Turn 12: Shattered
„Mein Zug! Denk ja nicht, dass es schon vorbei ist...“ Schrie Anja und zog voller Elan.
Erste Regentropfen prasselten den grauen, stark bewölkten Himmel hinab und trafen die Schülerin im Gesicht. Doch sie bemerkte es gar nicht, denn ihr Blick war fest auf Mark gerichtet, welcher von verschiedensten Kinderspielsachen und seinen Monstern umgeben war.
Er hielt mit geschlossenen Augen inne, entspannte sich.
Sie wusste genau, dass ihre Worte und ihr Verdacht, dass er hinter den Koma-Duellanten steckte, ihn sehr verletzten, aber in ihrer Wut und Sorge war ihr das egal. Alles was sie wollte war, ihn hier, auf einem Sandweg neben der Wiese der Schule, zu besiegen und zu stellen.
Nick, welcher Mark mehr Vertrauen schenkte als Anja, stand jedoch nur auf dem weiten Grün und sah besorgt zu seiner blonden Freundin, die gerade am Zug war.
((Diese Karte hilft mir weiter!)) Dachte Anja zufrieden und checkte zunächst das Spielfeld.
Anja: 1200LP, drei Handkarten
Keinerlei Feldkarten
Mark: 4000LP, eine Handkarte
Wächter von Grarl (ATK/3000), Wächter von Elma (ATK/1600), eine verdeckte Karte, Elma, Schmetterlingsdolch (ausgerüstet an Wächter von Elma), Grarl, Schwerkraftaxt (ausgerüstet an Wächter von Grarl), Memory of Childhood Dreams (Spielfeldzauber)
Ihr Blick ging über Wächter von Grarl, einem braunen Echsenmann mit wuchtiger Axt in den Händen zu Elma, einer leicht bekleideten Dame, die einen Dolch in der Hand hielt zu Mark selbst, welchen beide Wächter schützen.
„Mach dich bereit!“ Zische Anja zum großen, dunkelblonden Schüler hinüber und legte eine Fusionskarte aus ihrer Hand ab.
Einen Moment später hörten die drei ein markantes, grelles Geräusch, ähnlich quietschender Kreide an einer Tafel und schon schwebte aus dem Nichts ein Wesen vor Anja.
„Indem ich Polymerisation abwerfe, darf ich Fusion Knight (ATK/1700) aus meiner Hand aufrufen!“ Erklärte das Mädchen.
Die herabfallenden Regentropfen wurden schwerer und die Wolken dunkler, ein Gewitter zog herauf. Anjas blonde, offen liegende Haare wurden durchnässt, genau wie Marks und Nicks. Obwohl Nicks strubbelige Haare schon wegen ihrer Länge fast in seinen Augen lagen, musterte er Anjas neues Monster.
Der gesamte Körper der Kreatur war schwarz und der eines Menschen. Rote Farbstreifen überzogen Arme und Gesicht und sahen ein wenig aus wie Andern, nur dass sie kerzengerade verliefen. Ein zerfetztes Cape aus dunkler Seide umhüllte den gesamten Ober- und Unterkörper des Monsters, umschlang geschickt alle essentiellen Stellen und flatterte dennoch durch den Wind.
„Fusion Knight hat eine besondere Fähigkeit.“ Anja sah Mark herausfordern an, als ob sie erwartete, dass dieser wüsste, was jetzt geschah. Doch er zuckte ahnungslos mit den Schultern.
„Und die wäre?“
„Natürlich hat es was mit einer Fusion zutun...“ Merkte sie spitzzüngig an. „Allerdings dauert es zwei Runden, bis diese geschieht. Aber schon jetzt muss ich die Materialien ablegen, die benötigt werden.“
„Eine Fusion?“ Wunderte sich Nick, der sie nie zuvor diese Karte hatte benutzen sehen. ((Ich dachte, ich kenne ihr Deck in und auswendig, aber die ist neu... sie arbeitet in letzter Zeit oft an ihren Karten... oh, was ist denn das?)) Nick wurde dann aber von einem Plüschäffchen mit Trompete abgelenkt, das gerade an ihm vorbeischwebte.
((Cool!)) Sofort jagte er dem Stofftier hinterher.
„Was macht der Idiot da?“ Säuselte Anja vor sich hin, während Nick schreiend über die Wiese hinter dem Affen her war. Nebenbei durchsuchte sie das Deck in ihren Händen und legte Klingenritter und Heiliger Ritter Ishzark ab, welche sie für die Fusion benutzen wollte.
„Jedenfalls...“ Wandte sie sich dann an Mark, der wegen Nick schmunzeln musste. „...vergiss nicht, dass mein Knight of the Black Order noch auf dem Friedhof liegt und von dort all meinen Kriegern 300 Angriffspunkte verleiht!“
Fusion Knight (ATK/1700 zu 2000)
((Welches Monster wird sie beschwören?)) Überlegte Mark und öffnete schließlich seine Augen, musterte erst jetzt ihr Monster. „So, wie es im Moment aussieht, wirst du Probleme haben, die zwei Runden zu überstehen.“
„Bild dir gar nicht ein, dass du mich vorher besiegen wirst! Sieh her, Fusion Knight, beseitige Wächter von Elma für mich!“
Auf Anjas Befehl hin streckte das fremde Wesen ohne Haare oder Gesichtsmerkmale einen Arm vor sich aus und bündelte in der Faust eine rote Energiesphäre, die unvermittelt auf Elma geworfen wurde und sie bei lebendigem Leibe verbrannte.
[Anja: 1200LP Mark: 3600LP]
„Oh!“ Mark reagierte zornig auf den Tod seines Monsters. Trotz allem stand ihm Grarl noch zur Seite. Doch auf einmal hielt Anja eine Zauberkarte, auf der man Kreaturentausch las, in die Höhe und schob sie mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht in die Dueldisk.
„Meine letzte Handkarte lässt uns jetzt die Monster vertauschen! Na, wie fühlt sich das an, wenn eines deiner Lieblingsmonster so plötzlich die Seiten wechselt?“ Provozierte sie Mark bewusst, während ihr Fusion Knight über den Boden zu ihm rüberschwebte und sich schließlich zu ihr umdrehte, wobei Grarl längst zu Anja hinübergestampft war. Beide warfen sich die jeweiligen Karten rüber und fingen sie perfekt zwischen den Fingern auf.
„Machst du dich über mich lustig?“ Fragte er gereizt und enttäuscht. „Anscheinend habe ich mich in dir getäuscht, du bist-“
„Hmpf...“ Ignorant rümpfte sie die Nase und sah weg. „Erspar mir die Moralpredigt, jemand wie du ist nicht berechtigt, eine zu halten!“
„Du wirst wohl solange an meine Schuld glauben, bis ich selbst meine Seele verliere, was?“ Fragte er daraufhin aufgebracht und streckte die Arme vor sich aus. „Ich kann nicht glauben, wie blind du bist! Du siehst nur das, was du sehen willst!“
Den letzten Teil hörte sie schon gar nicht mehr, denn ihre Gedanken hatten aufgehört ihm zu folgen, nachdem er das Wort ‚Seele’ erwähnte.
Ziemlich unklar darüber, wie sie reagieren sollte, fragte sie ihn leise. „Was hast du da gesagt? Du raubst... Seelen?“
„Nicht ich!“ Protestierte Mark, als würde er mit einem lernunfähigen Kind sprechen. „Die!“
„Wer sind denn ‚die’? Gehörst du zu denen?“ Keifte sie ihn misstrauisch an.
„Nein!“ Stöhnte er lauthals und fasste sich an den Kopf. „Warum willst du mir nicht glauben, verdammt noch mal!?“
„Weil du Nick fast umgebracht hast!!!“
„Ich konnte nichts dafür! Das schwöre ich bei meinem Leben! Ich wollte niemandem etwas tun!“ Doch alles nützte nicht, denn Anja wollte ihm nicht glauben.
Kopfschüttelnd fixierte sie ihren Blick auf ihn, wie er da stand und bereits Farbe im sonst eher blassen Gesicht gewonnen hatte, das durchnässt vom Regen war, wie auch das ihre. „Zug beendet!“
((Die will echt nicht aufgeben! Ich glaub’s nicht...)) Mark drehte sich um suchte mit seinem Blick die Wiese ab, um Nick zu finden. Doch der war bereits weit entfernt und stand umherirrend bei dem Denkmal eines Reiters, das in der Mitte jener Wiese errichtet wurde und suchte nach dem Affen. ((Aber wenn sie selbst auf ihn nicht hört... so eine sture Person!))
Es donnerte.
Leise, aber eindeutig, das Gewitter würde sie bald erreichen. Schließlich sah Mark wieder hinüber zu Anja, deren langer Pony ihr nass im Gesicht lag, welches so zornig und unnachgiebig leicht gekippt rüber zu ihm stierte. Ihr Atem ging leise, aber merkbar, und durch das weiße Shirt, das sie anhatte, sah man an den Armen etwas Haut durchschimmern.
„Ich wünschte...“ Murmelte Mark vor sich hin, aber schämte sich dann wegen dem, was er dachte. Dann zog er letztlich und brachte den Fusion Knight auf seiner Dueldisk erstmal in eine horizontale Lage, ergo den Verteidigungsmodus.
Fusion Knight (DEF/1200)
Seine beiden Handkarten musternd, Wächter von Tryce und eine Zauberkarte, vertraute er auf sein Deck. ((Alles könnte von der Karte abhängen, die ich nächste Runde ziehe! Ich muss Anja die Augen öffnen!))
Schließlich schwang er seinen Arm aus und ließ die verdeckte Falle aufspringen.
„Jeder Mensch hat etwas, das er beschützen will!“ Erklärte er mit gehobener Stimme. „Heute will ich meine Ehre vor dir verteidigen!!! Allein der Wille, sich selbst zu opfern, macht uns unglaublich stark. So auch die Wächter, die alle eine eigene, besondere Waffe haben. Aber mehr noch, sie besitzen auch eine eigens für sie angefertigte Supportkarte! Diese nennt sich Kaminari Attack!“
Als die letzten Worte ausgesprochen waren, zischte ein strahlender Blitz vom Himmel hinab und schlug direkt vor Marks Füßen ein. Es war jedoch nur ein holografischer Blitz, welcher sich in einen gelben Ring auf dem Boden verwandelte.
„Ich muss eine Handkarte ablegen...“ Erklärte Mark und zeigte die Zauberkarte vor, die er schließlich zu seinen Friedhofskarten steckte. „...danach muss ich ein Monster von meinem Deck ebenfalls dorthin bringen!“ Ohne weiteres landete die gewählte Karte im Schacht seines Friedhofs.
Es donnerte nochmals, wieder schoss ein Blitz vor Mark herab auf den Boden. Und da sah Anja sie.
Wächterin von Airtos, durchnässt vom Regen mit ihrem strahlenden Schwert, wie sie auf Anjas Grarl zuflog, das weiße Haar ihrer Vogelkopfmütze durch Wind flatternd.
Das Bild verflog schnell wieder wie Rauch und Anja wunderte sich, ob sie sich das nur eingebildet hatte. Doch dann sah sie etwas verdutzt drein. ((Wird er... sie beschwören? Das ist die Zukunft... oder? Ich hab das schon mal erlebt... als Mark und Nick...))
„Und schließlich darf ich Wächter von Tryce aufrufen, von meiner Hand!“ Unterbrach Mark sie beim Denken und klatschte seine letzte Handkarte auf die Dueldisk.
Aus der Einschlagstelle des Blitzes, inmitten des Rings, sprühten Funken in die Höhe, die das geisterhafte Bild eines dunkelhäutigen Mannes in gelbem Hemd und blauen Hosen, sowieso blauen Haaren und zwei funkenden, dünnen Schwertern zeigten. Einen Moment später festigte sich sein Antlitz.
Wächter von Tryce (ATK/1900 zu 1400)
„Zu guter Letzt erhält Tryce noch seine Ausrüstungskarte, Tryce, Zwillingsschwerter des blitzenden Lichts.“
Anja wurde daraufhin durch ein helles Licht, dass scheinbar von der ganzen Umgebung und den Spielsachen ausging, daran erinnert, dass Mark sich einen Wächter aus dem Deck suchen durfte, wenn ein anderer Wächter auf dem Spielfeld seine eigene Ausrüstungskarte erhielt. Und so zeigte er Wächter von Baou vor.
Schließlich spottete sie über sein Monster. „Du machst es noch schwächer als es sowieso schon ist! Pah! Ich weiß, Tryce kann jetzt zwei Attacken starten, aber das bringt ihm in Angesicht von deinem eigenen Wächter von Grarl, gar nichts!“
Mark verschränkte nur die Arme gespannt und setzte einen entschlossenen, wenn auch wütenden Blick auf. „Du wirst schon sehen.“ Ging er nicht weiter darauf ein. „Du bist.“
Als Anja ihre Finger auf die oberste Karte ihres Decks legte, um sie zu ziehen, sah sie erneut Airtos vor sich, wie sie Grarl angriff. Demnach stieg auch Anjas Nervosität, ihre Hände zitterten leicht und es donnerte abermals, diesmal jedoch lauter als zuvor.
((Er wird sie rufen... ich spüre es... aber warum?)) Fragte sie sich ängstlich und betrachtete die Karte, welche sie eben gezogen hatte, eine Falle. ((Oh...))
((Bist du das...?)) Fragte sie dann in ihren eigenen Gedanken nach, gezielt an die Fremde, die ihr immer wieder erschien. Aber es antwortete niemand.
((Werd ich jetzt wirklich verrückt... oder bin ich’s schon?)) Sie ertrug es nicht, nur daran zu denken. Diese verwirrende Person, die sie einfach nicht in Ruhe ließ... Anja biss die Zähne zusammen.
((Es gibt kein Zurück... ich muss mich auf Mark konzentrieren!))
Er beobachtete sie die ganze Zeit und ihm blieb auch nicht verborgen, wie zaghaft sie dreinblickte. Mark fragte sich, was wohl mit diesem Mädchen los sei, dass sie sich so seltsam und verbissen verhielt. Aber er wusste es innerlich, ohne es zugeben zu wollen, er wusste, dass etwas an Anja anders war.
Derweil überlegte sie weiter. ((Er will, dass ich Tryce angreife, nicht wahr? Obwohl er nichts in der Hinterhand hat... aber Wächter von Airtos... sie wird kommen! Das weiß ich! Aber...)) Nochmals las sie sich die Falle in ihren Händen durch. ((... ich werde vorbereitet sein!))
„Also...“ Tönte sie dann entschlossen. „Wächter von Grarl, kämpfe gegen Tryce!“
Das braune Reptil machte einen Satz nach vorne und sprintete auf den Mann zu, der seine beiden Klingen schützend und gleichzeitig herausfordernd vor sich hielt. Doch es nützte nichts, denn mit einem Schwung von Grarls Axt zersplitterten die Degen und auf Tryces Oberkörper bildete sich eine feine, rote Linie. Einige Tropfen Blut benetzten den aufgeschwemmten Boden, bevor Tryce explodierte.
[Anja: 1200LP Mark: 2000LP]
„Effekt auslösen!“ Rief Mark nun und ballte eine Faust. „Wird Tryce zerstört, ruft er das Monster auf, welches für seine Tributbeschwörung angeboten wurde!“
Anja sah Mark aus einem Auge scharf an, da ihr anderes von den nassen, blonden Haaren verdeckt war. Kalt erwiderte sie: „Aber du hast kein Tribut für ihn angeboten...“
„Mag stimmen, aber durch Kaminari Attack habe ich ein Monster von meinem Deck abgelegt... erinnerst du dich? Das ist das Opfer gewesen!“ Zufrieden lachend, nahm Mark das Monster von seinem Friedhof hervor und präsentierte es: Wächter von Airtos.
„Sie...“ Murmelte Anja und erkannte, dass Marks Falle es so gedreht haben musste, dass das vom Deck abgelegte Monster als Tribut dienen soll.
„Ich lege mein Schicksal in deine Hände! Wächter von Airtos (ATK/2500)!“
Nun war sie real, die schöne Schamanin mit den weißen Schwingen. Genau wie in Anjas Vorhersehung, wurde die Vogelmütze auf ihrem Kopf, deren weiße Haare der Wächterin bis zur Hüfte gingen, schnell durchnässt.
Anja jedoch blieb seelenruhig und setzte ihre Handkarte verdeckt aufs Feld. ((Du wirst dein blaues Wunder erleben, Freundchen!))
„Airtos ist meine wichtigste Karte! Ich werde nicht zulassen, dass du ihr ein Haar krümmst!“ Bereit wie nie holte Mark aus und zog. ((Danke... Airtos...)) „Damit werde ich dich in deine Schranken weisen! Heiliges Schwert der Göttin - Airtos!“
Nick, der noch beim Denkmal abseits der zwei Duellanten rumwuselte, blickte hinüber zu den beiden und erkannte schon von weitem, dass Airtos auf dem Spielfeld von Mark, der ihm den Rücken zugekehrt stand, ihr langes, leuchtendes Schwert in den Händen hielt.
((Damit war es ihm möglich, mich zu besiegen...)) Erinnerte er sich noch lebhaft an seine Niederlage. Besorgt starrte er zu Anja, die anscheinend Marks Grarl besaß und die Arme verschränkt hatte. ((Bist du immer noch... böse auf ihn, Anja?)) Bedrückt schritt Nick über die Wiese, um zurück zu den beiden zu gehen.
- etwa zur selben Zeit im Unterricht -
Ein muskulöser, blonder Schüler starrte aus dem Fenster eines oberen Stockwerks und sah in der Ferne zwei Duellanten stehen, die gegeneinander antraten. Regentropfen ließen die Außenwelt unklar erscheinen, aber selbst aus dieser Entfernung würde er das Mädchen unter den beiden sofort wieder erkennen, das Mädchen, das ihn zutiefst gedemütigt hatte.
((Anja...)) Frank zog seine dunkelbraunen Augen zusammen und verfluchte sie in seinen Gedanken. ((Dieses dreckige Stück Scheiße...))
Der Klassenraum war ziemlich dunkel, denn der Strom war ausgefallen. Das hinderte eine zierliche, ältere Dame mit grauen Haaren und Dutt aber nicht, ihren Vortrag über verschiedene Ökosysteme zu halten.
Natürlich hörte Frank, der in der letzten Reihe saß, nicht zu. Je mehr er Anja beobachtete, desto größer wurde der Zorn in ihm.
Sie hatte ihn, festgebunden an seinem eigenen Bett, nachdem sie sich an ihm vergangen hatte, einfach hilflos dort zurückgelassen, bis seine Eltern ihn halbnackt fanden und ihn teilweise unter Hohn und Spott befreiten. Niemals würde er jenen Tag vergessen. Wenn er könnte, würde er dieses Mädchen eigenhändig umbringen.
Während er so nachdachte, drückte er den gelben Bleistift in seinen Händen zusammen. Dieser zerbrach schließlich unter dem Druck, doch das Geräusch war wie Musik in Franks Ohren, gebrochene Knochen dieser Schlampe... so stellte er es sich vor.
„Hey Alter, was’n mit dir?“ Wurde er von einem Kumpel von der Seite angequatscht, doch Frank schenkte ihm keinerlei Beachtung.
((Wie kann ich es ihr am besten heimzahlen?)) Überlegte er und sah, wie Anjas Gegner gerade ein prächtiges Monster, Wächter von Airtos, beschwor. ((Ein Duell zur Demütigung? Nein... das würde bei ihr nichts bringen. Vielleicht sollte ich sie vergewaltigen...))
Seine Miene hellte sich boshaft grinsend auf. ((Nach dem Unterricht... das wäre doch mal was... aber dann würde sie mich anzeigen... solange sie lebt, heißt es...)) Schnaubend wandte er sich vom Fenster ab und starrte auf ein leeres, liniertes Blatt Papier.
((Nein, das geht nicht.)) Grimmig fixierte er sich auf die obere Hälfte des Blattes und atmete tief durch.
„Willst du wirklich Rache?“
Schreiend lehnte sich Frank mit dem Stuhl knarrend zurück und kippte mit ihm nach hinten um.
„Ohh...“ Stöhne er und rieb sich den Kopf, ungläubig, was er da gesehen hatte.
Die Klasse war Mucksmäuschen still und alle sahen zu ihm hinüber. Die tattrige Lehrerin sagte keinen Ton, aber ihr Blick teilte mit, wie unerfreut sie über diese Störung war.
„Sorry... kann doch mal passieren...“ Fauchte Frank durch den Raum und setzte sich hin, nachdem er aufgestanden war.
Ungläubig sah er das Papier an, auf dem in der obersten Zeile genau diese Nachricht stand.
((Was zur-?)) Er konnte sich keinen Reim drauf machen, wie das dort hinkam. Noch immer hielt er den zerbrochenen Bleistift in der Hand, und er war sich sicher, dass er das nicht unbewusst dort hingeschrieben hatte.
Neugierig setzte er mit der einen Hälfte des Stifts an, etwas auf das Blatt zu schreiben, doch zog ihn zögernd zurück. Dann übermannte es ihn doch und er antwortete einfach.
„Ja!“
Es dauerte einen Moment, aber schwarze Tinte schwappte in Form von geschnörkelten Wörtern, wie schon beim ersten Mal, aus dem Blatt hervor und gab eine Antwort.
„Dann komm in den Park... und lerne die Welt kennen, wie sie wirklich ist.“
„Wie meinst du das?“ Krakelte er hastig darunter. Einen Moment später schon erhielt Frank die Antwort.
„Dies ist deine Chance, die Wahrheit über deine Welt und die Menschen zu erfahren. Komm zu mir und ich gebe dir die Kraft, dich zu rächen!“
„Wer oder was bist du? Wie machst du das mit dem Papier?“ Der blonde Kerl fühlte sich unwohl, aber er wollte unbedingt mehr über dieses Phänomen wissen.
„Avaritia nennt man mich. Der Trick? Benutz deine Fantasie...“
Sprachlos sah er das Geschriebene erstmal an und las es sich erneut durch, bevor er unter dem Tisch nachsah, doch logischerweise war dort nichts. Völlig verwirrt setzte er zur Antwort an.
„Soll ich sofort kommen?“
„Nein... Du willst sofort kommen. Also tu es... komm zu mir...“
Die letzten Worte von Avaritia spukten Frank im Kopf herum. Er oder sie hatte Recht, er wollte kommen. Aber er wusste nicht, ob er den Mut dazu hatte.
Frank sah auf und erkannte, dass die Lehrerin etwas an die Tafel schrieb und die anderen es abschrieben. Kurz blickte er zu seinem Kumpel hinüber, da er dachte, dass das vielleicht nur ein Scherz sein könnte, doch auch der wirkte abgelenkt.
((War das real?)) Als er das Blatt anblickte, blieben die Worte dennoch erhalten. Kopfschüttelnd richtete er sich mit knarrendem Stuhl auf und sagte: „Mir geht’s nicht gut, ich geh mal kurz auf die Toilette.“
„Gehen Sie ruhig.“ Schnarrte die Alte tonlos und schrieb weiter, anscheinend war es ihr ganz recht, dass Frank ging. Der packte schnell seine Sachen zusammen und buckelte seinen Rucksack, bevor er an den anderen vorbeihuschte und aus den Klassenraum verließ.
Gleich, nachdem er die Tür geschlossen hatte und den Gang betrat, schreckte er zurück und ließ seinen Rucksack fallen.
Alles leuchtete rötlich, die Türen, die Wände, einfach alles. Frank selbst wirkte nur wie eine blasse, graue Gestalt in dieser verzerrten Umgebung.
„Was, was...“ Schoss es aus ihm hinaus.
Ein Kichern ertönte in der Ferne, eine rauchige, tiefe Frauenstimme sprach zu ihm. „Tzz tzz. Du wolltest doch die Welt sehen, wie sie wirklich ist. So überrascht?“
„Aber...“ Frank blickte hin und her.
Wie Wellen bewegte sich die Farbe in ihrer Umgebung, welche teilweise auch ins Schwarze abrutschte und immer unheimlicher zu glühen schien, obwohl alles noch seine normale Form hatte.
„Komm zu mir...“ Sagte die Frau nur.
Vorsichtig bückte sich Frank und hob hastig seine Sachen auf, bevor er den Gang entlang rannte.
- zurück zum Duell -
Die Wächterin hielt eine lange, strahlende Klinge in ihren Händen und sah Anja mutig ins Antlitz.
Der Regen wurde immer stärker. Donner und nun auch Blitze verschmolzen wie durch Magie mit der Umgebung, die starken Grau- und Grüntöne wirkten lebendig aber fern, wie ein Schatten der Realität.
Nick kam zurück zu den beiden und stand dort auf der Wiese, wo er schon vorher dem Duell beigewohnt hatte. Völlig außer Atem, da er, nachdem er Airtos sah, so schnell er konnte gerannt war, stützte er seine Arme auf den Oberschenkeln ab und stierte rüber zu Anja, deren Gesicht ganz nass, aber voller Entschlossenheit war.
„Airtos übernimmt die Kraft aller Monster auf unseren Friedhöfen.“ Brach Mark die vorher da gewesene Stille bestimmt und stieß einen lauten Seufzer aus.
„Ich weiß...“ Murmelte sie dazwischen.
„Anja... du kannst mich nicht besiegen. Nicht, solange du dir selbst im Weg stehst!“
„Ich will deine dummen Vorträge nicht hören!“ Wehrte sie entschieden ab und knirschte mit den Zähnen.
„Airtos!“ Rief Mark hinauf zu seiner Wächterin, als hoffte er, dass sie Anja zur Vernunft bringen könnte.
Wächter von Airtos (ATK/2500 zu 12900)
„Whoa!“ Nick machte ein langes Gesicht im Angesicht von Airtos’ Stärke. „Das ist absoluter Oberwahnsinn! Anja!!!“
Doch das Mädchen ließ sich davon keineswegs beeindrucken und steckte ihre Hände in die hinteren Hosentaschen ihrer Jeans. „Pfff...“
„Ich wechsle Fusion Knight zurück in den Angriffsmodus (ATK/1700).“ Mark drehte mit einer Handbewegung auf seiner Dueldisk das Monster von horizontaler Lage in die vertikale Position. „So soll es sein... Airtos, greife Grarl an!“
Anja blickte auf und sah nun das Bild wieder vor ihren Augen, wie Airtos sich auf ihr Monster hinabstürzte. Doch diesmal war es keine Vision, sondern greifbare Realität. Und sie würde nicht zulassen, dass es mit diesem Angriff vorbei war!
„Falle aktivieren!“ Befahl sie ihrer Dueldisk mit gefasster Stimme. „Forced Demotion! Damit opfere ich Grarl und rufe einen Krieger von meinem Friedhof, dessen Angriffstärke geringer ist als die des Opfers!“
Grarl löste sich in schimmerndes Licht auf. Mark fühlte sich gleich wohler, als sein Monster nun endlich auf seinem Friedhof lag und nicht mehr unter Anjas Kontrolle stand. Im selben Augenblick tauchte eine alte Bekannte auf, die Ritterin der Königin (DEF/1600), die niederkniete und sich durch ihren roten Schild schützte. Abwartend versuchte Anja, Mark mit ihren blauen Augen ins Visier zu nehmen und zu verunsichern, was aber bei ihm nicht funktionierte.
„Airtos wird jetzt noch stärker!“ Rief er nur.
Wächter von Airtos (ATK/12900 zu 13900)
„Es spielt keine Rolle, WIE stark sie ist... Ich werde sie vernichten!“
„Das werde ich nicht zulassen!“ Schnauzte Mark voller Wut über Anjas verachtende Worte. „Airtos, bekämpfe Anjas neues Monster!“
Mitten in der Luft, wo Airtos schwebte, strahlte starkes Licht von oben herab. Die blonde Wächterin sah ins Licht und man hörte einen Vogel kreischen, vielleicht war es derselbe, den sie als Kopfbedeckung trug.
„Komm nur!“ Schnaubte Anja. Airtos hielt ihr Schwert gen Himmel und wie durch Zauberei wuchs die Klinge immer weiter Richtung des Lichts. Unvermittelt schwang Airtos schließlich das Schwert nach unten und würde sogleich die Ritterin der Königin erreichen.
((Danach wird dein eigenes Monster, Fusion Knight, dich angreifen und besiegen!)) Dachte Mark, dem es langsam genug mit der Schülerin wurde.
Die Ritterin hob ihr Schwert senkrecht über den Kopf, und stützte es mithilfe des Schildes ab. Der Angriff von Airtos schlug fehl, unter viel Druck konnte die zierliche, blonde Ritterin sich gegen das schwere Schwert von Airtos behaupten.
„Deine Karte wehrt den Angriff ab!?“ Beeindruckt davon, wie Ritterin der Königin den Schlag pariert hatte, hörte er sich Anjas Rechtfertigung dazu an.
„Sicher...“ Murmelte sie tonlos, als wäre es selbstverständlich. „Ein Monster, das durch Forced Demotion gerufen wurde, kann niemals von anderen Monstern besiegt werden, die mächtiger sind als Grarl, das Monster, dass ich als Tribut angeboten hab. Du konntest nur versagen!“
„Aber das gilt nicht für Fusion Knight, denn seine Punkte sind geringer als die von Grarl!“ Konterte Mark erbost und streckte den Arm aus, zeigte mit ihm auf die Person, die ihn so vieler Verbrechen verdächtigte.
Das in einem dunklen Cape verhüllte, dunkelhäutige Monster bündelte zwischen seinen beiden Armen rote Energiebälle und schoss diese wie einen Kugelhagel auf Anjas Monster ab. Diese konnte sich nicht wehren und wurde durchlöchert wie ein Sieb, bevor sie zu Staub zerfiel und ganz verschwand.
Wächter von Airtos (ATK/15400)
„Es wird immer stärker!“ Beunruhigt klammerte sich Nick an einen Teddybären, der wie andere Spielsachen durch die Luft levitierte. Bettelnd sah er zu seiner besten Freundin. „Anja, hör auf...“
„Warum? Ich bin so nah dran!“
„Steigerst du dich nicht in etwas hinein?“ Versuchte es Nick weiter. „Heißt es nicht schuldig, solange die Unschuld bewiesen ist?“
Mark verzog peinlich berührt das Gesicht, weil Nick es mit seinen falsch aufgesagten Sprichwörtern wohl kaum besser machen würde. Dankbar war er ja, aber seine Meinung über Anja stand mittlerweile eh fest. Und positiv war sie nicht unbedingt...
„Ich steigere mich in nichts hinein!“ Anja kochte vor Wut darüber, dass ihr Freund ihr dermaßen in den Rücken fiel. „Aber du verstehst das eh nicht...“
„Was versteht er nicht?“ Redete nun Mark ruhig auf sie ein.
„Kch...“ Anja blickte zur Seite und sah rüber zur Holzbank, auf der sie bei strahlendem Sonnenschein Marks Duell mit Nick zusah. Ihr Ausdruck trübte sich zu einer traurigen Miene, die sofort wieder zornige Falten bekam. ((Wenn Nick gestorben wäre... wenn er tot wäre...))
„Anja?“ Nick glotzte sie mit großen Augen an.
„Nichts!“ Keifte sie sofort und wandte ihren Blick rüber zu Mark, der ihren Ausdruck sorgfältig studierte. Er hatte verstanden, warum sie wirklich so wütend auf ihn war.
((Du wolltest deinen Freund beschützen... huh?)) Dennoch musste er den Kopf schütteln, da sie wohl jemand war, der gerne mit dem Kopf durch die Wand ging.
„Ich bin am Zug!“ Hallte Anja und griff an ihr Deck, um mit Schwung eine Karte zu ziehen. Es war die einzige, die sie im Moment besaß, doch zufrieden kicherte sie über das Stück Pappe in ihren Händen. ((Das wird sein Ende sein! Dem entkommt er nicht!))
„Erinnerst du dich?“ Richtete sie dann ihre Aufmerksamkeit auf Mark, der schon gespannt einen Arm in die Seite stemmte. „Vor zwei Zügen habe ich Fusion Knight gerufen. Nun kommt das Fusionsmonster, das ich angekündigt habe...“
Eine helle Silhouette formte sich langsam vor ihr zu einem Monster, das scheinbar eine gewaltige Panzerung aus weißem Stahl trug.
„Die Fähigkeiten von Klingenritter und Göttlicher Ritter Ishzark werden verschmolzen und ergeben eines meiner mächtigsten Monster!“
Der Ritter vor ihr erstrahlte und wurde gänzlich sichtbar. In seinen beiden Händen hielt der weißhaarige Mann, dessen Fuseln bis zum Boden hinab reichten, ein prunkvolles Breitschwert, dessen Klinge weiß schimmerte.
„Stell dich Heavenly Paladin - Ishzark (ATK/2700 zu 3500)!“ Aus dem Rücken dieses prunkvollen Wesens schossen zwei durchsichtige, weiße Schwingen.
„Seine spezielle Fähigkeit erlaubt es ihm, sofort eine deiner Karten aus dem Spiel zu entfernen! Jedoch verliere ich dabei die Möglichkeit, in diesem Zug mit ihm anzugreifen!“
„Airtos!“ Stieß Mark ungläubig hervor. „NEIN!“
„Doch...“ Anja grinste gemein. Ihre nassen Strähnen waren überall im Gesicht verteilt, was ihre finstere Erscheinung betonte. Das Mädchen ballte beide Fäuste zusammen und zerdrückte die letzte Karte in ihrer Hand dabei. ((Ich bin fast am Ziel...))
„Nein!“ Voller Entsetzen beobachtete Mark, wie Ishzark sein Schwert in die Höhe hielt. Ein heller Lichtstrahl schoss von dort einige Meter in die Höhe und einen Moment später ließ der Paladin seine Waffe in die Tiefe rauschen. Ein sauberer Schnitt der verlängerten Klinge teilte die schreiende Airtos in zwei Teile und vernichtete sie.
„Ironisch, dass unsere Monster beide dieselbe Attacke als Angriff benutzen, was? Nur zu dumm, dass meines überlegen war!“
„Dafür wirst du zahlen!“ Fauchte Mark außer sich.
„Ich fürchte mich nicht vor dir!“ Mit weit aufgerissenen Augen durchbohrte Anja Marks Antlitz. „De-Fusion!“
Mit ganzer Kraft stieß Anja ihre Schnellzauberkarte in die Dueldisk.
„Sie teilt mein Monster in seine ursprünglichen Bestandteile auf! Kommt herbei, Klingenritter (ATK/1600 zu 2000) und Göttlicher Ritter Ishzark (ATK/2300)!“
Ihr Paladin verschwamm im Regen zu einer undeutlichen Form, bis er sich teilte und links ein Krieger in silberner Rüstung und Langschwert wartete, sowie rechts ein edler Mann in weißer Robe und mit einem Breitschwert stand, welches in den Boden vertieft war.
„Das...“ Mark wusste, dass sein einziges Monster, Fusion Knight (ATK/1700), ihn nicht schützen konnte. Er hatte nur 2000 Lebenspunkte übrig...
„...es ist vorbei!“ Schrie sie aufgebracht. „Vorbei… Vorbei… Vorbei…“
Die eigenen Worte hallten in Anjas Kopf wieder. Dann Stille. Ein kurzer, stechender Schmerz.
Langsam fiel sie rücklings auf den durchnässten Sandweg, die Augen offen gehalten. Der Regen prasselte auf ihr Gesicht, doch das Mädchen war fern ab der Realität, so schien es...
- grenzenlose Finsternis -
Völlig verzweifelt wirbelte Anja umher, doch überall war nur schwarzes Nichts. Endlos, genau wie die Panik, die in ihr hochstieg.
Sie spürte am ganzen Leibe, wie kalt es dort war und fröstelte, hielt ihre Arme um das nasse T-Shirt. Das Gefühl, beobachtet zu werden, brachte das Mädchen dazu, sich weiter im Kreis zu drehen, doch da war niemand. Und doch spürte sie eine Anwesenheit. Nicht von einer Person… von vielen…
„Ha-hallo? Ist hier jemand? Muss ich wieder… kämpfen?“ Ihre Angst wich kalter Wut.
„Hör auf, mit mir zu spielen!“ Schrie sie und dachte dabei an die Unbekannte. Alles was Anja wollte, war, dass dieser ewige Albtraum ein Ende nahm. ((Oder... ist das Marks Schuld? Könnte er...?))
„Hey, wenn du hier irgendwo bist, komm raus und zeig dich! Ich will eine Erklärung! Hörst du? Hallo…!?“ Eine grimmige Fratze formte sich auf ihrem Gesicht.
((Ich hab genug! Was soll der Unsinn!?))
Etwas Kleines und helles zischte im hohen Tempo an ihrer linken Gesichtshälfte vorbei. Vor Schreck stolperte sie im Umdrehen und landete auf ihrem Gesäß.
Überall erschienen grelle, tennisballgroße Lichtbälle in der Finsternis. Dutzende, Hunderte, Tausende…
„Wa-wa-was ist das? Hey… das ist nicht komisch…“
Die Kugeln fingen an, sich aus einiger Entfernung um Anja zu kreisen, wie die Planeten des Sonnensystems um die Sonne. Die Schülerin erhob sich und bewunderte das Schauspiel.
Nach und nach erkannt sie, dass es mehr Kugeln wurde.
Ganz unvorbereitet stieß eine Kugel aus dem Hinterhalt durch Anjas Körper.
Einen kurzen Augenblick sah sie eine junge Frau, eine Bäuerin, wie sie durch die Klinge eines Diebes mitten in einem finsteren Wald attackiert wurde und am Boden liegend verblutete.
((Was… nein… das ist…)) Die nassen Strähnen wurden nun auch durch Schweiß benetzt. Die Schülerin hielt ihren Kopf und konnte gar nicht begreifen, was geschah, da traf sie von der Seite schon die nächste Lichtsphäre.
Diesmal sah sie, wie ein Ritter im Kampf gegen einen anderen auf einem regnerischen Schlachtfeld fiel.
((Das will ich nicht sehen…)) Wimmerte sie in ihren Gedanken.
Immer mehr der Kugeln rammten Anja und tauchten in ihr ein.
Sie sah die schrecklichsten Bilder… allesamt drehten sich um den Tod derjenigen, die Anja sah. Es waren unzählig viele und alles ging immer schneller. Blut an Wänden, Blut an Kleidung, ein Sprung in die Tiefe, Atemnot, Vergiftung, Feuer... und es fühlte sich an, als würde das Mädchen jeden Tod hautnah miterleben, als wäre sie das Opfer.
Endlose Minuten, die ihr wie Stunden, Tage vorkamen, wurde Anja so gequält.
Doch irgendwann waren alle Sphären in ihrem Körper eingetaucht.
Mittlerweile war sie keuchend in die Knie gegangen und sah auf, wo einige Meter entfernt, auf ihrer Höhe eine etwas größere, blauweiße Sphäre auf sie zukam. Schwächlich zitterte Anja, Tränen liefen über ihre Wangen.
Und als diese Kugel in ihrer Stirn verschwand, sah Anja mit eigenen Augen, wie das Schloss zerstört wurde, welches sie in ihrer allerersten Vision gesehen hatte.
Mitten in einer öden Landschaft stand es dar, umrandetet von einer altertümlichen Stadt. Wie ein Kreuz wirkte es, an dessen Ende jeweils ein gewaltiger Turm stand. Doch der Zentralturm überschattete alles von seiner Größe, ein Banner flatterte an seiner Spitze.
Obwohl sie bereits spürte, was geschehen würde, fühlte Anja sich doch so unsicher. In ihrer Perspektive fühlte sie sich wie Gott, der auf alles hinab starrte. Und dann sah sie ‚ihn’ unter sich. Ihre Eingeweide schienen sich in ihrem Körper hin und her zu winden.
Ein pechschwarzes Wesen, vergleichbar mit einem Ritter, auf einem ebenholzfarbenen Ross ritt vom Himmel herab und warf eine schwarze, drei Meter lange Lanze hinab in die Tiefe.
Wie ein Pfeil schoss sie herab und wuchs dabei in einer rötlichen Aura immer weiter an.
Wenige Momente vergingen und dieses Ding hatte bereits die Größe eines Obelisken erreicht.
Schließlich durchbohrte die Lanze einen Großteil eines Palastflügels und blieb schräg stecken.
Die Waffe ließ beim Aufprall eine Druckwelle los, die alles in der Umgebung zerstörte oder in Brand setzte.
Anja wurde trotz ihrer Entfernung von irgendetwas umgerissen und schloss die Augen, wobei sie fühlte, wie ihr Rücken auf etwas aufkam.
((Wo immer ich auch war… diesen Ort… gibt es nicht mehr… diese Welt... die Menschen... die Fremde...)) Dachte sie wie in Trance und fühlte nur noch diese klaffende Leere.
Mit einem Ruck wurde sie hochgerissen und blickte trübe in Nicks regennasses Gesicht. Er war sofort zu ihr geeilt und drückte sie mit einem Arm an sich, während seine freie Hand ihr Gesicht packte.
„Anja! Was hast du gesehen!?“ Schnell wurde er leiser, da Mark noch dort hinten stand und neugierig rüberlugte. Nick flüsterte fast unhörbar. „Hattest du wieder… eine Vision?“
„Ja…“ Murmelte sie traumatisiert. Doch ihre Gedanken fixierten sich schnell wieder auf Mark. „...ich erzähle dir später alles. Aber vorher muss ich… das Duell beenden.“ Entschied sie kämpferisch und stieß ihren bedröppelten Freund von sich weg.
„Bi-bist du sicher!?“
„Natürlich! So’n bisschen Schwindelgefühl haut mich doch nicht um!!“ Unsichtbares Feuer brannte in ihren Augen, als sie wieder Mark ins Visier nahm. ((Und doch... was ich da gesehen habe... meine Beine sind wie Pudding. Das... das...))
Einen Moment stockte sie.
Der große Kerl, welchen sie als Feind klassifizierte, blieb geduldig, versuchte aber durch eine besorgte Mimik zu Anja durch zu dringen.
„Dann fangen wir mal an!“ Blieb diese aber gnadenlos. „Göttlicher Ritter Ishzark (ATK/2300), greife meinen Fusion Knight (ATK/1700) an!“
Mit einem knappen Nicken zog der imposante Schwertkämpfer seine Waffe aus dem Boden und buckelte sie über den Rücken. Mit einem Mal stürmte er auf die vermummte Gestalt zu und erzeugte dabei um sich herum Abbilder, sodass die Illusionen den Fusion Knight verwirrten, wobei er seine Deckung vernachlässigte.
Mit einem gezielten Schwertschlag siegte Göttlicher Ritter Ishzark letztlich.
[Anja: 1200LP Mark: 1400LP]
„Durch den Effekt meines Ritters wird Fusion Knight aus dem Spiel entfernt, aber das ist egal...“ Anjas blaue Augen funkelten wie Sterne.
Sie hob eine Faust nach oben und zeigte somit, dass sie bereit für ihren Sieg war.
„Zeit, die Wahrheit ans Licht zu bringen! Klingenritter, beende es!“ Tönte sie und riss die die Hand hinab, um auf den jungen Mann zu zeigen.
„Tzz...“ Zischte Mark grimmig.
Mit schnellen Schritten stürmte der imposante Krieger auf ihn zu. Der Regen prallte auf seiner Klinge ab, die durch die Luft schnellte und zu einem Stich direkt in Marks Herz angesetzt war.
Anja sah bereits vor sich, wie der dunkelblonde Kerl zurück fallen würde und alles gestand. Sie fühlte diesen Genuss, überlegen zu sein und schämte sich nicht einmal dafür. Was sie tat, tat sie für alle!
Aber es sollte anders kommen, als von ihr geplant. „Oh!“
Aus dem Boden vor Mark sprudelte der Sand nur so hervor. Langsam erhob sich eine gewaltige Holzbaute vor ihm, die sich als schützende Mauer erwies. Der Klingenritter blieb mit seiner Waffe stecken, als diese durch das Holz gestoßen wurde. Unverkennbar war dies eine Arche.
„Was-was ist das denn zum Teufel!?“ Anja blieb die Spucke weg.
Nick, der die ganze Zeit hinter ihr stand, war erstaunt von dieser imposanten, schwebenden Gestalt. „Hehe, Anja war unachtsam.“
„Sicher war sie das...“ Murmelte Mark herablassend. „Diese Karte nennt sich Rescuer from the Graveyard und lässt sich nur von meinem Friedhof aus benutzen.“
„Wie gelangte sie da hin!?“ Anja war rasend vor Wut.
„Ich legte sie ab, als ich Kaminari Attack aktivierte, von meiner Hand... und dort habe ich nur darauf gewartet, sie im richtigen Moment benutzen zu können.“
Er zeigte fünf Karten von seinem Friedhof hervor, drei Zauber und zwei Fallen, und entfernte diese dann zusammen mit Rescuer from the Graveyard vom Spiel. „Dein Angriff schlug fehl!“ Beendete er für Anja ihren Zug und legte seine Finger aufs Deck.
Und da war es.
Dieses Gefühl, dass sich durch Anjas ganzen Körper zog und wie unruhiges Wasser pulsierte. Wie in Zeitlupe zog Mark die Karte von seinem Deck. Anjas Herz schlug so laut und schnell und das in so kurzer Zeit, aber jeder dieser Herzschläge sprach eine eindeutige Sprache.
Sie konnte nicht bestimmen, ob dieses Gefühl bedrohlich war oder nicht, aber was sie genau erkannte, war die Beziehung zwischen Mark und seinem Deck.
Wie ein geprügelter Hund ließ sie den Kopf hängen.
„Das ist...“ Staunte Mark derweil über seine gezogene Karte. „Damit beende ich das Duell! Last Defender!!!“
[Anja: 1200LP Mark: 700LP]
Wie ein strahlender Held hielt er seine Zauberkarte in die Luft. Ein glitzernder Wirbelwind fegte von hinten um ihn herum und bildete dann vor seinem Antlitz ein hoch gewachsenes Monster.
Das Gesicht war von einem Tuch verdeckt, weiß wie auch der Turban auf seinem Kopf. Obwohl der sandfarbene Umhang schlicht wirkte, erweckte das arabisch orientierte Monster Aufmerksamkeit durch seine schwarzumrandeten Augen, welche geheimnisvoll funkelten.
„Indem ich zwei Wächter von meinem Friedhof und die Hälfte meiner Lebenspunke als Preis zahle, kann ich von meinem Deck einen Wächter rufen und ihn mit seiner eigenen Waffe ausrüsten!!!“ Erklang Marks euphorische Stimme.
Auf dem Spielfeld erschien der Ausrüstungszauber „Balfer, Mondglanzlanze“ und genau diese lange, sichelförmige Stabwaffe tauchte in den Händen des Wächters auf.
„Meine Mondglanzlanze gibt Balfer für jeden Stufenstern deiner Monster einen Powerschub von 200 Punkten! Das sind zusammen genau zehn, also 2000 Punkte!!!“
Wächter von Balfer (ATK/1800 zu 3800)
„Heh...“ Das Mädchen lachte leise, sah aber dabei nach wie vor den durchnässten Weg unter ihren Füßen an. „Dein Deck ist einzigartig... ich hab’s gefühlt...“
„Dann hast du also heute doch etwas über mich gelernt.“ Meinte Mark belehrend.
„Lass uns das jetzt abschließen.“ Anjas Stimme war leise aber fest. „...selbst wenn ich jetzt verliere, ändert sich nichts an meiner Meinung...“
„Das dachte ich mir.“ Mark schloss die Augen. „Scheint, als hätte ich mich wirklich in dir getäuscht. Wächter von Balfer, greife Göttlicher Ritter Ishzark an!“
Der abendländische Wächter sprang elegant in die Luft und wirbelte wie ein leuchtendes Rad im Sturzflug auf den weißen Krieger zu. Anja hörte nur den Knall der anschließenden Explosion und lachte leise.
[Anja: 0LP Mark: 700LP]
Und nun standen sie da. Die Monster verschwanden vom Spielfeld, die Dueldisks gingen in ihre Ausgangsstellung zurück.
Erste Sonnenstrahlen brachen durch die dichte Wolkendecke und erst jetzt wurde bemerkbar, dass der Regen aufgehört hatte.
Mit knirschenden Schritten auf dem Boden ging Mark langsam auf Anja zu und blickte auf das Mädchen herab, welches nach wie vor ihren Kopf hängen ließ. Dann ging er weiter und sowohl an ihr, als auch an Nick wortlos vorbei.
„Plan B...“ Murmelte Anja leise.
„Hmm?“ Nick sah noch verdutzt Mark hinterher, wie er bereits an den Stufen angekommen war, die zum weiteren Teil des Schulhofs hoch führten.
„Pack ihn... hehe...“ Kicherte Anja verstohlen.
„Du willst-!?“ Nick erschrak und stolperte einen Schritt von ihr zurück.
„Hast du ne bessere Idee... schnapp ihn dir!“ Das Mädel wirbelte um und zeigte auf den sich immer weiter entfernenden Kerl. „UND ZWAR ’N BISSCHEN PLÖTZLICH!!!“
„Zu Befehl, Frau General!“ Stieß Nick ängstlich hervor, machte auf dem Absatz Kehrt und stürmte auf Mark zu.
„HYA!“
Der drehte sich verwundert um und sah, wie sich Nick gerade in die Luft erhob und auf ihn zu stürzte, mit Armen und Beinen ausgestreckt. Mit einem Schritt nach rechts wich er jedoch ohne Mühen aus und so knallte Nick mit voller Wucht auf die Treppe und rutschte die drei kleinen Stufen runter.
Anja kam derweil angerannt und blieb vor ihrem KO gegangenen Freund stehen.
„So ein Idiot!!!“ Kreischte sie und konnte nicht fassen, wie unfähig Nick war. Dabei trat sie in sein Hinterteil.
„Was sollte das denn werden?“ Wunderte sich Mark schmunzelnd.
„Eh... ich weiß auch nicht...“ Anja pfiff unschuldig und rollte die Augen nach oben.
Nick sprang jedoch mit geballten Fäusten auf und stellte sich Mark in Boxerpose gegenüber.
„Ich bin noch lange nicht fertig mit dir! Nick-Attacke!“
Mit siegessicherer Mimik griff der große Junge den Arm seines Gegenübers und...
„Brennnessel!?!?“ Anja blieb der Mund offen stehen, als Nick mit beiden Händen in verschiedene Richtungen am Arm seines Opfers drehte. „Wie wär’s, wenn du einfach zuschlagen würdest, du Volltrottel?!“
Mit einem müden Gesichtsausdruck packte Mark nun Nicks einen Armen und wirbelte ihn anschließend einmal um seine Achse, bevor er ihn auf den Boden drückte.
„Und so einer soll mich…?“ Mark verdrehte die Augen, während er zu Anja aufsah.
„Anfja… hilff mirf!“ Bettelte Nick, dessen Gesicht ins Gras gedrückt wurde.
„Ehehehe…“
„Ihr gebt wohl nie auf, was?“ Ein verschmitztes Lächeln und schon ließ Mark den Gequälten los. Der kam sofort auf die Beine und versteckte sich kauernd hinter Anja. „Beschütz mich!!“
Der Blondine klappte dabei die Kinnlade runter. „IDIOT! Du sollst doch mich beschützen! Wozu hat man sonst männliche Freunde!?! Nutzloser Depp!!!“
„Vielleicht ist es an der Zeit...“ Murmelte der dritte im Bunde derweil. „...mein Geheimnis zu offenbaren. Wenn nicht jetzt, wann dann?“
„Hmm?“ Anja und Mark sahen sich in die Augen.
„Du bist besonders, Anja. Das hab ich von Anfang an bemerkt...“
„Wa-was meinst du!?“ Stotterte sie und wurde dabei leicht rot, obwohl sie wusste, wie er es wirklich meinte.
„Ich frage mich, wieso ich das überhaupt tue...“ Lachte Mark leise und fühlte sich wie ein Dummkopf, dass er den beiden von sich erzählte, obwohl sie ihn für ein Monster hielten. „Vor zwei Jahren...“ Fing er dann an.
Turn 13 - Love equal anger
Mark offenbarte Nick und Anja die Wahrheit, die anders aussah, als es sich das Mädchen ausgemalt hatte. Dennoch wunderten sich die drei danach, ob eine Verbindung zum derzeitigen Geschehen bestehen könnte. Nach dem Unterricht fuhren die drei zusammen nachhause und sahen beim Vorbeifahren am Park Frank, wie er sich gegen eine seltsame Frau duellierte. Und...
Anjas Deckliste
Marks Deckliste
Erste Regentropfen prasselten den grauen, stark bewölkten Himmel hinab und trafen die Schülerin im Gesicht. Doch sie bemerkte es gar nicht, denn ihr Blick war fest auf Mark gerichtet, welcher von verschiedensten Kinderspielsachen und seinen Monstern umgeben war.
Er hielt mit geschlossenen Augen inne, entspannte sich.
Sie wusste genau, dass ihre Worte und ihr Verdacht, dass er hinter den Koma-Duellanten steckte, ihn sehr verletzten, aber in ihrer Wut und Sorge war ihr das egal. Alles was sie wollte war, ihn hier, auf einem Sandweg neben der Wiese der Schule, zu besiegen und zu stellen.
Nick, welcher Mark mehr Vertrauen schenkte als Anja, stand jedoch nur auf dem weiten Grün und sah besorgt zu seiner blonden Freundin, die gerade am Zug war.
((Diese Karte hilft mir weiter!)) Dachte Anja zufrieden und checkte zunächst das Spielfeld.
Anja: 1200LP, drei Handkarten
Keinerlei Feldkarten
Mark: 4000LP, eine Handkarte
Wächter von Grarl (ATK/3000), Wächter von Elma (ATK/1600), eine verdeckte Karte, Elma, Schmetterlingsdolch (ausgerüstet an Wächter von Elma), Grarl, Schwerkraftaxt (ausgerüstet an Wächter von Grarl), Memory of Childhood Dreams (Spielfeldzauber)
Ihr Blick ging über Wächter von Grarl, einem braunen Echsenmann mit wuchtiger Axt in den Händen zu Elma, einer leicht bekleideten Dame, die einen Dolch in der Hand hielt zu Mark selbst, welchen beide Wächter schützen.
„Mach dich bereit!“ Zische Anja zum großen, dunkelblonden Schüler hinüber und legte eine Fusionskarte aus ihrer Hand ab.
Einen Moment später hörten die drei ein markantes, grelles Geräusch, ähnlich quietschender Kreide an einer Tafel und schon schwebte aus dem Nichts ein Wesen vor Anja.
„Indem ich Polymerisation abwerfe, darf ich Fusion Knight (ATK/1700) aus meiner Hand aufrufen!“ Erklärte das Mädchen.
Die herabfallenden Regentropfen wurden schwerer und die Wolken dunkler, ein Gewitter zog herauf. Anjas blonde, offen liegende Haare wurden durchnässt, genau wie Marks und Nicks. Obwohl Nicks strubbelige Haare schon wegen ihrer Länge fast in seinen Augen lagen, musterte er Anjas neues Monster.
Der gesamte Körper der Kreatur war schwarz und der eines Menschen. Rote Farbstreifen überzogen Arme und Gesicht und sahen ein wenig aus wie Andern, nur dass sie kerzengerade verliefen. Ein zerfetztes Cape aus dunkler Seide umhüllte den gesamten Ober- und Unterkörper des Monsters, umschlang geschickt alle essentiellen Stellen und flatterte dennoch durch den Wind.
„Fusion Knight hat eine besondere Fähigkeit.“ Anja sah Mark herausfordern an, als ob sie erwartete, dass dieser wüsste, was jetzt geschah. Doch er zuckte ahnungslos mit den Schultern.
„Und die wäre?“
„Natürlich hat es was mit einer Fusion zutun...“ Merkte sie spitzzüngig an. „Allerdings dauert es zwei Runden, bis diese geschieht. Aber schon jetzt muss ich die Materialien ablegen, die benötigt werden.“
„Eine Fusion?“ Wunderte sich Nick, der sie nie zuvor diese Karte hatte benutzen sehen. ((Ich dachte, ich kenne ihr Deck in und auswendig, aber die ist neu... sie arbeitet in letzter Zeit oft an ihren Karten... oh, was ist denn das?)) Nick wurde dann aber von einem Plüschäffchen mit Trompete abgelenkt, das gerade an ihm vorbeischwebte.
((Cool!)) Sofort jagte er dem Stofftier hinterher.
„Was macht der Idiot da?“ Säuselte Anja vor sich hin, während Nick schreiend über die Wiese hinter dem Affen her war. Nebenbei durchsuchte sie das Deck in ihren Händen und legte Klingenritter und Heiliger Ritter Ishzark ab, welche sie für die Fusion benutzen wollte.
„Jedenfalls...“ Wandte sie sich dann an Mark, der wegen Nick schmunzeln musste. „...vergiss nicht, dass mein Knight of the Black Order noch auf dem Friedhof liegt und von dort all meinen Kriegern 300 Angriffspunkte verleiht!“
Fusion Knight (ATK/1700 zu 2000)
((Welches Monster wird sie beschwören?)) Überlegte Mark und öffnete schließlich seine Augen, musterte erst jetzt ihr Monster. „So, wie es im Moment aussieht, wirst du Probleme haben, die zwei Runden zu überstehen.“
„Bild dir gar nicht ein, dass du mich vorher besiegen wirst! Sieh her, Fusion Knight, beseitige Wächter von Elma für mich!“
Auf Anjas Befehl hin streckte das fremde Wesen ohne Haare oder Gesichtsmerkmale einen Arm vor sich aus und bündelte in der Faust eine rote Energiesphäre, die unvermittelt auf Elma geworfen wurde und sie bei lebendigem Leibe verbrannte.
[Anja: 1200LP Mark: 3600LP]
„Oh!“ Mark reagierte zornig auf den Tod seines Monsters. Trotz allem stand ihm Grarl noch zur Seite. Doch auf einmal hielt Anja eine Zauberkarte, auf der man Kreaturentausch las, in die Höhe und schob sie mit einem zufriedenen Ausdruck im Gesicht in die Dueldisk.
„Meine letzte Handkarte lässt uns jetzt die Monster vertauschen! Na, wie fühlt sich das an, wenn eines deiner Lieblingsmonster so plötzlich die Seiten wechselt?“ Provozierte sie Mark bewusst, während ihr Fusion Knight über den Boden zu ihm rüberschwebte und sich schließlich zu ihr umdrehte, wobei Grarl längst zu Anja hinübergestampft war. Beide warfen sich die jeweiligen Karten rüber und fingen sie perfekt zwischen den Fingern auf.
„Machst du dich über mich lustig?“ Fragte er gereizt und enttäuscht. „Anscheinend habe ich mich in dir getäuscht, du bist-“
„Hmpf...“ Ignorant rümpfte sie die Nase und sah weg. „Erspar mir die Moralpredigt, jemand wie du ist nicht berechtigt, eine zu halten!“
„Du wirst wohl solange an meine Schuld glauben, bis ich selbst meine Seele verliere, was?“ Fragte er daraufhin aufgebracht und streckte die Arme vor sich aus. „Ich kann nicht glauben, wie blind du bist! Du siehst nur das, was du sehen willst!“
Den letzten Teil hörte sie schon gar nicht mehr, denn ihre Gedanken hatten aufgehört ihm zu folgen, nachdem er das Wort ‚Seele’ erwähnte.
Ziemlich unklar darüber, wie sie reagieren sollte, fragte sie ihn leise. „Was hast du da gesagt? Du raubst... Seelen?“
„Nicht ich!“ Protestierte Mark, als würde er mit einem lernunfähigen Kind sprechen. „Die!“
„Wer sind denn ‚die’? Gehörst du zu denen?“ Keifte sie ihn misstrauisch an.
„Nein!“ Stöhnte er lauthals und fasste sich an den Kopf. „Warum willst du mir nicht glauben, verdammt noch mal!?“
„Weil du Nick fast umgebracht hast!!!“
„Ich konnte nichts dafür! Das schwöre ich bei meinem Leben! Ich wollte niemandem etwas tun!“ Doch alles nützte nicht, denn Anja wollte ihm nicht glauben.
Kopfschüttelnd fixierte sie ihren Blick auf ihn, wie er da stand und bereits Farbe im sonst eher blassen Gesicht gewonnen hatte, das durchnässt vom Regen war, wie auch das ihre. „Zug beendet!“
((Die will echt nicht aufgeben! Ich glaub’s nicht...)) Mark drehte sich um suchte mit seinem Blick die Wiese ab, um Nick zu finden. Doch der war bereits weit entfernt und stand umherirrend bei dem Denkmal eines Reiters, das in der Mitte jener Wiese errichtet wurde und suchte nach dem Affen. ((Aber wenn sie selbst auf ihn nicht hört... so eine sture Person!))
Es donnerte.
Leise, aber eindeutig, das Gewitter würde sie bald erreichen. Schließlich sah Mark wieder hinüber zu Anja, deren langer Pony ihr nass im Gesicht lag, welches so zornig und unnachgiebig leicht gekippt rüber zu ihm stierte. Ihr Atem ging leise, aber merkbar, und durch das weiße Shirt, das sie anhatte, sah man an den Armen etwas Haut durchschimmern.
„Ich wünschte...“ Murmelte Mark vor sich hin, aber schämte sich dann wegen dem, was er dachte. Dann zog er letztlich und brachte den Fusion Knight auf seiner Dueldisk erstmal in eine horizontale Lage, ergo den Verteidigungsmodus.
Fusion Knight (DEF/1200)
Seine beiden Handkarten musternd, Wächter von Tryce und eine Zauberkarte, vertraute er auf sein Deck. ((Alles könnte von der Karte abhängen, die ich nächste Runde ziehe! Ich muss Anja die Augen öffnen!))
Schließlich schwang er seinen Arm aus und ließ die verdeckte Falle aufspringen.
„Jeder Mensch hat etwas, das er beschützen will!“ Erklärte er mit gehobener Stimme. „Heute will ich meine Ehre vor dir verteidigen!!! Allein der Wille, sich selbst zu opfern, macht uns unglaublich stark. So auch die Wächter, die alle eine eigene, besondere Waffe haben. Aber mehr noch, sie besitzen auch eine eigens für sie angefertigte Supportkarte! Diese nennt sich Kaminari Attack!“
Als die letzten Worte ausgesprochen waren, zischte ein strahlender Blitz vom Himmel hinab und schlug direkt vor Marks Füßen ein. Es war jedoch nur ein holografischer Blitz, welcher sich in einen gelben Ring auf dem Boden verwandelte.
„Ich muss eine Handkarte ablegen...“ Erklärte Mark und zeigte die Zauberkarte vor, die er schließlich zu seinen Friedhofskarten steckte. „...danach muss ich ein Monster von meinem Deck ebenfalls dorthin bringen!“ Ohne weiteres landete die gewählte Karte im Schacht seines Friedhofs.
Es donnerte nochmals, wieder schoss ein Blitz vor Mark herab auf den Boden. Und da sah Anja sie.
Wächterin von Airtos, durchnässt vom Regen mit ihrem strahlenden Schwert, wie sie auf Anjas Grarl zuflog, das weiße Haar ihrer Vogelkopfmütze durch Wind flatternd.
Das Bild verflog schnell wieder wie Rauch und Anja wunderte sich, ob sie sich das nur eingebildet hatte. Doch dann sah sie etwas verdutzt drein. ((Wird er... sie beschwören? Das ist die Zukunft... oder? Ich hab das schon mal erlebt... als Mark und Nick...))
„Und schließlich darf ich Wächter von Tryce aufrufen, von meiner Hand!“ Unterbrach Mark sie beim Denken und klatschte seine letzte Handkarte auf die Dueldisk.
Aus der Einschlagstelle des Blitzes, inmitten des Rings, sprühten Funken in die Höhe, die das geisterhafte Bild eines dunkelhäutigen Mannes in gelbem Hemd und blauen Hosen, sowieso blauen Haaren und zwei funkenden, dünnen Schwertern zeigten. Einen Moment später festigte sich sein Antlitz.
Wächter von Tryce (ATK/1900 zu 1400)
„Zu guter Letzt erhält Tryce noch seine Ausrüstungskarte, Tryce, Zwillingsschwerter des blitzenden Lichts.“
Anja wurde daraufhin durch ein helles Licht, dass scheinbar von der ganzen Umgebung und den Spielsachen ausging, daran erinnert, dass Mark sich einen Wächter aus dem Deck suchen durfte, wenn ein anderer Wächter auf dem Spielfeld seine eigene Ausrüstungskarte erhielt. Und so zeigte er Wächter von Baou vor.
Schließlich spottete sie über sein Monster. „Du machst es noch schwächer als es sowieso schon ist! Pah! Ich weiß, Tryce kann jetzt zwei Attacken starten, aber das bringt ihm in Angesicht von deinem eigenen Wächter von Grarl, gar nichts!“
Mark verschränkte nur die Arme gespannt und setzte einen entschlossenen, wenn auch wütenden Blick auf. „Du wirst schon sehen.“ Ging er nicht weiter darauf ein. „Du bist.“
Als Anja ihre Finger auf die oberste Karte ihres Decks legte, um sie zu ziehen, sah sie erneut Airtos vor sich, wie sie Grarl angriff. Demnach stieg auch Anjas Nervosität, ihre Hände zitterten leicht und es donnerte abermals, diesmal jedoch lauter als zuvor.
((Er wird sie rufen... ich spüre es... aber warum?)) Fragte sie sich ängstlich und betrachtete die Karte, welche sie eben gezogen hatte, eine Falle. ((Oh...))
((Bist du das...?)) Fragte sie dann in ihren eigenen Gedanken nach, gezielt an die Fremde, die ihr immer wieder erschien. Aber es antwortete niemand.
((Werd ich jetzt wirklich verrückt... oder bin ich’s schon?)) Sie ertrug es nicht, nur daran zu denken. Diese verwirrende Person, die sie einfach nicht in Ruhe ließ... Anja biss die Zähne zusammen.
((Es gibt kein Zurück... ich muss mich auf Mark konzentrieren!))
Er beobachtete sie die ganze Zeit und ihm blieb auch nicht verborgen, wie zaghaft sie dreinblickte. Mark fragte sich, was wohl mit diesem Mädchen los sei, dass sie sich so seltsam und verbissen verhielt. Aber er wusste es innerlich, ohne es zugeben zu wollen, er wusste, dass etwas an Anja anders war.
Derweil überlegte sie weiter. ((Er will, dass ich Tryce angreife, nicht wahr? Obwohl er nichts in der Hinterhand hat... aber Wächter von Airtos... sie wird kommen! Das weiß ich! Aber...)) Nochmals las sie sich die Falle in ihren Händen durch. ((... ich werde vorbereitet sein!))
„Also...“ Tönte sie dann entschlossen. „Wächter von Grarl, kämpfe gegen Tryce!“
Das braune Reptil machte einen Satz nach vorne und sprintete auf den Mann zu, der seine beiden Klingen schützend und gleichzeitig herausfordernd vor sich hielt. Doch es nützte nichts, denn mit einem Schwung von Grarls Axt zersplitterten die Degen und auf Tryces Oberkörper bildete sich eine feine, rote Linie. Einige Tropfen Blut benetzten den aufgeschwemmten Boden, bevor Tryce explodierte.
[Anja: 1200LP Mark: 2000LP]
„Effekt auslösen!“ Rief Mark nun und ballte eine Faust. „Wird Tryce zerstört, ruft er das Monster auf, welches für seine Tributbeschwörung angeboten wurde!“
Anja sah Mark aus einem Auge scharf an, da ihr anderes von den nassen, blonden Haaren verdeckt war. Kalt erwiderte sie: „Aber du hast kein Tribut für ihn angeboten...“
„Mag stimmen, aber durch Kaminari Attack habe ich ein Monster von meinem Deck abgelegt... erinnerst du dich? Das ist das Opfer gewesen!“ Zufrieden lachend, nahm Mark das Monster von seinem Friedhof hervor und präsentierte es: Wächter von Airtos.
„Sie...“ Murmelte Anja und erkannte, dass Marks Falle es so gedreht haben musste, dass das vom Deck abgelegte Monster als Tribut dienen soll.
„Ich lege mein Schicksal in deine Hände! Wächter von Airtos (ATK/2500)!“
Nun war sie real, die schöne Schamanin mit den weißen Schwingen. Genau wie in Anjas Vorhersehung, wurde die Vogelmütze auf ihrem Kopf, deren weiße Haare der Wächterin bis zur Hüfte gingen, schnell durchnässt.
Anja jedoch blieb seelenruhig und setzte ihre Handkarte verdeckt aufs Feld. ((Du wirst dein blaues Wunder erleben, Freundchen!))
„Airtos ist meine wichtigste Karte! Ich werde nicht zulassen, dass du ihr ein Haar krümmst!“ Bereit wie nie holte Mark aus und zog. ((Danke... Airtos...)) „Damit werde ich dich in deine Schranken weisen! Heiliges Schwert der Göttin - Airtos!“
Nick, der noch beim Denkmal abseits der zwei Duellanten rumwuselte, blickte hinüber zu den beiden und erkannte schon von weitem, dass Airtos auf dem Spielfeld von Mark, der ihm den Rücken zugekehrt stand, ihr langes, leuchtendes Schwert in den Händen hielt.
((Damit war es ihm möglich, mich zu besiegen...)) Erinnerte er sich noch lebhaft an seine Niederlage. Besorgt starrte er zu Anja, die anscheinend Marks Grarl besaß und die Arme verschränkt hatte. ((Bist du immer noch... böse auf ihn, Anja?)) Bedrückt schritt Nick über die Wiese, um zurück zu den beiden zu gehen.
- etwa zur selben Zeit im Unterricht -
Ein muskulöser, blonder Schüler starrte aus dem Fenster eines oberen Stockwerks und sah in der Ferne zwei Duellanten stehen, die gegeneinander antraten. Regentropfen ließen die Außenwelt unklar erscheinen, aber selbst aus dieser Entfernung würde er das Mädchen unter den beiden sofort wieder erkennen, das Mädchen, das ihn zutiefst gedemütigt hatte.
((Anja...)) Frank zog seine dunkelbraunen Augen zusammen und verfluchte sie in seinen Gedanken. ((Dieses dreckige Stück Scheiße...))
Der Klassenraum war ziemlich dunkel, denn der Strom war ausgefallen. Das hinderte eine zierliche, ältere Dame mit grauen Haaren und Dutt aber nicht, ihren Vortrag über verschiedene Ökosysteme zu halten.
Natürlich hörte Frank, der in der letzten Reihe saß, nicht zu. Je mehr er Anja beobachtete, desto größer wurde der Zorn in ihm.
Sie hatte ihn, festgebunden an seinem eigenen Bett, nachdem sie sich an ihm vergangen hatte, einfach hilflos dort zurückgelassen, bis seine Eltern ihn halbnackt fanden und ihn teilweise unter Hohn und Spott befreiten. Niemals würde er jenen Tag vergessen. Wenn er könnte, würde er dieses Mädchen eigenhändig umbringen.
Während er so nachdachte, drückte er den gelben Bleistift in seinen Händen zusammen. Dieser zerbrach schließlich unter dem Druck, doch das Geräusch war wie Musik in Franks Ohren, gebrochene Knochen dieser Schlampe... so stellte er es sich vor.
„Hey Alter, was’n mit dir?“ Wurde er von einem Kumpel von der Seite angequatscht, doch Frank schenkte ihm keinerlei Beachtung.
((Wie kann ich es ihr am besten heimzahlen?)) Überlegte er und sah, wie Anjas Gegner gerade ein prächtiges Monster, Wächter von Airtos, beschwor. ((Ein Duell zur Demütigung? Nein... das würde bei ihr nichts bringen. Vielleicht sollte ich sie vergewaltigen...))
Seine Miene hellte sich boshaft grinsend auf. ((Nach dem Unterricht... das wäre doch mal was... aber dann würde sie mich anzeigen... solange sie lebt, heißt es...)) Schnaubend wandte er sich vom Fenster ab und starrte auf ein leeres, liniertes Blatt Papier.
((Nein, das geht nicht.)) Grimmig fixierte er sich auf die obere Hälfte des Blattes und atmete tief durch.
„Willst du wirklich Rache?“
Schreiend lehnte sich Frank mit dem Stuhl knarrend zurück und kippte mit ihm nach hinten um.
„Ohh...“ Stöhne er und rieb sich den Kopf, ungläubig, was er da gesehen hatte.
Die Klasse war Mucksmäuschen still und alle sahen zu ihm hinüber. Die tattrige Lehrerin sagte keinen Ton, aber ihr Blick teilte mit, wie unerfreut sie über diese Störung war.
„Sorry... kann doch mal passieren...“ Fauchte Frank durch den Raum und setzte sich hin, nachdem er aufgestanden war.
Ungläubig sah er das Papier an, auf dem in der obersten Zeile genau diese Nachricht stand.
((Was zur-?)) Er konnte sich keinen Reim drauf machen, wie das dort hinkam. Noch immer hielt er den zerbrochenen Bleistift in der Hand, und er war sich sicher, dass er das nicht unbewusst dort hingeschrieben hatte.
Neugierig setzte er mit der einen Hälfte des Stifts an, etwas auf das Blatt zu schreiben, doch zog ihn zögernd zurück. Dann übermannte es ihn doch und er antwortete einfach.
„Ja!“
Es dauerte einen Moment, aber schwarze Tinte schwappte in Form von geschnörkelten Wörtern, wie schon beim ersten Mal, aus dem Blatt hervor und gab eine Antwort.
„Dann komm in den Park... und lerne die Welt kennen, wie sie wirklich ist.“
„Wie meinst du das?“ Krakelte er hastig darunter. Einen Moment später schon erhielt Frank die Antwort.
„Dies ist deine Chance, die Wahrheit über deine Welt und die Menschen zu erfahren. Komm zu mir und ich gebe dir die Kraft, dich zu rächen!“
„Wer oder was bist du? Wie machst du das mit dem Papier?“ Der blonde Kerl fühlte sich unwohl, aber er wollte unbedingt mehr über dieses Phänomen wissen.
„Avaritia nennt man mich. Der Trick? Benutz deine Fantasie...“
Sprachlos sah er das Geschriebene erstmal an und las es sich erneut durch, bevor er unter dem Tisch nachsah, doch logischerweise war dort nichts. Völlig verwirrt setzte er zur Antwort an.
„Soll ich sofort kommen?“
„Nein... Du willst sofort kommen. Also tu es... komm zu mir...“
Die letzten Worte von Avaritia spukten Frank im Kopf herum. Er oder sie hatte Recht, er wollte kommen. Aber er wusste nicht, ob er den Mut dazu hatte.
Frank sah auf und erkannte, dass die Lehrerin etwas an die Tafel schrieb und die anderen es abschrieben. Kurz blickte er zu seinem Kumpel hinüber, da er dachte, dass das vielleicht nur ein Scherz sein könnte, doch auch der wirkte abgelenkt.
((War das real?)) Als er das Blatt anblickte, blieben die Worte dennoch erhalten. Kopfschüttelnd richtete er sich mit knarrendem Stuhl auf und sagte: „Mir geht’s nicht gut, ich geh mal kurz auf die Toilette.“
„Gehen Sie ruhig.“ Schnarrte die Alte tonlos und schrieb weiter, anscheinend war es ihr ganz recht, dass Frank ging. Der packte schnell seine Sachen zusammen und buckelte seinen Rucksack, bevor er an den anderen vorbeihuschte und aus den Klassenraum verließ.
Gleich, nachdem er die Tür geschlossen hatte und den Gang betrat, schreckte er zurück und ließ seinen Rucksack fallen.
Alles leuchtete rötlich, die Türen, die Wände, einfach alles. Frank selbst wirkte nur wie eine blasse, graue Gestalt in dieser verzerrten Umgebung.
„Was, was...“ Schoss es aus ihm hinaus.
Ein Kichern ertönte in der Ferne, eine rauchige, tiefe Frauenstimme sprach zu ihm. „Tzz tzz. Du wolltest doch die Welt sehen, wie sie wirklich ist. So überrascht?“
„Aber...“ Frank blickte hin und her.
Wie Wellen bewegte sich die Farbe in ihrer Umgebung, welche teilweise auch ins Schwarze abrutschte und immer unheimlicher zu glühen schien, obwohl alles noch seine normale Form hatte.
„Komm zu mir...“ Sagte die Frau nur.
Vorsichtig bückte sich Frank und hob hastig seine Sachen auf, bevor er den Gang entlang rannte.
- zurück zum Duell -
Die Wächterin hielt eine lange, strahlende Klinge in ihren Händen und sah Anja mutig ins Antlitz.
Der Regen wurde immer stärker. Donner und nun auch Blitze verschmolzen wie durch Magie mit der Umgebung, die starken Grau- und Grüntöne wirkten lebendig aber fern, wie ein Schatten der Realität.
Nick kam zurück zu den beiden und stand dort auf der Wiese, wo er schon vorher dem Duell beigewohnt hatte. Völlig außer Atem, da er, nachdem er Airtos sah, so schnell er konnte gerannt war, stützte er seine Arme auf den Oberschenkeln ab und stierte rüber zu Anja, deren Gesicht ganz nass, aber voller Entschlossenheit war.
„Airtos übernimmt die Kraft aller Monster auf unseren Friedhöfen.“ Brach Mark die vorher da gewesene Stille bestimmt und stieß einen lauten Seufzer aus.
„Ich weiß...“ Murmelte sie dazwischen.
„Anja... du kannst mich nicht besiegen. Nicht, solange du dir selbst im Weg stehst!“
„Ich will deine dummen Vorträge nicht hören!“ Wehrte sie entschieden ab und knirschte mit den Zähnen.
„Airtos!“ Rief Mark hinauf zu seiner Wächterin, als hoffte er, dass sie Anja zur Vernunft bringen könnte.
Wächter von Airtos (ATK/2500 zu 12900)
„Whoa!“ Nick machte ein langes Gesicht im Angesicht von Airtos’ Stärke. „Das ist absoluter Oberwahnsinn! Anja!!!“
Doch das Mädchen ließ sich davon keineswegs beeindrucken und steckte ihre Hände in die hinteren Hosentaschen ihrer Jeans. „Pfff...“
„Ich wechsle Fusion Knight zurück in den Angriffsmodus (ATK/1700).“ Mark drehte mit einer Handbewegung auf seiner Dueldisk das Monster von horizontaler Lage in die vertikale Position. „So soll es sein... Airtos, greife Grarl an!“
Anja blickte auf und sah nun das Bild wieder vor ihren Augen, wie Airtos sich auf ihr Monster hinabstürzte. Doch diesmal war es keine Vision, sondern greifbare Realität. Und sie würde nicht zulassen, dass es mit diesem Angriff vorbei war!
„Falle aktivieren!“ Befahl sie ihrer Dueldisk mit gefasster Stimme. „Forced Demotion! Damit opfere ich Grarl und rufe einen Krieger von meinem Friedhof, dessen Angriffstärke geringer ist als die des Opfers!“
Grarl löste sich in schimmerndes Licht auf. Mark fühlte sich gleich wohler, als sein Monster nun endlich auf seinem Friedhof lag und nicht mehr unter Anjas Kontrolle stand. Im selben Augenblick tauchte eine alte Bekannte auf, die Ritterin der Königin (DEF/1600), die niederkniete und sich durch ihren roten Schild schützte. Abwartend versuchte Anja, Mark mit ihren blauen Augen ins Visier zu nehmen und zu verunsichern, was aber bei ihm nicht funktionierte.
„Airtos wird jetzt noch stärker!“ Rief er nur.
Wächter von Airtos (ATK/12900 zu 13900)
„Es spielt keine Rolle, WIE stark sie ist... Ich werde sie vernichten!“
„Das werde ich nicht zulassen!“ Schnauzte Mark voller Wut über Anjas verachtende Worte. „Airtos, bekämpfe Anjas neues Monster!“
Mitten in der Luft, wo Airtos schwebte, strahlte starkes Licht von oben herab. Die blonde Wächterin sah ins Licht und man hörte einen Vogel kreischen, vielleicht war es derselbe, den sie als Kopfbedeckung trug.
„Komm nur!“ Schnaubte Anja. Airtos hielt ihr Schwert gen Himmel und wie durch Zauberei wuchs die Klinge immer weiter Richtung des Lichts. Unvermittelt schwang Airtos schließlich das Schwert nach unten und würde sogleich die Ritterin der Königin erreichen.
((Danach wird dein eigenes Monster, Fusion Knight, dich angreifen und besiegen!)) Dachte Mark, dem es langsam genug mit der Schülerin wurde.
Die Ritterin hob ihr Schwert senkrecht über den Kopf, und stützte es mithilfe des Schildes ab. Der Angriff von Airtos schlug fehl, unter viel Druck konnte die zierliche, blonde Ritterin sich gegen das schwere Schwert von Airtos behaupten.
„Deine Karte wehrt den Angriff ab!?“ Beeindruckt davon, wie Ritterin der Königin den Schlag pariert hatte, hörte er sich Anjas Rechtfertigung dazu an.
„Sicher...“ Murmelte sie tonlos, als wäre es selbstverständlich. „Ein Monster, das durch Forced Demotion gerufen wurde, kann niemals von anderen Monstern besiegt werden, die mächtiger sind als Grarl, das Monster, dass ich als Tribut angeboten hab. Du konntest nur versagen!“
„Aber das gilt nicht für Fusion Knight, denn seine Punkte sind geringer als die von Grarl!“ Konterte Mark erbost und streckte den Arm aus, zeigte mit ihm auf die Person, die ihn so vieler Verbrechen verdächtigte.
Das in einem dunklen Cape verhüllte, dunkelhäutige Monster bündelte zwischen seinen beiden Armen rote Energiebälle und schoss diese wie einen Kugelhagel auf Anjas Monster ab. Diese konnte sich nicht wehren und wurde durchlöchert wie ein Sieb, bevor sie zu Staub zerfiel und ganz verschwand.
Wächter von Airtos (ATK/15400)
„Es wird immer stärker!“ Beunruhigt klammerte sich Nick an einen Teddybären, der wie andere Spielsachen durch die Luft levitierte. Bettelnd sah er zu seiner besten Freundin. „Anja, hör auf...“
„Warum? Ich bin so nah dran!“
„Steigerst du dich nicht in etwas hinein?“ Versuchte es Nick weiter. „Heißt es nicht schuldig, solange die Unschuld bewiesen ist?“
Mark verzog peinlich berührt das Gesicht, weil Nick es mit seinen falsch aufgesagten Sprichwörtern wohl kaum besser machen würde. Dankbar war er ja, aber seine Meinung über Anja stand mittlerweile eh fest. Und positiv war sie nicht unbedingt...
„Ich steigere mich in nichts hinein!“ Anja kochte vor Wut darüber, dass ihr Freund ihr dermaßen in den Rücken fiel. „Aber du verstehst das eh nicht...“
„Was versteht er nicht?“ Redete nun Mark ruhig auf sie ein.
„Kch...“ Anja blickte zur Seite und sah rüber zur Holzbank, auf der sie bei strahlendem Sonnenschein Marks Duell mit Nick zusah. Ihr Ausdruck trübte sich zu einer traurigen Miene, die sofort wieder zornige Falten bekam. ((Wenn Nick gestorben wäre... wenn er tot wäre...))
„Anja?“ Nick glotzte sie mit großen Augen an.
„Nichts!“ Keifte sie sofort und wandte ihren Blick rüber zu Mark, der ihren Ausdruck sorgfältig studierte. Er hatte verstanden, warum sie wirklich so wütend auf ihn war.
((Du wolltest deinen Freund beschützen... huh?)) Dennoch musste er den Kopf schütteln, da sie wohl jemand war, der gerne mit dem Kopf durch die Wand ging.
„Ich bin am Zug!“ Hallte Anja und griff an ihr Deck, um mit Schwung eine Karte zu ziehen. Es war die einzige, die sie im Moment besaß, doch zufrieden kicherte sie über das Stück Pappe in ihren Händen. ((Das wird sein Ende sein! Dem entkommt er nicht!))
„Erinnerst du dich?“ Richtete sie dann ihre Aufmerksamkeit auf Mark, der schon gespannt einen Arm in die Seite stemmte. „Vor zwei Zügen habe ich Fusion Knight gerufen. Nun kommt das Fusionsmonster, das ich angekündigt habe...“
Eine helle Silhouette formte sich langsam vor ihr zu einem Monster, das scheinbar eine gewaltige Panzerung aus weißem Stahl trug.
„Die Fähigkeiten von Klingenritter und Göttlicher Ritter Ishzark werden verschmolzen und ergeben eines meiner mächtigsten Monster!“
Der Ritter vor ihr erstrahlte und wurde gänzlich sichtbar. In seinen beiden Händen hielt der weißhaarige Mann, dessen Fuseln bis zum Boden hinab reichten, ein prunkvolles Breitschwert, dessen Klinge weiß schimmerte.
„Stell dich Heavenly Paladin - Ishzark (ATK/2700 zu 3500)!“ Aus dem Rücken dieses prunkvollen Wesens schossen zwei durchsichtige, weiße Schwingen.
„Seine spezielle Fähigkeit erlaubt es ihm, sofort eine deiner Karten aus dem Spiel zu entfernen! Jedoch verliere ich dabei die Möglichkeit, in diesem Zug mit ihm anzugreifen!“
„Airtos!“ Stieß Mark ungläubig hervor. „NEIN!“
„Doch...“ Anja grinste gemein. Ihre nassen Strähnen waren überall im Gesicht verteilt, was ihre finstere Erscheinung betonte. Das Mädchen ballte beide Fäuste zusammen und zerdrückte die letzte Karte in ihrer Hand dabei. ((Ich bin fast am Ziel...))
„Nein!“ Voller Entsetzen beobachtete Mark, wie Ishzark sein Schwert in die Höhe hielt. Ein heller Lichtstrahl schoss von dort einige Meter in die Höhe und einen Moment später ließ der Paladin seine Waffe in die Tiefe rauschen. Ein sauberer Schnitt der verlängerten Klinge teilte die schreiende Airtos in zwei Teile und vernichtete sie.
„Ironisch, dass unsere Monster beide dieselbe Attacke als Angriff benutzen, was? Nur zu dumm, dass meines überlegen war!“
„Dafür wirst du zahlen!“ Fauchte Mark außer sich.
„Ich fürchte mich nicht vor dir!“ Mit weit aufgerissenen Augen durchbohrte Anja Marks Antlitz. „De-Fusion!“
Mit ganzer Kraft stieß Anja ihre Schnellzauberkarte in die Dueldisk.
„Sie teilt mein Monster in seine ursprünglichen Bestandteile auf! Kommt herbei, Klingenritter (ATK/1600 zu 2000) und Göttlicher Ritter Ishzark (ATK/2300)!“
Ihr Paladin verschwamm im Regen zu einer undeutlichen Form, bis er sich teilte und links ein Krieger in silberner Rüstung und Langschwert wartete, sowie rechts ein edler Mann in weißer Robe und mit einem Breitschwert stand, welches in den Boden vertieft war.
„Das...“ Mark wusste, dass sein einziges Monster, Fusion Knight (ATK/1700), ihn nicht schützen konnte. Er hatte nur 2000 Lebenspunkte übrig...
„...es ist vorbei!“ Schrie sie aufgebracht. „Vorbei… Vorbei… Vorbei…“
Die eigenen Worte hallten in Anjas Kopf wieder. Dann Stille. Ein kurzer, stechender Schmerz.
Langsam fiel sie rücklings auf den durchnässten Sandweg, die Augen offen gehalten. Der Regen prasselte auf ihr Gesicht, doch das Mädchen war fern ab der Realität, so schien es...
- grenzenlose Finsternis -
Völlig verzweifelt wirbelte Anja umher, doch überall war nur schwarzes Nichts. Endlos, genau wie die Panik, die in ihr hochstieg.
Sie spürte am ganzen Leibe, wie kalt es dort war und fröstelte, hielt ihre Arme um das nasse T-Shirt. Das Gefühl, beobachtet zu werden, brachte das Mädchen dazu, sich weiter im Kreis zu drehen, doch da war niemand. Und doch spürte sie eine Anwesenheit. Nicht von einer Person… von vielen…
„Ha-hallo? Ist hier jemand? Muss ich wieder… kämpfen?“ Ihre Angst wich kalter Wut.
„Hör auf, mit mir zu spielen!“ Schrie sie und dachte dabei an die Unbekannte. Alles was Anja wollte, war, dass dieser ewige Albtraum ein Ende nahm. ((Oder... ist das Marks Schuld? Könnte er...?))
„Hey, wenn du hier irgendwo bist, komm raus und zeig dich! Ich will eine Erklärung! Hörst du? Hallo…!?“ Eine grimmige Fratze formte sich auf ihrem Gesicht.
((Ich hab genug! Was soll der Unsinn!?))
Etwas Kleines und helles zischte im hohen Tempo an ihrer linken Gesichtshälfte vorbei. Vor Schreck stolperte sie im Umdrehen und landete auf ihrem Gesäß.
Überall erschienen grelle, tennisballgroße Lichtbälle in der Finsternis. Dutzende, Hunderte, Tausende…
„Wa-wa-was ist das? Hey… das ist nicht komisch…“
Die Kugeln fingen an, sich aus einiger Entfernung um Anja zu kreisen, wie die Planeten des Sonnensystems um die Sonne. Die Schülerin erhob sich und bewunderte das Schauspiel.
Nach und nach erkannt sie, dass es mehr Kugeln wurde.
Ganz unvorbereitet stieß eine Kugel aus dem Hinterhalt durch Anjas Körper.
Einen kurzen Augenblick sah sie eine junge Frau, eine Bäuerin, wie sie durch die Klinge eines Diebes mitten in einem finsteren Wald attackiert wurde und am Boden liegend verblutete.
((Was… nein… das ist…)) Die nassen Strähnen wurden nun auch durch Schweiß benetzt. Die Schülerin hielt ihren Kopf und konnte gar nicht begreifen, was geschah, da traf sie von der Seite schon die nächste Lichtsphäre.
Diesmal sah sie, wie ein Ritter im Kampf gegen einen anderen auf einem regnerischen Schlachtfeld fiel.
((Das will ich nicht sehen…)) Wimmerte sie in ihren Gedanken.
Immer mehr der Kugeln rammten Anja und tauchten in ihr ein.
Sie sah die schrecklichsten Bilder… allesamt drehten sich um den Tod derjenigen, die Anja sah. Es waren unzählig viele und alles ging immer schneller. Blut an Wänden, Blut an Kleidung, ein Sprung in die Tiefe, Atemnot, Vergiftung, Feuer... und es fühlte sich an, als würde das Mädchen jeden Tod hautnah miterleben, als wäre sie das Opfer.
Endlose Minuten, die ihr wie Stunden, Tage vorkamen, wurde Anja so gequält.
Doch irgendwann waren alle Sphären in ihrem Körper eingetaucht.
Mittlerweile war sie keuchend in die Knie gegangen und sah auf, wo einige Meter entfernt, auf ihrer Höhe eine etwas größere, blauweiße Sphäre auf sie zukam. Schwächlich zitterte Anja, Tränen liefen über ihre Wangen.
Und als diese Kugel in ihrer Stirn verschwand, sah Anja mit eigenen Augen, wie das Schloss zerstört wurde, welches sie in ihrer allerersten Vision gesehen hatte.
Mitten in einer öden Landschaft stand es dar, umrandetet von einer altertümlichen Stadt. Wie ein Kreuz wirkte es, an dessen Ende jeweils ein gewaltiger Turm stand. Doch der Zentralturm überschattete alles von seiner Größe, ein Banner flatterte an seiner Spitze.
Obwohl sie bereits spürte, was geschehen würde, fühlte Anja sich doch so unsicher. In ihrer Perspektive fühlte sie sich wie Gott, der auf alles hinab starrte. Und dann sah sie ‚ihn’ unter sich. Ihre Eingeweide schienen sich in ihrem Körper hin und her zu winden.
Ein pechschwarzes Wesen, vergleichbar mit einem Ritter, auf einem ebenholzfarbenen Ross ritt vom Himmel herab und warf eine schwarze, drei Meter lange Lanze hinab in die Tiefe.
Wie ein Pfeil schoss sie herab und wuchs dabei in einer rötlichen Aura immer weiter an.
Wenige Momente vergingen und dieses Ding hatte bereits die Größe eines Obelisken erreicht.
Schließlich durchbohrte die Lanze einen Großteil eines Palastflügels und blieb schräg stecken.
Die Waffe ließ beim Aufprall eine Druckwelle los, die alles in der Umgebung zerstörte oder in Brand setzte.
Anja wurde trotz ihrer Entfernung von irgendetwas umgerissen und schloss die Augen, wobei sie fühlte, wie ihr Rücken auf etwas aufkam.
((Wo immer ich auch war… diesen Ort… gibt es nicht mehr… diese Welt... die Menschen... die Fremde...)) Dachte sie wie in Trance und fühlte nur noch diese klaffende Leere.
Mit einem Ruck wurde sie hochgerissen und blickte trübe in Nicks regennasses Gesicht. Er war sofort zu ihr geeilt und drückte sie mit einem Arm an sich, während seine freie Hand ihr Gesicht packte.
„Anja! Was hast du gesehen!?“ Schnell wurde er leiser, da Mark noch dort hinten stand und neugierig rüberlugte. Nick flüsterte fast unhörbar. „Hattest du wieder… eine Vision?“
„Ja…“ Murmelte sie traumatisiert. Doch ihre Gedanken fixierten sich schnell wieder auf Mark. „...ich erzähle dir später alles. Aber vorher muss ich… das Duell beenden.“ Entschied sie kämpferisch und stieß ihren bedröppelten Freund von sich weg.
„Bi-bist du sicher!?“
„Natürlich! So’n bisschen Schwindelgefühl haut mich doch nicht um!!“ Unsichtbares Feuer brannte in ihren Augen, als sie wieder Mark ins Visier nahm. ((Und doch... was ich da gesehen habe... meine Beine sind wie Pudding. Das... das...))
Einen Moment stockte sie.
Der große Kerl, welchen sie als Feind klassifizierte, blieb geduldig, versuchte aber durch eine besorgte Mimik zu Anja durch zu dringen.
„Dann fangen wir mal an!“ Blieb diese aber gnadenlos. „Göttlicher Ritter Ishzark (ATK/2300), greife meinen Fusion Knight (ATK/1700) an!“
Mit einem knappen Nicken zog der imposante Schwertkämpfer seine Waffe aus dem Boden und buckelte sie über den Rücken. Mit einem Mal stürmte er auf die vermummte Gestalt zu und erzeugte dabei um sich herum Abbilder, sodass die Illusionen den Fusion Knight verwirrten, wobei er seine Deckung vernachlässigte.
Mit einem gezielten Schwertschlag siegte Göttlicher Ritter Ishzark letztlich.
[Anja: 1200LP Mark: 1400LP]
„Durch den Effekt meines Ritters wird Fusion Knight aus dem Spiel entfernt, aber das ist egal...“ Anjas blaue Augen funkelten wie Sterne.
Sie hob eine Faust nach oben und zeigte somit, dass sie bereit für ihren Sieg war.
„Zeit, die Wahrheit ans Licht zu bringen! Klingenritter, beende es!“ Tönte sie und riss die die Hand hinab, um auf den jungen Mann zu zeigen.
„Tzz...“ Zischte Mark grimmig.
Mit schnellen Schritten stürmte der imposante Krieger auf ihn zu. Der Regen prallte auf seiner Klinge ab, die durch die Luft schnellte und zu einem Stich direkt in Marks Herz angesetzt war.
Anja sah bereits vor sich, wie der dunkelblonde Kerl zurück fallen würde und alles gestand. Sie fühlte diesen Genuss, überlegen zu sein und schämte sich nicht einmal dafür. Was sie tat, tat sie für alle!
Aber es sollte anders kommen, als von ihr geplant. „Oh!“
Aus dem Boden vor Mark sprudelte der Sand nur so hervor. Langsam erhob sich eine gewaltige Holzbaute vor ihm, die sich als schützende Mauer erwies. Der Klingenritter blieb mit seiner Waffe stecken, als diese durch das Holz gestoßen wurde. Unverkennbar war dies eine Arche.
„Was-was ist das denn zum Teufel!?“ Anja blieb die Spucke weg.
Nick, der die ganze Zeit hinter ihr stand, war erstaunt von dieser imposanten, schwebenden Gestalt. „Hehe, Anja war unachtsam.“
„Sicher war sie das...“ Murmelte Mark herablassend. „Diese Karte nennt sich Rescuer from the Graveyard und lässt sich nur von meinem Friedhof aus benutzen.“
„Wie gelangte sie da hin!?“ Anja war rasend vor Wut.
„Ich legte sie ab, als ich Kaminari Attack aktivierte, von meiner Hand... und dort habe ich nur darauf gewartet, sie im richtigen Moment benutzen zu können.“
Er zeigte fünf Karten von seinem Friedhof hervor, drei Zauber und zwei Fallen, und entfernte diese dann zusammen mit Rescuer from the Graveyard vom Spiel. „Dein Angriff schlug fehl!“ Beendete er für Anja ihren Zug und legte seine Finger aufs Deck.
Und da war es.
Dieses Gefühl, dass sich durch Anjas ganzen Körper zog und wie unruhiges Wasser pulsierte. Wie in Zeitlupe zog Mark die Karte von seinem Deck. Anjas Herz schlug so laut und schnell und das in so kurzer Zeit, aber jeder dieser Herzschläge sprach eine eindeutige Sprache.
Sie konnte nicht bestimmen, ob dieses Gefühl bedrohlich war oder nicht, aber was sie genau erkannte, war die Beziehung zwischen Mark und seinem Deck.
Wie ein geprügelter Hund ließ sie den Kopf hängen.
„Das ist...“ Staunte Mark derweil über seine gezogene Karte. „Damit beende ich das Duell! Last Defender!!!“
[Anja: 1200LP Mark: 700LP]
Wie ein strahlender Held hielt er seine Zauberkarte in die Luft. Ein glitzernder Wirbelwind fegte von hinten um ihn herum und bildete dann vor seinem Antlitz ein hoch gewachsenes Monster.
Das Gesicht war von einem Tuch verdeckt, weiß wie auch der Turban auf seinem Kopf. Obwohl der sandfarbene Umhang schlicht wirkte, erweckte das arabisch orientierte Monster Aufmerksamkeit durch seine schwarzumrandeten Augen, welche geheimnisvoll funkelten.
„Indem ich zwei Wächter von meinem Friedhof und die Hälfte meiner Lebenspunke als Preis zahle, kann ich von meinem Deck einen Wächter rufen und ihn mit seiner eigenen Waffe ausrüsten!!!“ Erklang Marks euphorische Stimme.
Auf dem Spielfeld erschien der Ausrüstungszauber „Balfer, Mondglanzlanze“ und genau diese lange, sichelförmige Stabwaffe tauchte in den Händen des Wächters auf.
„Meine Mondglanzlanze gibt Balfer für jeden Stufenstern deiner Monster einen Powerschub von 200 Punkten! Das sind zusammen genau zehn, also 2000 Punkte!!!“
Wächter von Balfer (ATK/1800 zu 3800)
„Heh...“ Das Mädchen lachte leise, sah aber dabei nach wie vor den durchnässten Weg unter ihren Füßen an. „Dein Deck ist einzigartig... ich hab’s gefühlt...“
„Dann hast du also heute doch etwas über mich gelernt.“ Meinte Mark belehrend.
„Lass uns das jetzt abschließen.“ Anjas Stimme war leise aber fest. „...selbst wenn ich jetzt verliere, ändert sich nichts an meiner Meinung...“
„Das dachte ich mir.“ Mark schloss die Augen. „Scheint, als hätte ich mich wirklich in dir getäuscht. Wächter von Balfer, greife Göttlicher Ritter Ishzark an!“
Der abendländische Wächter sprang elegant in die Luft und wirbelte wie ein leuchtendes Rad im Sturzflug auf den weißen Krieger zu. Anja hörte nur den Knall der anschließenden Explosion und lachte leise.
[Anja: 0LP Mark: 700LP]
Und nun standen sie da. Die Monster verschwanden vom Spielfeld, die Dueldisks gingen in ihre Ausgangsstellung zurück.
Erste Sonnenstrahlen brachen durch die dichte Wolkendecke und erst jetzt wurde bemerkbar, dass der Regen aufgehört hatte.
Mit knirschenden Schritten auf dem Boden ging Mark langsam auf Anja zu und blickte auf das Mädchen herab, welches nach wie vor ihren Kopf hängen ließ. Dann ging er weiter und sowohl an ihr, als auch an Nick wortlos vorbei.
„Plan B...“ Murmelte Anja leise.
„Hmm?“ Nick sah noch verdutzt Mark hinterher, wie er bereits an den Stufen angekommen war, die zum weiteren Teil des Schulhofs hoch führten.
„Pack ihn... hehe...“ Kicherte Anja verstohlen.
„Du willst-!?“ Nick erschrak und stolperte einen Schritt von ihr zurück.
„Hast du ne bessere Idee... schnapp ihn dir!“ Das Mädel wirbelte um und zeigte auf den sich immer weiter entfernenden Kerl. „UND ZWAR ’N BISSCHEN PLÖTZLICH!!!“
„Zu Befehl, Frau General!“ Stieß Nick ängstlich hervor, machte auf dem Absatz Kehrt und stürmte auf Mark zu.
„HYA!“
Der drehte sich verwundert um und sah, wie sich Nick gerade in die Luft erhob und auf ihn zu stürzte, mit Armen und Beinen ausgestreckt. Mit einem Schritt nach rechts wich er jedoch ohne Mühen aus und so knallte Nick mit voller Wucht auf die Treppe und rutschte die drei kleinen Stufen runter.
Anja kam derweil angerannt und blieb vor ihrem KO gegangenen Freund stehen.
„So ein Idiot!!!“ Kreischte sie und konnte nicht fassen, wie unfähig Nick war. Dabei trat sie in sein Hinterteil.
„Was sollte das denn werden?“ Wunderte sich Mark schmunzelnd.
„Eh... ich weiß auch nicht...“ Anja pfiff unschuldig und rollte die Augen nach oben.
Nick sprang jedoch mit geballten Fäusten auf und stellte sich Mark in Boxerpose gegenüber.
„Ich bin noch lange nicht fertig mit dir! Nick-Attacke!“
Mit siegessicherer Mimik griff der große Junge den Arm seines Gegenübers und...
„Brennnessel!?!?“ Anja blieb der Mund offen stehen, als Nick mit beiden Händen in verschiedene Richtungen am Arm seines Opfers drehte. „Wie wär’s, wenn du einfach zuschlagen würdest, du Volltrottel?!“
Mit einem müden Gesichtsausdruck packte Mark nun Nicks einen Armen und wirbelte ihn anschließend einmal um seine Achse, bevor er ihn auf den Boden drückte.
„Und so einer soll mich…?“ Mark verdrehte die Augen, während er zu Anja aufsah.
„Anfja… hilff mirf!“ Bettelte Nick, dessen Gesicht ins Gras gedrückt wurde.
„Ehehehe…“
„Ihr gebt wohl nie auf, was?“ Ein verschmitztes Lächeln und schon ließ Mark den Gequälten los. Der kam sofort auf die Beine und versteckte sich kauernd hinter Anja. „Beschütz mich!!“
Der Blondine klappte dabei die Kinnlade runter. „IDIOT! Du sollst doch mich beschützen! Wozu hat man sonst männliche Freunde!?! Nutzloser Depp!!!“
„Vielleicht ist es an der Zeit...“ Murmelte der dritte im Bunde derweil. „...mein Geheimnis zu offenbaren. Wenn nicht jetzt, wann dann?“
„Hmm?“ Anja und Mark sahen sich in die Augen.
„Du bist besonders, Anja. Das hab ich von Anfang an bemerkt...“
„Wa-was meinst du!?“ Stotterte sie und wurde dabei leicht rot, obwohl sie wusste, wie er es wirklich meinte.
„Ich frage mich, wieso ich das überhaupt tue...“ Lachte Mark leise und fühlte sich wie ein Dummkopf, dass er den beiden von sich erzählte, obwohl sie ihn für ein Monster hielten. „Vor zwei Jahren...“ Fing er dann an.
Turn 13 - Love equal anger
Mark offenbarte Nick und Anja die Wahrheit, die anders aussah, als es sich das Mädchen ausgemalt hatte. Dennoch wunderten sich die drei danach, ob eine Verbindung zum derzeitigen Geschehen bestehen könnte. Nach dem Unterricht fuhren die drei zusammen nachhause und sahen beim Vorbeifahren am Park Frank, wie er sich gegen eine seltsame Frau duellierte. Und...
Anjas Deckliste
Marks Deckliste
-Aska- - 18. Mai, 11:30