„Stimmt, ich muss die Karte auf den Friedhof legen. ABER dafür wird ihr Monster diese Runde nicht angreifen können.
Etwas erstaunt wurde Nero bewusst, dass dieses Mädchen mit ihren Monstern einen Plan verfolgte. Und diesen wollte er aufdecken.
„Abyss Polymerization! Durch sie rufe ich ein Finsternis-Fusionsmonster noch während der Battle Phase - eine praktische Zauberkarte.“ Er legte Dark Creation von seinem Feld und selbige Karte von seiner Hand auf den Friedhof ab.
„Jetzt beschwöre ich, durch meine Karte um 1000 Punkte gestärkt, Dark Prophecy (ATK/3000 zu 4000)!“
Aus einem deutlich größeren, rot aufleuchtenden Bannkreis sprang aus schwarzer Flüssigkeit ein Riese. Sein ganzer Körper bestand aus schwarzem Stein, vielleicht Kohle. Nur mit einem braunen Lederkilt bekleidet, überragte er Sophie über einen Meter und warf einen bedrohlichen Schatten auf sie und ihre Monster.
„Demnach muss ich also eine falsche Wahl treffen, um dein Monster zu vernichten! Los Dark Prophecy, vernichte Enigma Lady, denn meine Wahl lautet ‚Monster’!“
Die Enigma Lady ließ ihre Kugeln erneut erscheinen, während Sophie die oberste Karte ihres Decks aufdeckte.
((Light-Cyclone, ein Zauber…)) Sophie hielt die Karte glücklich in der Hand.
„Der Angriff mag durchkommen, aber ich behalte diese Karte!“
„Wie du meinst…“ Sein leises Flüstern verunsicherte sie.
Der Kampf der beiden Monster war indes entschieden, ein Laserstrahl aus dem Auge des Zyklopen vernichtete die mittlere Enigma Lady.
[Sophie: 1400LP Nero: 4000LP]
„Doom Wave!“ Schrie Nero plötzlich wie von allen guten Geistern verlassen und hob seine Arme in die Luft.
Etwas hinter ihm rauschte und knisterte bedrohlich.
„Wa-“
Ein stechender Schmerz durchfuhr Sophies Körper. Sie zuckte gequält zusammen, doch nichts war zu sehen. Noch mal durchfuhr sie dieser Schmerz.
„Das ist erst die Vorkost…“ Grinste ihr Gegner hämisch.
Hinter ihm rausche in sekundenschnelle eine dunkle, elektrische Welle hervor, schockte Sophie und warf sie qualmend einen Meter entfernt zurück auf den Boden.
[Sophie: 100LP Nero: 4000LP]
„Eine sehr nützliche Zauberkarte, die zum Preis einer meiner Handkarten die Pein des Kampfes halbiert und dich damit erneut quält.“ Während er sprach, spielte er seine letzte Handkarte verdeckt aus.
Sophie stand benommen auf. Ihr Herz schlug schneller als gewöhnlich, sie nahm ihre Umwelt nur noch verschwommen wahr.
((Den nächsten Treffer verkrafte ich nicht. Und das gerade mal nach einer Runde.))
Sie steckte wirklich in der Klemme.
„Du siehst, ich bin ein ernst zu nehmender Gegner. Streng dich an, Kleines, denn ich hasse langweilige Duelle.“ Spott lag in seinem Tonfall.
„Ich auch!“ Murrte sie zornig. „Dir wird das blöde Grinsen gleich vergehen!“
Dass sie ihn nun duzte, war ihr völlig egal. Sie wollte es diesem Heini zeigen, der solle sie ja nicht unterschätzen!
„Mein Zug!“ Brüllte sie enthusiastisch ziehend.
„Light-Cyclone!“ Sie hielt ihre Zauberkarte hoch in die Luft, aus welcher ein strahlender Wirbelsturm austrat.
Es stellte sich heraus, dass eine Enigma Lady (ATK/1400) ihn verursachte und aus dem Auge des Sturms hervor flog, um sich zu ihren Artgenossinnen zu gesellen.
„Mein Zauber verbietet mir diese Runde die Normalbeschwörung, doch dafür darf ich eine Enigma Lady vom Friedhof wiedererwecken. Wo wir doch gerade beim Thema sind…“ Sie hielt eine Zauberkarte in ihrer Hand.
„Schon mal was von Enigmatic Typhoon gehört?“ Erkundigte sie sich schadensfroh, wissend, was gleich passieren würde.
„Erklär es mir.“
„Drei Enigma Ladys befinden sich auf meiner Spielfeldseite, was bedeutet, ich kann nun alle ihre Monster ODER all ihre Zauber- und Fallenkarten vernichten. Sieht schlecht aus für sie!“
Die drei Enigma Ladys flogen zueinander und pressten sich Rücken an Rücken. Sie begannen, einen Wirbelsturm zu entfachen, welcher rasant auf Dark Prophecy zu peitschte und ein Loch in dessen Magengegend bohrte. Das Monster zerfiel zu Asche und Sophies Monster beendeten die Wirbelattacke.
„Du hast meine Falle ausgelöst, Tainted Black!“ Schrie Nero. „Wenn eine Finsternis-Fusion vernichtet wird, darf ich für jedes verwendete Material eine Karte ziehen, was zusammen zwei ergibt!“ Schnurstracks hatte er die zwei Karten auf der Hand.
„Das bringt dir auch nichts mehr! Los Enigma Ladys! Mystic Storm Force!“
Alle drei Monster schossen wie ein Pfeil in die Luft und bildeten eine Dreiecksformation. Sie hielten ihre flachen Hände von oben in Neros Richtung und ließen vor sich unendlich viele Lichtkugeln erscheinen, die sie wie einen Bombenhagel auf Nero abfeuerten.
„Das war’s!“ Schrie Sophie glücklich, während die Kugeln ihr Ziel trafen und eine gewaltige, laute Explosion auslösten. Dessen Rauch verzog sich schnell wieder.
[Sophie: 100LP Nero: 800LP]
Nero stand qualmend, mit seinen Armen den Kopf schützend dar und senkte seine Arme schließlich. Ein Grinsen huschte nun sichtbar über sein Gesicht.
„Aber meine Enigma Ladys haben zusammen 4200 Angriffspunkte…“ Stotterte Sophie.
„Das mag schon sein, aber ich habe die spezielle Fähigkeit von Dark Prophecy benutzt.“
„Aber die liegt doch auf dem Friedhof.“
„Ganz genau, und nur dort aktiviert sich ihr Effekt.“
Sophie schluckte.
„Einmal pro Zug kann ich Kampfschaden um 1000 Punkte verringern.“
((Verdammt, das war haarscharf am Sieg vorbei.)) Sie biss sich auf die Lippe.
((Aber egal, seine Chancen stehen schlecht. Besonders wenn ich die hier benutze.)) Stur führte sie ihren Zug fort. „Ich setze eine Karte verdeckt. Damit bin ich hier fertig.“
Die Karte materialisierte sich vor ihren Füßen.
„Tick tock, die Zeit rennt dir davon…“ Nuschelte Nero böswillig.
„Was ist mit Jessy?!“
„Noch lebt sie, aber es geht ihr zunehmend schlechter. Sie stirbt…“ Sophie ballte mit Tränen in den Augen ihre Fäuste fest zusammen und zerdrückte ihre Karten.
„Dann wollen wir sie mal nicht warten lassen, ich aktiviere eine Karte mit dem Namen Überlastfusion!“
„Und die bewirkt?“ Fragte sie ängstlich.
Hinter Nero erschienen Abbilder dreier Monster. Zwei davon waren Dark Creations, das letzte war eine gewaltige, schwarze Stahlkette, die sich um die Körper der beiden Monster schlang.
„Ich rufe eine Finsternis-Maschinen-Fusion, indem ich ihre Bestandteile vom Feld oder Friedhof entferne. Und meine Wahl ist Dark Deity, ein Monster, dass aus drei Dark Creations besteht!“
„Betrüger! Auf dem Friedhof sind nur zwei!“
„Nein, drei… als ich Doom Wave aktivierte, warf ich Dark Chains ab, eine Karte, die im Friedhof als Dark Creation behandelt wird.“
Ein schwarzes Loch öffnete sich vor Nero. Energieladungen schlugen auf dem Bürgersteig, auf der Straße und in die Mauer ein, Sophie sprang rechtzeitig zurück, um nicht selbst getroffen zu werden.
Eine dunkle Gestalt schwebte über den Boden. Es war ein weiblicher Zyklop, welcher einen schier riesigen, silbergrauen Umhang hinter sich herschleifte. Ihr Haar bestand aus blauen Schlangenwesen, dessen gelbe Augen auf Sophie gerichtet waren.
Ein grünes Kreissymbol mit zwei senkrechten Strichen zeichnete sich auf dem nackten, schwarzen Körper ab. Das rote Auge öffnete sich und verängstigte das Mädchen noch mehr.
Dark Deity (ATK/4000)
„Es war eine Ehre, gegen dich gespielt zu haben, Mädchen. Doch dein Können reicht nicht aus, um meines zu übertreffen. So denn, greife sie mit deiner speziellen Fähigkeit direkt an, Dark Deity!“
„Niemals, Defense Illusion!“ Brüllte Sophie dazwischen. Sofort erschienen unzählige Kopieren der Enigma Lady um sie herum und Sophie verschwand.
Die Zyklopin schoss aus ihrem Auge einen Laserstrahl, welcher jedoch an jeder der Enigma Ladys abprallte.
„Was geschieht hier?“
„Meine Falle verhindert alle deine Angriffe, solange ich mindestens zwei Enigma Ladys kontrolliere!“ Sophies Stimme hallte durch den Nebel, doch sie selbst schien verschwunden.
„So? Eine wahrlich gute Verteidigungsstrategie. Aber wenn ich nicht zu dir gelange, musst du eben zu mir kommen. Und zwar durch Vicious Mercy, einem Zauber!“
Dark Deity leuchtete in einer dunklen Aura auf, die sogleich die Illusion auflöste und Sophie verriet. Denn sie stand nach wie vor an dem Fleck, von wo aus sie sich duellierte. Die Enigma Ladys kreisten schützend um sie, doch wurden von der bösen Aura infiziert.
„Du musst nächste Runde mein Monster angreifen, andernfalls verlierst du für jedes deiner Monster am Ende des Zuges 600 Lebenspunkte.“ Siegessicher sah Nero ihr in die Augen.
„Zug ende!“
Einen Moment war Sophie erstarrt. Sie musste dieses Monster angreifen? Aber wie, wenn sie doch kein Monster mit derart vielen Angriffspunkten in ihrem Deck besaß?
„Die Zeit läuft, dein Zögern verschlimmert nur die Situation deiner Freundin.“ Drängte er sie penetrant.
((Ich muss…)) Sie zog und sah die Karte an, Cyber Enigma Lady.
((Die bringt mir nichts… doch Moment! Hmm in Anbetracht aller Möglichkeiten…)) Dann betrachtete sie ihre anderen Handkarten.
- Magische Steinausgrabung
- Air Tamer
- Erbschaftssymbol
„Ich behalte Defense Illusion auf dem Spielfeld!“ Entschied sie sich. „Dafür muss ich allerdings eine Enigma Lady opfern.“
Und somit verschwand eine der geflügelten Damen.
„Diese Karte bringt dir nichts mehr, denn du bist gezwungen, mein Monster anzugreifen.“
„Was weißt du schon? Ich rufe Cyber Enigma Lady (ATK/1700) auf!“
Aus einem weißen Blitz schoss ein Wesen hervor, das den Enigma Ladys ähnlich sah, jedoch statt weißer Latexbekleidung, eine silberne, Dornenbesetzte Rüstung trug. Die grünen Schwingen waren zudem viel eleganter und breiter, als bei ihren Artgenossinnen.
„Bereite dich auf das Ende vor, denn ich aktiviere Magische Steinausgrabung und lege zwei Karten damit ab, um Enigmatic Typhoon zurück zu erhalten.“ Mit breitem Grinsen hielt sie die Karte in die Luft.
„Und Cyber Enigma Lady wird auf dem Feld und im Friedhof ebenfalls als Enigma Lady behandelt, was heißt, ich kann ihn aktivieren!“
((Außerdem habe ich so meine Falle behalten, man kann ja nie wissen.))
Ein grünlicher Wirbelsturm zerfetzte Dark Deity in sekundenschnelle.
„Diesmal kann dich nichts mehr retten! Los, Enigma Lady!“
Die geflügelte Dame feuerte Lichtkugeln auf Nero ab, welcher diese jedoch mit seinem Arm einfach weg schlug.
„Dark Deity negiert einmal pro Zug den Kampfschaden, der mir zugefügt wird, solange sie auf dem Friedhof liegt.“
„Was soll’s, hier kommt der nächste Angriff!“ Fauchte Sophie genervt.
Doch die Enigma Lady wurde durch einen blauen Bannkreis festgehalten, der sie bewegungsunfähig machte.
„Auch diesem Angriff weiche ich geschickt aus, denn meine Zauberkarte Cursed Pentacle verhindert den Schaden.“ Er hielt seine letzte Karte empor.
„Aber Zauber können doch gar nicht im gegnerischen Zug aktiviert werden, schon gar nicht von der Hand!“ Sophie erblasste.
„Dieser hier schon…“ Er fing an zu lachen. ((Und auch der nächste Angriff wird sein Ziel verfehlen. Du hast verloren, Kleine. Deine Lebenspunkte werden am Ende des Zuges auf 0 fallen...))
„Ich habe immer noch Cyber Enigma Lady! Los, Fatal Fury!“ Schrie sie, um Neros Lache zu übertönen.
„Du dummes Mädchen, hast du Dark Prophecy vergessen? Dadurch wird auch dieser Schaden fast gänzlich geblockt. Und Vicious Mercy wirkt auch dann, wenn mein Monster vernichtet wurde! Das heißt, du hast verloren! Gib es auf!“
„NIE! Ich werde Jessy nicht im Stich lassen!“ Beide sahen sich tief in die Augen.
Die Cyber Enigma Lady rauschte wie ein Pfeil auf Nero zu und ließ aus ihren Fingernägeln scharfe Krallen schießen, die ihren Widersacher töten sollten.
„Los Dark Prophecy, mindere den Schaden!“ Schallte Neros Stimme über den Platz.
Der Zyklop flackerte als Illusion hinter ihm auf und schlang seine gewaltigen Arme um Nero, damit die Furie ihn nicht treffen konnte.
„Da hab ich auch noch ein Wörtchen mitzureden, Air Tamer!“
Schlagartig fing die Cyber Enigma Lady an, sich zu drehen.
Wie ein Wirbelsturm bohrte sie sich durch die Arme des Zyklopen und prallte mit voller Wucht in Neros Körper.
„Du… wirst… mich niemals… besiegen…“ Ächzte er, während er zurückgeschoben wurde.
„Hab ich bereits!“ Lachte Sophie triumphal.
[Sophie: 100LP Nero: 0LP]
„Wa-?“
Der Sturm, der Nero malträtierte, verschwand zusammen mit den anderen Hologrammen.
„Ich hätte den Angriff überstehen müssen. Mit 100 Lebenspunkten, aber…“
„Nein, Air Tamer stärkt beim Angriff eines meiner Wind-Monster um 500 Angriffspunkte. Damit habe ich legal gewonnen! UND JETZT RETTE JESSY!!!“
„Deine wertvolle Freundin ist in Sicherheit. Sie war nie in Gefahr…“ Seine Stimme verhieß nichts Gutes, obwohl er geschwächt in die Knie gehen musste. Innerlich atmete Sophie erleichtert auf.
„Was soll das heißen!?“ Sie wich dennoch zurück, verwirrt was er dann überhaupt wollte. Mysteriös sprach er weiter.
„Sie sucht dich bereits. Allerdings wird sie dich hier nicht finden.“ Er richtete sich geschwächt auf, bewegte sich auf sie zu.
„Ich habe dich gesehen… dein Talent ist nicht von der Hand zu weisen. Der Professor hatte Recht mit dem, was er sagte.“
„Wo sind wir hier?“ Fragte das Mädchen ängstlich.
„Im niemals sterbenden Reich der Schatten. Hättest du verloren, nun deine Seele wäre… aber du hast gewonnen. Komm mit.“
„Was? Ich verstehe nicht… Jessy…“ Die Angst, die Sophies gesamten Körper lähmte, blieb Nero nicht verborgen.
„Lass mich dich zum Professor bringen. Du könntest einer der Schlüssel sein, der seine blutbefleckten Hände, seine Sünden, zu mindern imstande wäre.“
„Aber ich-“ „Schlaf!“ Neros Stimme hallte laut in Sophies Kopf, schlagartig fiel sie rücklings um.
Nero lief auf ihren regungslosen Körper zu und hob ihn behutsam auf. Sein Kopf war dem ihren, der sich an seine Schulter lehnte, sehr nah. Vorsichtig drückte er sie an sich, hielt sie unter den Kniekehlen fest und lief mit ihr durch den Nebel.
Turn 110 - The strength
Als die Freunde Tom besuchen wollten, erfuhren sie, dass er verlegt wurde, da sich sein Zustand bedrohlich verschlechtert hatte. Daraus entstand ein Streit zwischen Matt und Edna. Inzwischen erwachte Tara an einem seltsamen Ort und musste sich mit Gardenia duellieren…
Sophies Deckliste
Neros Deckliste
-Aska- - 10. Mai, 14:38