Turn 130: The fury - Part I
„Und wie ist dieser Matt so?“ Erkundigte sich Strife, während er neben Edna herging.
Harris folgte den beiden und ließ dabei kein Auge vom Neuankömmling. Währenddessen saß Orion dösend auf seiner Schulter, der Kleine schien Harris offenbar zu mögen. Jedenfalls ein wenig...
Die vier befanden sich auf dem Korridor zu den Zimmern der Gruppe.
Immer noch erhellten die kleinen Lämpchen an den Wänden den Gang, wobei ihr Licht einen dumpfen Effekt erzielte.
Schließlich standen sie vor der Tür des Zimmers 213.
„Naja.“ Überlegte Edna, um auf Strifes Frage zu antworten. „Er ist oft schlecht gelaunt.“
„Ein Stinkstiefel.“ Bestätigte Harris sie tatkräftig.
„Ziemlich direkt...“ Fügte sie hinzu.
Harris spann den Faden weiter. „Um nicht zu sagen verletzend.“
„Und er kann nicht verlieren.“ Kicherte Edna.
„Gewinnen kann er erst recht nicht.“ Scherzte Harris daraufhin, während Strife immer verlorener drein sah und sich das schlimmste ausmalte.
„Am besten du hältst Abstand...“ Begann das Mädchen wieder und wurde von der Tür erschrocken, die soeben aufsprang.
Matt stand mit grimmigem Gesichtsausdruck und weißem Hemd, sowie Jeans, vor den dreien und musterte sie scharf.
„Guten Morgen, Matt.“ Wünschten Harris und Edna ertappt, machten hastige, winkende Bewegungen mit den Händen und stellten sich sofort hinter Strife.
„Wer ist das?“ Brummte der Jugendliche und musterte den in einen schwarzen Nobelanzug gekleideten Strife, wie er mit seinem Gehstock dastand.
„Strife Albert...“ Sofort beendete Harris für ihn, damit nicht wieder die Vielfalt seiner Namensgebung zum Tragen kam. „...Carrington!“
„Ich bin erfreut, Sie kennen zu lernen.“ Meinte Strife schnöde und riskierte einen Blick in das noch völlig dunkle Zimmer. Dabei konnte man ihn nuscheln hören: „Ich rieche nicht das geringste Bisschen Schmutz... perfekt!“
„Ich kaufe nichts!“ Meinte Matt und wollte die Tür gerade schließen, als Harris dazwischen ging und sich neben seinen Kumpel gesellte. Er legte seinen Arm um Matts Schulter und meinte: „Das ist kein Vertreter. In dem Fall wären wir noch gut dran...“ Fügte er noch schnell in Strifes Richtung stichelnd hinzu. Der blickte sauer drein.
„Stell dir vor, was uns heute Nacht passiert ist!“ Begann Harris dann zu erzählen und deutete zu Strife. „Edna und ich sind durch London spazieren gegangen. Und weißt du was? Wir fanden eine Säule... den da!“
„Was!?“ Fiel Matt aus allen Wolken. „Seid ihr sicher? Ich meine, wie-“
„Natürlich sind sie sicher!“ Empörte sich Strife beleidigt. „Ich kann das bestätigen. Als einer der auserwählten Sieben stehe ich Ihnen zu Diensten.“ Sprach er und verbeugte sich.
„Was’n das für’n Freak?“ Flüsterte Matt in Harris’ Ohr. Der erwiderte ebenso leise, aber mit einem Kichern. „Adliger.“
„Dann ist ja alles klar.“ Meinte der Schwarzhaarige unter ihnen und wollte sich in sein Zimmer verziehen. Offenbar verflog seine ‚gute Laune’ im Handumdrehen.
„Matt?“ Fing Edna, die hinter Strife stand dann an. „Er muss irgendwo übernachten.“
„Ahja? Soll er doch nachhause gehen...“
„Keine gute Idee...“ Meinte Harris, der sogleich bemerkte, wie Strife anfing, regelrecht zu beben. „Kann er nicht bei dir schlafen?“
„Bei mir!?“ Hob Matt seine Stimme sofort und runzelte die Stirn. „Wie wär’s mit n-“ Doch bevor er sich weiter aufregen konnte, klopfte Harris ihm dankend auf den Rücken.
„Ich wusste, du würdest ja sagen. Nur rein in die gute Stube.“ Forderte er Strife auf und machte Platz. Dieser zog elegant und neugierig an Matt und seinem Freund vorbei, hinein ins Zimmer. Der Schwarzhaarige blieb wie angewurzelt stehen, Edna erwartete bereits die nahende Katastrophe... doch sie kam nicht. Überrumpelt schüttelte ihr miesepetriger Klassenkamerad den Kopf.
„Also schön... wir reisen morgen ab. Früher krieg ich vermutlich keine Tickets für den Zug.“
„Gut.“ Klatschte Edna in die Hände. „Ich werd mich noch ein, zwei Stunden aufs Ohr legen. Sagt mal...“ Rief sie hinüber ins abgedunkelte Zimmer, wo sie schon wieder Harris und Strife über irgendwas diskutieren hörte.
„Wie wär’s, wenn wir später ne kleine Willkommensparty für Strife feiern? Harris, du und Ryan, ihr wolltet doch so gerne in einen Pub...“
„Oh ja, klasse Idee!“ Hallte es sofort zu ihnen. Matt war es egal, er zog sich erstmal wieder zurück.
„Ein Pub... niemals!“ Entsetzt kam Strife auf den Flur zu Edna gestürmt. „Da wimmelt es nur so von Gesindel... was, wenn ich krank werde? Oder wenn mich diese Leute wegen meines makellosen Aussehens beneiden und aggressiv werden?“
Doch als er bemerkt, wie Edna ebenso aggressiv die Augen zukniff, entschied er sich spontan um. „Oh, äh ein Pub sagtest du? Ich war noch nie in einem, supi!“ Dabei lachte er falsch und schluckte anschließend.
„Dann ist ja alles gebongt!“ Grinste das Mädchen und wandte sich vom Nobelmann ab. „Also, ich geh schlafen. Bis nachher, und sei vorsichtig...“ Warnte sie Strife noch mahnend im Gehen. „Mit Matt ist nicht gut Kirschen essen im Moment. Geh ihm ja nicht auf die Nerven, sonst müssen wir alle leiden...“
„Wie du wünscht...“ Rief der junge Mann ihr eingeschüchtert hinterher.
Und so vergingen die Stunden.
Matt und Strife verstanden sich recht gut... was daran lag, dass sie kein einziges Wort miteinander wechselten. Da Orion zu erschöpft war, um irgendetwas anzustellen, und die Jungs müde waren, legten sie sich ebenfalls noch mal schlafen und ehe sie sich versahen, war es bereits kurz nach Acht.
Beim Frühstück in der erschreckend riesigen Bar, die auch als Tanzsaal, Disko oder Büffet umgestaltet werden konnte, passierte nichts Ungewöhnliches. Zwar verschlang Orion Unmengen an Kuchenstücken, was das Hotelpersonal irritierte, aber sonst benahm er sich, da Strife ihn im Minutentakt ermahnte. Keiner konnte ihn sehen, außer Harris, wie Strife es erwartet hatte.
Nach dem Frühstück machten sich Harris und Ryan, welcher Strife ebenfalls nicht leiden konnte, auf die Suche nach einem geeigneten Pub, während sich Edna, Tara und der junge Adlige langsam annäherten und zusammen Duel Monsters spielten. Matt seinerseits beobachtete dies aus der Ferne der hoteleigenen Duellarenen sehr argwöhnisch, war innerlich jedoch zufrieden über den raschen Fund der Säule.
Später bot er an, die Gruppe finanziell zu unterstützen, was die Mädchen fälschlicherweise als Aufforderung zum Shopping ansahen. Somit war der Vormittag für den Jüngling gelaufen...
Die Zeit verging wie im Flug, und kurz vor halb Eins kamen Ryan und Harris wieder, die anderen waren bereits zurück und auf ihren Zimmern.
Die Jungs hatten einige Pubs besichtigt, entschieden sich aber letztlich für „Joker and the Thief“, einen kleinen aber recht gemütlichen Ort. Dort wollten sie auch gleich Mittagessen, Strife bot an, sogar zu bezahlen.
Als die Sieben die massive Holztür aufschwangen, wurden sie gleich von stickiger Kneipenluft in Empfang genommen.
„Das soll es sein!?“ Edna war gar nicht begeistert und sah sich erstmal um.
Obwohl es erst Mittag war, so hatte die Atmosphäre hier schon etwas Feierabendliches. Der Pub war wirklich nicht gerade der größte. Erstmal führten zwei Stufen hinab in die Räumlichkeiten, die mit dunkelrotem Teppich ausgelegt waren.
Gleich zu ihrer Linken befand sich die Bar, die wie eine Theke eingerichtet war. Alles hier war in mahagonifarbenen Holz gehalten und sorgte für eine entspannte Atmosphäre, außer bei Edna. Allein der Blick auf ein Regal über dem Tresen der Bar, wo sich verschiedene Flaschen mit alkoholischem Inhalt anreihten, vertrieb ihre gute Laune.
„Wuhu, sieht toll aus!“ Strahlte Tara derweil und lief zur Bar, die keinerlei Sitzmöglichkeiten bot. Hier musste man stehen.
Die Wände waren zum großen Teil mit Fußballutensilien geschmückt, in diesem Pub war man großer Fan von Manchester United. Auch wurden hier Spiele übertragen, durch einen kleinen Fernseher in der oberen Ecke neben der Tür, angewinkelt, so dass jeder im Raum alles mitverfolgen konnte.
Die Gruppe wandelte zum Tresen und nahm zuerst die Bestellungen auf, die in der Küche hinter der Bar auch unmittelbar abgehandelt wurden. Es musste sofort bezahlt worden. Einige der Gäste, die fast ausschließlich männlich waren, sahen die Amerikaner argwöhnisch an.
„Und wo setzen wir uns hin?“ Wollte Tara wissen und drehte sich um.
Im hinteren Teil gab es eine Dartscheibe, sowie einen Billardtisch, beide gut genutzt. In der anderen Ecke befanden sich einerseits weitere, hohe und schmale Tische, diesmal mit Hockern. Ein paar der Tische waren offenbar fürs Essen gedacht. Sie standen nahe zur Wand, es gab dort eine lange Sitzbank. Zur Mitte des Raums hin standen noch Stühle dazu, hier zog es die Gruppe auch hin.
Sie ließen sich nieder, Ryan, Matt und Harris auf die Bank, von wo aus man auch aus den leicht getönten Scheiben nach draußen auf die belebte Straße draußen schauen konnte. Die Mädchen und Strife, der zwischen ihnen seinen Platz fand, setzten sich hingegen auf einzelne Stühle.
„Wow, das ist so aufregend.“ Giggelte die Blondine unter ihnen. Das gedämpfte Licht, die stickige Luft... genauso hatte sie es sich vorgestellt.
„Und Strife, du kommst also wirklich mit uns?“ Erkundigte sich Ryan halbherzig, der links außen saß, neben Matt.
„Ja.“ Antwortete der mit mulmigem Gefühl im Magen. Er starrte auf seinen Schoß, machte keinen Hehl aus seinem Unwohlsein.
„Sei nicht so verkrampft!“ Rief Harris ihm zu. „Die beißen dich schon nicht.“
„Das ist es nicht...“ Etwas unsicher spähte der rothaarige Mann rüber zur Bar. Dort saß Orion auf dem Regal mit dem Alkohol und liebäugelte bereits mit den Getränken.
((Verstehe...)) Dachte Harris, welcher es schon als ‚Zuschauer’ anstrengend empfand, mit dem Schattengeist unterwegs zu sein. Strifes Verantwortung wollte er nicht tragen.
Doch unerwarteter Weise sprang das schwarze Wesen wieder hinab auf den Tresen und blinzelte neugierig. Dann verschwand er mit einem „Ploff“.
„Orion!“ Schrie Strife sofort.
„Was ist denn los? Mit wem redest du?“ Wollte Tara wissen, denn die anderen hatten von Orions Existenz wenig bis gar nichts mitbekommen. Er neigte sich um und schüttelte den Kopf, antwortete aus einem typischen Reflex heraus: „Mit niemandem.“
„Selbstgespräche?“ Kicherte sie. „Kenn ich. Die führe ich auch manchmal... besonders, wenn ich mich an was zu erinnern versuche. Ab und zu bin ich echt vergesslich.“
Harris derweil trat gegen Strifes Bein und zeigte zum Billardtisch.
„AU! Pass doch auf!“ Empörte sich stattdessen Edna und lugte rüber. „Willst du spielen? Gut, von mir aus... aber erst nach dem Essen.“
„Geht klar...“ Antwortete der rothaarige Muskelprotz peinlich berührt.
„Die Kugel!“ Schrie Tara plötzlich. „Sie kann fliegen! Kyeeeeeeeeee!“
„Orion!“ Ermahnte Strife seinen kleinen Freund laut. Der stand nämlich auf dem grünen Stoff des Tisches und hielt die weiße Anstoßkugel über seinem Kopf. Die Spieler sahen zutiefst erschrocken darüber aus.
„Das darf doch nicht wahr sein!“ Regte sich der Adlige auf. „Pfui! Fass so etwas nicht in meiner Gegenwart an! Da könnten wer weiß was für Bakterien dran sein! Hast du gesehen, was für Leute damit spielen?!“
„Spielverderber!“ Stöhnte das Ding und warf die Kugel einem der Spieler mit dem Queue in der Hand an den Kopf. Dieser stolperte zurück und stieß gegen einen der hohen Tische, hielt sich die Stirn.
Derweil hopste Orion über den Boden, rüber zu der Gruppe.
Als er vor Strife stand, bückte sich dieser hinab und schimpfte im Flüsterton: „Du sollst doch nichts anstellen! Wenn wir wegen dir rausgeworfen werden, dann kannst du was erleben! Gott wer weiß, was die Leute dann von mir denken!“
Es reichte ihm schon, dass alle zornigen Blicke auf ihnen lagen, obwohl man ihm nichts nachweisen konnte.
„Was geht denn hier ab?“ Wunderte sich Ryan.
„Nichts Besonderes...“ Maulte Edna. „Das ist nur Strifes unsichtbarer Freund.“
„Eh-!?“ Der Kartenverkäufer sah doof aus der Wäsche.
„Yieeeeeeeeeeeeeeks!“ Schrie Tara plötzlich auf. „Was ist das! Mein-mein-!“
Orion war zu ihr auf den Schoß gesprungen und drückte seinen Kopf tief in das Dekollete ihrer weißen Bluse. „Haaaaaaaaaaaahhhhhhh so weiche Boobies. Ich liebe sie.“ Schwärmte der Schattengeist, der die Rundungen fest mit seinen Stummelhändchen durchknetete.
„Orion!!!!!!“ Unverblümt packte Strife das Ding, riss es von Taras Schoß und verpasste ihm eine Kopfnuss. Dann sah er auf. Der Rest der Gruppe war alles andere als begeistert.
„Verzeihung! Es wird nicht wieder vorkommen!“ Damit schlug er den Geist noch einmal.
„Wa-wa-wa-“ Tara war wie erstarrt und umklammerte mit Tränen in den Augen die Lehne ihres Stuhls, zu Strife hinüber starrend. Der war rot vor Scham.
„Nichts als Ärger mit dem Biest, wir hätten es im Hotel lassen sollen!“ Beschwerte sich Harris aufgebracht.
„Das ist allein meine Sache!“ Fauchte Strife sofort.
„Ist es nicht!“
„Oh doch!“
((Fängt das schon wieder an.)) Dachte Edna mürrisch und verzog die Mundwinkel, während die beiden Jungs weiter stritten. Dann blickte sie Matt an.
Der lehnte sich an die Wand und hielt die Augen geschlossen. Scheinbar interessierten ihn die Vorfälle gar nicht. Doch bevor sie weitere Gedanken an ihn verschwenden konnte, kam eine weibliche, kugelrunde Bedienung und servierte die ersten Teller.
Sie und Tara hatten Fish and Chips bestellt, DAS Aushängeschild Großbritanniens. Neben dem Fisch und den Pommes Frites gab es als Beilage auch Erbsen. Zusätzlich standen auf dem Tisch mehrere Fläschchen und Streuer mit Essig, Salz und weiteren Gewürzen.
Matt, Ryan und Harris hatten Roastbeef mit Yorkshire Puddings, gerösteten Kartoffeln und Gemüsebeilage gewählt. Für Strife reichte ein Salat, er hatte jedoch auf einem Extrateller etwas geräucherten Fisch für Orion bestellt, der unter dem Tisch sprichwörtlich fraß.
Während die Gruppe speiste, sagte keiner von ihnen nur ein Wort.
Das Geklapper der Messer und Gabeln, ab und zu das Quietschen von Stahl auf einem Teller - dies waren die einzigen Geräusch, die vom Tisch hervor drangen. Jeder war mit seinem eigenen Essen und seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Bis auf einer...
„Matt, dein Essen wird noch kalt.“ Wies Tara ihn auf die Tatsache hin, dass er den nicht gerade kleinen Teller bisher gar nicht angerührt hatte.
„Ich esse es gern!“ Ertönte Orions piepsige Stimme von unten, doch außer Harris und Strife hörte sie natürlich niemand. Ersterer trat zu und traf diesmal den Richtigen. Orion schrie wütend auf und rieb sich sein Hinterteil.
„Irgendwie hab ich keinen Hunger.“ Antwortete derweil der Schwarzhaarige mit einem niedergeschlagenen Unterton. Es war das erste Mal seit jener Nacht, dass er so ein Gefühl ausdrückte. Als er dies bemerkte, versuchte er halbherzig humorvoll abzuschweifen. „Schau lieber auf deinen Teller. Wenn du weiter so reinhaust, wirst du fett!“
„Och, lieber Matt, das ist dann wohl nicht deine Sorge.“ Reagierte sie gespielt mahnend, streckte dann aber die Zunge raus. „Ich bin schließlich keine Kalorienzählmaschine, gell Edna?“
„Was?!“ Reagierte die gereizt. „Du bist nur neidisch, weil ich sportlicher bin als du!“
„Mädchen...“ Lachte Ryan laut und wurde sofort von zwei bösen Blicken zum Schweigen gebracht. Matt verzog verkrampft den Mundwinkel, um zu lächeln. Mit beiden Ellbogen stützte er sich auf dem Tisch ab und sah seinen vollen Teller an.
Es ging nicht. Ihm war bewusst, dass jeder Bissen im Moment einer zu viel war. Übelkeit überkam ihn, seine Gedanken schweiften an eine der widerlichen Szenen ab, die er durchlebt hatte. Dann schloss er die Augen. Er musste sich zwingen, an etwas Schönes zu denken!
Aber an was?
Er seufzte still. Sein Herz konnte er hören, wie es schlug. Langsam und doch irgendwie viel zu schnell. Es war schwer, Luft zu bekommen. Sein Kopf schmerzte aus dem Nichts, leicht und doch penetrant genug, um zu stören.
Dennoch erfüllte ihn das lustige Geschwatze von Tara und Edna über Models, die Ansichten der beiden Mädchen könnten unterschiedlicher nicht sein. Während die Blondine gegen den Schlankheitswahn war, so verteidigte Edna ihn standfest, sah jedoch ein, dass manche es mit ihrer Figur übertrieben. Dann lächelte Matt plötzlich...
Selbst jetzt hielten sie zu ihm, und das obwohl er die letzten Tagen alle wie ein Stück Scheiße behandelt hatte. Diesmal war es anders als heute Morgen, wo er Strife kennen gelernt hatte. Eine Welle der Wärme und des Glücks durchfuhr ihn und er richtete sich auf. Still war es geworden.
„Leute, danke!“ Übermannte ihn das Gefühl so plötzlich, dass er am liebsten laut losjubeln wollte. Er öffnete die Augen, „Ah!“, und war allein.
Die Stühle vor ihm: leer. Die Plätze neben ihm unbenutzt. Nicht mal mehr die anderen Gäste waren da. Sofort drehte er seinen Blick in Richtung Bar, um sofort festzustellen, dass es dort nicht anders aussah.
Seine Nackenhaare richteten sich auf. Eine Präsenz, sie kam von draußen. Matt erkannte sofort, was los war. Ob es nun seine eigene Intuition oder eine Gabe seines vergangenen Ichs war, das wusste er nicht, aber das scherte ihn auch nicht weiter. Eins stand fest: er war gefangen.
Langsam erhob er sich und berührte die Dueldisk an seinem Arm.
((Wer will es mit mir aufnehmen?)) Wunderte er sich argwöhnisch. ((Und wo sind die anderen?))
Misstrauisch bewegte er sich durch den Pub hin zum Ausgang und drückte die Tür vorsichtig auf. Erst ließ er nur einen Spalt offen und starrte hindurch.
Die Straße war leer, keine Autos. Auch Fußgänger gegenüber gab es keine. Vor seinem Blickfeld erstreckte sich ein Friseursalon, durch dessen Scheiben man sehen konnte, dass alle Stühle frei waren. Genau wie er erwartet hatte.
Da er die Quelle des Trubels nicht entdeckte, musste er zwangsweise den Pub verlassen und schritt langsam vom Bürgersteig über die Straße.
„Du!“ Rief er schließlich, wandte sich zum Pub um und sah auf dem Rand des Dachs eine Person stehen, die genauso schnell hinab sprang und vor der Eingangstür aufkam.
Wie könnte er dieses Gesicht nur vergessen?
„Gardenia!“ Rief er ärgerlich ihren Namen. „Wie um alles in der Welt kommst DU hierher!?“ Sein ganzer Körper spannte sich an, als er die Frau ansah.
Zwei braune Strähnen ihres zu einem langen Zopf gebunden Haares lagen ihr je rechts und links im Gesicht. Zielsicher schritt sie auf ihn zu, wobei sie die Ruhe selbst war.
„Es ist eine Weile her, seit wir uns das letzte Mal trafen.“ Sagte sie in einem höflichen Ton und blieb stehen, als Matt zurückwich. „In dieser Zeit hast du dich sehr verändert.“
„Was faselst du da?!“ Doch seine arrogante Art wich, als er den kastenförmigen Bannkreis erblickte, der um die nähere Umgebung aufgebaut war. „...das also...“ Flüsterte er vor sich hin und wusste nun, warum er das Gefühl der Gefangenschaft verspürte.
Gardenia hatte ihn errichtet, und erst wenn sie starb oder ihn freiwillig auflöste, würde er seine Freunde wieder sehen, wusste er.
Jener Bannkreis hüllte die Umgebung in eine unangenehme Atmosphäre, düster, obwohl die Sonne durch das schwarze Schutzfeld hindurch schien. Die Straße wurde zu beiden Seiten durch so eine Wand abgetrennt, rote und blaue Wellen zischten dort hin und her.
„Es ist Zeit, euch auseinander zu bringen.“ Lenkte Gardenia den engstirnigen Jungen ab. „Dich und Tabithar.“
„Durchgeknalltes Weib!“ Fauchte Matt und sprang weiter zurück, aktivierte seine Dueldisk sofort. „Ich kenne nicht mal jemanden mit diesem Namen!“
„Sicher tust du.“ Entgegnete sie gewissenhaft. „Erinnere dich nur an deinen wahren Namen... Raquel.“
„Komm mir nicht mit der Scheiße! Ich bin ich!“
„Solange sie in deiner Nähe ist und umgekehrt, wahrlich, ist dem so.“ Mit ihren strahlend hellblauen Augen sog sie die Angst förmlich auf, die Matt begann, auszustrahlen. Ihr grauer, kniehoher Umhang flatterte leicht, als sie näher kam und die Hand ausstreckte. „Ich konnte das Siegel schwächen, dass dem Mädchen auferlegt ist, genauso wie dein eigenes. Bald wirst du wieder du selbst sein. Komm mit mir und lass uns unsere Welt neu aufbauen! Hier!“
Wie erstarrt blieb Matt stehen, die Augen weit aufgerissen. Er verstand nicht und doch tat er es insgeheim. „Terra!?“
„Unsere Welt!“ Nie hatte er die sonst so ruhige Frau so aufgeregt gesehen. „Ein Neuanfang ist nur durch dich möglich! Du musst-“
„Sicher nicht!“ Schrie Matt sofort, obwohl er sich regelrecht benommen fühlte und schwang beide Arme vor sich aus. „Ich lasse mich von NIEMANDEM ausnutzen!!!!“
Eine starke Schockwelle schoss von seinem Körper auf Gardenia zu.
„Ughhhhh!“ Ihre Füße hoben vom Boden ab und der kräftige Windstoß knallte sie gegen die Wand, zwischen Tür und Fenster des Pubs. Geschwächt sackte sie zusammen, hielt sich aber auf den Füßen. Dabei seufzte sie niedergeschlagen.
„Was für eine Art, mit der Person umzugehen, die dir diese Macht erst verschafft hat, nur um dein Leben zu schützen...“
Fragend wurde sie angesehen und reagierte darauf gelassen. „Es ist wahr. Auf den Wunsch von Tabithar hin erschuf ich aus deinem halbtoten Körper eine Waffe unermesslichen Ausmaßes. Du selbst warst so dankbar und nun sieh dich an! Du bist ein Produkt dieser Welt, Raquel - besinne dich, das ist nicht das Leben, das für dich bestimmt war!“
Doch ihre Worte waren längst Schall und Rauch. Matt stolperte zurück, fiel sogar auf sein Hinterteil. Einzelne Wortfetzen durchströmten seinen Kopf. „...Tabithar... halbtot...“
Die Erinnerungen kamen hoch, ein grauenhafter Schmerz, der einst seinen Körper heimsuchte, soviel Blut, der Sonnenaufgang inmitten eines Schlachtfeldes, so viele Leichen, soviel Tod.
„Nein!“ Er hielt sich mit weit aufgerissenen Augen den Kopf. „Das habe ich nicht getan!“ Am Gipfel des Hügels stand er und sah hinab auf die triste Gegend, übersäht von Leichen und eingetaucht in das morgendliche Rot. „NEIN!“
Sofort waren die Bilder verschwunden.
„Das war nicht ich...“ Stotterte er mit zittriger Stimme. „...nicht ich...“
Plötzlich sprang er auf und sah Gardenia finster in die Augen. „Ich glaube dir kein Wort!“
„Und wie du das tust.“ Konterte sie kühl.
„Halts Maul!“ Verzweifelt wollte er sie zum Schweigen bringen.
„Ich werde dich mit mir nehmen! Ob bei Bewusstsein...“ Unvermittelt hob sie unter ihrem Umhang eine Dueldisk hervor. „...oder ohne. Nun, da deine Kräfte erwachen und das Siegel um dich und Tabithar schwächer wird, können wir bald unser Reich neu erschaffen, unser Zuhause!“
„Verrückte Alte...“ Murmelte Matt verächtlich und ließ einen Moment den Kopf hängen. „Das ist also dein Ziel. Ein neues Terra aufzubauen, oder was!? Denke mal, ich soll euch den Weg dazu frei räumen, was?“
„Ein Zuhause... eine Zuflucht...“ Murmelte Gardenia leise. Er verstand nicht...
„Macht wohl keinen Sinn, großartig zu diskutieren, was?“ Schnaubte Matt. Dann sah er mit Feuer in den Augen auf. „Aber da hast du dich geschnitten! Mit dir habe ohnehin noch ein Hühnchen zu rupfen! Duell!“
Sie nickte knapp, denn nun würde sie ihren Plan in die Tat umsetzen.
[Matt: 4000LP Gardenia: 4000LP]
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„Ich werde dich zerquetschen!“ Der Junge war außer sich. Alle wollten sie Macht, war es denn je anders? Immer die gleichen Ziele, die gleichen Wünsche, das gleiche Verlangen. Es war wie in den Filmen. Aber ihn würde keiner bekommen! Allein deshalb schon nicht, weil er nicht zu dieser Riege dazugehörte. Nicht mehr. Sein Wunsch war es nur, friedlich zu leben, ohne Machtkämpfe auf Schulhöfen, Schlachtfeldern oder gar um seinen Körper! „Heute wirst du der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen! Ich bin keine Marionette, die deinen Vorstellungen entspricht!“ Sagte er mit doppelt erklingender Stimme und wunderte sich darüber, indem er sofort aufblinzelte.
„Raquel...“ Murmelte Gardenia betrübt. „Nun denn, so mache ich den ersten Zug dieses Duells.“
„Ich warte!“ Sagte er nun wieder mit seiner Stimme, immer noch etwas irritiert.
Ohne sich ihre Karten auch nur anzusehen, legte die brünette Frau zuerst ein Monster verdeckt und setzte dann zwei Karten. „Schon geschehen.“
((Versucht sie’s wieder mit ihren Psychotricks?)) Überlegte Matt verärgert. Er erinnerte sich noch lebhaft an ihre erste Begegnung, als sie jede Frage von ihm mit einer Gegenfrage konterte. ((Bei Tara hat sie’s damals auch schon versucht, aber diesmal klappt das nicht!))
Sofort nahm hob er eine Karte von seinem Deck ab und grinste zuversichtlich.
((Wunderbar, besser hätte das Duell kaum starten können!)) Sofort legte er die Zauberkarte in seine Dueldisk ein. „Ich aktiviere Landformen und nehme mir so den Feldzauber Place of Evolution - Training Field auf die Hand!“ Mit einer knappen Handbewegung hielt er die Karte vor sich, ehe er sie seinem Blatt hinzufügte und von dort eine andere, grüne Karte hervorholte.
„Doch zunächst brauche ich ihren Vorläufer: Colosseum - Cage of the Gladiator Beasts!“
Ein altes, verlassenes und halb zerstörtes Kolosseum wuchs um die Straße herum, angelegt wie ein Halbkreis. Die Tribüne war ein einigen Stellen eingefallen und hinter Matt gab es ein Gittertor, aus denen die Gladiatoren stürmen konnten.
„Zeit für etwas Spaß! Ich aktiviere noch mal einen Zauber, diesmal ist es Gladiator Challenge!“ Matt hielt seine Karte lautstark in die Luft. „Dieser erlaubt es mir, sofern das Kolosseum steht, sofort ein Gladiator Beast aus meinem Deck aufzurufen, wenn es denn weniger als 5 Sterne besitzt! Als Bonus erhält es jedoch seinen Effekt!“
Die Gitterstäbe wurden hinter dem Jungen hochgefahren und sogleich stürmte auf allen vieren ein Tiger mit menschlicher Statur hervor. Über Matt machte es einen Salto und stand dann auf zwei Beinen direkt vor ihm, um seinen Oberkörper schwebte ein brennender Ring.
„Gladiator Beast Laquari (ATK/1800 zu 2100)!“
Noch bevor der stärkende Effekt des Spielfeldzaubers einsetzen konnte, hatte Matt ihn bereits aus dem ausgeklappten Seitenfach geholt und mit Place of Evolution - Training Field ersetzt.
Sofort verwandelte sich die Umgebung in eine ebene Wiesenlandschaft. Zur Linken standen aufgestellte Ziele fürs Bogenschießen, zur Rechten hingegen an Stäben befestigte Strohpuppen als Übung für den Nahkampf.
„Heh...“ Matt lachte finster. „Wie du siehst, bin ich seit dem letzten Mal besser geworden! Hast du ne Ahnung, wie lange ich gebraucht habe, um mein Selbstbewusstsein wiederherzustellen, nachdem du mich besiegt hast!?“ Er gab ehrlich zu, was er all die Zeit über gefühlt hatte. Selbst jetzt zweifelte ein kleiner Teil in ihm daran, dass er es schaffen konnte. Das Duell mit Anja hatte ihm jedoch neue Hoffnung geschenkt! Er wollte so stark sein wie sie, obwohl ihm bewusst war, wie weit der Weg dahin noch war.
„Ich hätte nicht erwartet, dass ich dich so verunsichere, Raquel.“ Meinte Gardenia überrascht. „Aber je mehr du zweifelst, desto schneller wirst du wieder zu dir selbst finden! Leg das Gewand dieses Menschen ab und sei wieder du selbst! Auch im Sinne deiner F-“
„Schnauze! Anstatt an der Vergangenheit zu hängen, solltest du lieber auf das Duell achten!“ Schrie Matt sie erzürnt an. „Denn jetzt rufe ich aus meiner Hand Gladiator Beast Bestiari (ATK/1500)!“
Ein blassgrüner Vogelgladiator mit mechanischen Schwingen auf seinem Rücken erhob sich hinter Matts Rücken. Dessen winzige Schallkanonen, die ebenfalls Teil der Flügel waren, richteten sich auf Gardenias verdeckte Karten.
„Jetzt sieh her! Evolution! Bestiari, entfessele deine wahre Kraft und werde durch die Hilfe meines Feldzaubers zu einem Elite Gladiator!!!!!“
Das Wesen fing an, helles Licht aus Augen und Schnabel zu strahlen. Während Matt die alte Karte ins Deck zurückmischte und nach der neuen suchte, wuchsen die Schwingen des Monsters und bekamen eine goldene Legierung dazu. Ebenso formte sich eine Panzerung um die Brust Bestiaris, Arme und Beine wurden fest an den Körper gedrückt.
„Elite Gladiator Bestiari (ATK/1500)! Vernichte ihre verdeckten Karten!!!“
Mehr wie ein Pfeil aussehend, wirbelte das neue Monster nun um seine eigene Achse, während es mit der Schnabelspitze direkt auf Gardenia gerichtet war. Deren Zauber und Fallen fingen an zu beben und wurden durch den scharfen Wind in Stücke gerissen.
„Damit bliebe nur noch dein Monster...“ Grinste Matt. „Oh und wusstest du, dass wenn ein Monster aus dem Deck beschworen wurde, so wie eben, mein Feldzauber eine Zählmarke erhält, die alle meine Gladiatoren um 200 Punkte stärker macht?“
Place of Evolution - Training Field: [1]
Elite Gladiator Bestiari (ATK/1500 zu 1700)
Gladiator Beast Laquari (ATK/2100 zu 2300)
„Dich werde ich im Handumdrehen besiegt haben!“ Verlautete er siegessicher.
Gardenia, die den Pub im Nacken sitzen hatte, blieb jedoch ruhig. Für sie war es nur eine Frage der Zeit, bis Raquels Bewusstsein mit dem des Jungen in Konflikt geraten würde. Solange jedoch musste sie verharren und Matt mit dem Duell in Schach halten. Dann sah sie auf, denn einmal mehr stopfte ihr Gegner einen Zauber in die Dueldisk.
„Da ich nur einmal pro Zug einen Elite Gladiator rekrutieren kann, mir das aber zu wenig ist, benutze ich jetzt Elite of the Gladiator Beasts und verwandle Laquari ganz ohne die Hilfe des Feldzaubers! Komm hervor, Elite Gladiator Laquari (ATK/1800)!“
Der Feuerring um den Körper des Tigermenschen begann, sich wie wild zu drehen und zu lodern. Bald ging das ganze Monster in Flammen auf und eine dunkelrote, lange Mähne brannte am Kopf des feurigen Gladiators, der wieder auf vier Beinen stand.
„Dadurch wird Laquaris Grundstärke sofort zu 3000! Und vergessen wir den Feldzauber nicht!“ Matt war selten so eifrig wie jetzt. Seine ärgste Feindin hier und jetzt zu besiegen, diese einmalige Chance wollte er sich nicht entgehen lassen.
Place of Evolution - Training Field: [2]
Elite Gladiator Bestiari (ATK/1700 zu 1900)
Elite Gladiator Laquari (ATK/3000 zu 3400)
„Beeindruckende Monster, wahrlich...“ Hauchte Gardenia. „...aber kannst du auch mit ihnen umgehen?“
„Natürlich! Bestiari, Attacke!“
Mit einem enorm lauten Zischen donnerte das Vogelwesen wie eine lebendige Rakete in die Karte vor Gardenias Füßen.
„Siehst du!“ Doch Matt blinzelte verdutzt, als er das Monster seiner Gegnerin sah (DEF/0).
Ein dunkelgraues Wesen war es, kleiner Kopf, großer Unterkörper.
„Außerirdisch... Arcana Force...“ Murmelte der Schwarzhaarige vor sich hin, wobei er sich an Taras Äußerungen über Gardenias Karten erinnerte.
Schon die langen Tentakelhaare machten das Auftreten des Wesens skurril, genau wie die dunkelblaue, weite Stoffhose. Matt zog seine Augen zusammen.
„Warum steht das schwache Ding noch? Es sollte längst Geschichte sein!“
„Fürwahr, Arcana Force 0 - The Fool hat keinerlei kämpferische Gaben. Doch wie ein Narr nun mal ist, lässt er sich nicht so einfach vertreiben.“ Erklärte die Frau amüsiert.
„Heißt im Klartext, er kann durch Kämpfe nicht zerstört werden?“
„So ist es.“
((Verdammter Dreck!)) Fluchte der Jugendliche in sich hinein. ((Sie hätte fast alle Lebenspunkte verloren, wenn Laquari durchgekommen wäre... aber das Spiel hat gerade erst begonnen!)) „Mein Zug ist vorbei! Und das bedeutet, meine Elite Gladiatoren müssen zurück ins Deck! Doch sie lassen mich nicht schutzlos zurück!“ Nun begann er, wieder so selbstsicher zu grinsen. „Ganz im Gegenteil, denn nun dürfen zwei Gladiator Beasts die Bühne betreten! Und das Beste: sie erhalten sogar ihre Effekte!“
Behände griff Matt nach seinem Deck und wählte von da aus auch gleich die passenden Karten aus. Diese hießen Gladiator Beast Murmillo (ATK/800) und Gladiator Beast Torax (ATK/1400).
Aus zwei starken Wasserfontänen vor Matt entsprangen diese beiden sogleich. Beides blaue Fische, war der erste eher schlank und mit zwei riesigen Hochdruckwasserkanonen auf den Schultern beladen. Der andere hingegen, Torax, war ein Kugelfisch, der ein elektrisch geladenes Minizepter schwang.
Place of Evolution - Training Field: [4]
Gladiator Beast Murmillo (ATK/800 zu 1600)
Gladiator Beast Torax (ATK/1400 zu 2200)
Unerwartet schoss Murmillo aus seinen Kanonen zwei heftige Wassersäulen auf Gardenias Monster ab, dass durch deren Kraft und Geschwindigkeit einfach gegen die Wand des Pubs knallte und erdrückt wurde.
„Ich verstehe... du hast den Narr zerstört.“ Sagte die Frau unberührt.
„Yep. Murmillo kann ein offenes Monster killen...“ Reagierte Matt überheblich. „Ich habe das Duell unter Kontrolle! Mal sehen, wie du dich da raus winden willst!“
„Eine leichtes Unterfangen... Cup of Ace!“ Meinte sie überzeugt.
Ein goldener Kelch erschien vor ihr. Es drehte sich eine Miniaturkarte über ihm.
((Das muss dieser Effekt sein, wo ich die Karte stoppen muss und je nach Position erhält ihre Karte einen anderen Effekt!)) Erinnerte sich Matt an Taras Beschreibung. „Halt!“ Das Bild zeigte nach oben.
„Damit gestattest du mir, zwei Karten zu ziehen... wie du siehst, unterstützt du nur dein eigenes Schicksal.“ Eine der eben gezogenen Karte bestärkte sie in dieser Hinsicht. „Bereits Tabithar sagte ich, dass das Schicksal eines jeden nie ganz feststeht. Die starken Herzen können es beeinflussen, gar lenken. Obwohl du, Matt, einen starken Willen besitzt, so bist du nur Raquels Schatten. Verschwinde im Licht, denn du bist nichtig!“
„Hmpf!“ Schnaubte er und sah erbost weg, in die Höhe.
Die Dunkelheit des Bannkreises verhinderte fast gänzlich, dass Sonnenlicht von draußen seinen Weg hinein fand. Und doch, so war es da. Dann lächelte er schlagartig.
„Vielleicht bin ich das... aber...“ Nun sah er ihr in die Augen. Und das auf so eine entschlossene und gleichzeitig unscheinbare Weise, dass selbst die sonst so beherrschte Gardenia einen erschreckten Luftzug ausstieß. „...dort wo Licht ist, wird es immer Schatten geben. Zwar mag ich nur ein Übergang oder was auch immer sein, für die Wiedergeburt von diesem Typen... doch bin ich eine eigenständige Person mit einem eigenen Herzen! Wenn dieser Raquel leben will... soll er sich einen anderen Dummen suchen!!!“
Obwohl sie andere Sorgen hatte, entglitt ihr ein sanftes Lächeln. „Eine schöne Metapher...“
((Wie kann das sein?)) Gardenia war innerlich bemüht, die Fassung zu bewahren. ((Obwohl ich ihm von der Vergangenheit erzählt habe, bleibt er so stur. Ich muss mir etwas überlegen, wie ich ihn zum Zweifeln anregen kann! Raquel, wie tief bist du im Herzen dieses Wesens gefangen?))
In der Zwischenzeit, entschied sie, würde sie erstmal das Duell fortsetzen. „Wie ich schon sagte, ein starkes Herz kann das Schicksal verändern. Aber das in deiner Brust... ist nicht deines. Du wirst schon sehen... ich aktiviere die Magie The Choice of Fate!“
Drei Kartenrücken erschienen kerzengerade in der Luft schwebend vor Gardenia. Es waren ihre Handkarten, sie betrachtete in der Mitte eine Falle und je links und rechts ein Effektmonster.
„Nun entscheide...“ Sagte sie beharrend. „Eine dieser Karten musst du wählen und wenn du dich für ein Monster entschieden hast, wird es aufgerufen.“
„Pah...“ Matt zeigte prompt auf die Karte links aus seiner Sichtweise. Demnach hatte er sich nicht für das Monster mit der hohen Stufe entschieden, aber Gardenia lächelte geheimnisvoll.
„Deine Wahl war Arcana Force VI - The Lovers (DEF/1600)!“
Ein dunkelgraues Alien erschien, bestückt am ganzen Körper mit violetten Perlen. Sogar das schwarze Kleid war übersäht davon. Über dem Kopf des recht menschlich wirkenden Wesens tauchte eine Miniaturkarte seiner selbst auf, und begann sich um die eigene Achse zu drehen. Dieser Vorgang beschleunigte sich immer mehr, bis nur noch ein Farbenstrudel für Matt sichtbar war.
„Anhalten!“ Rief Matt genervt davon, wie er abermals sein eigenes Schicksal bestimmen sollte.
Die Karte blieb mit dem Bild nach oben, also aufrecht, stehen und verschwand.
„Dein Einwirken hat den vorteilhaften Effekt für mein Monster aktiviert.“ Sagte die Frau.
„Der wäre!?“
„Nun, Arcana Force VI - The Lovers gilt als doppeltes Tribut für jedes Arcana Force-Monster.“ Schließlich zog Gardenia die vorletzte Karte aus ihrem Blatt hervor. „Und da The Lovers vorhin als eine Spezialbeschwörung aufs Feld gebracht wurde, kann ich sie nun opfern, um diese Karte ins Spiel zu bringen: Arcana Force XV - The Devil (ATK/2500), ein Monster der Stufe 7!“
Das alte Monster löste sich in einer schwarzen Teerlache auf und aus dieser entstieg sogleich ein ebenso düsteres Wesen mit insgesamt fünf roten Tentakeln am Unterkörper, wobei vier davon als Arme fungierten und einer eher als Schweif angesehen werden konnte. Auf dem Rücken des Monsters befanden sich schwarze, kleine Schwingen mit Stacheln daran und drei Masken sollten die Köpfe darstellen.
„Nicht schlecht.“ Lobte Matt seine Gegnerin widerwillig. Sogleich bemerkte er wieder die Karte, die sich über dem Haupt von Arcana Force XV zu drehen begann. „Stopp!“
Wieder die aufrechte Position, was wohl einen negativen Effekt für ihn bedeutete, überlegte der junge Mann.
„Damit hast du wieder einen Schritt in Richtung Niederlage getan.“ Verlautete Gardenia. „Zeig ihm deine Macht, The Devil! Attackiere Gladiator Beast Murmillo!“
Die langen Tentakelarme auf der rechten Körperseite des Aliens schossen wie Speerspitzen auf den Fisch zu. Doch Matt bemerkte noch etwas anderes.
„Was geht da vor!?“ Simultan dazu hatten sich nämlich auch die linken Tentakel bewegt und durchbohrten bereits den Kugelfisch Torax, welcher schon zerplatzte.
Als Matt seinen Blick auf Gardenia richtete, sah er gerade noch aus dem Augenwinkel, wie der letzte der fünf blutroten Arme auf ihn zu schoss und sich um seinen Hals wickelte, ihn würgte.
„Ughhhhhhh!“ Er griff sofort mit beiden Händen danach und sackte in die Knie, er konnte jedoch den festen Griff nicht lösen. Nebenbei wurde Murmillo aufgespießt und verendete qualvoll.
[Matt: 2600LP Gardenia: 4000LP]
„Es ist die Gabe von The Devil, bei einem Angriff ein Monster auf dem Feld zu vernichten und dem Besitzer einen Schaden von 500 Punkten zuzufügen. Die restlichen 900 entstanden ganz normal im Kampf.“ Erklärte Gardenia.
Erst jetzt löste sich die Umklammerung und Matts Hals war wieder frei, jedoch mit roten Striemen bedeckt. Hustend hielt er sich die Stelle und sah geschwächt auf das Gras unter seinen Füßen. Gardenia, die auf dem Bürgersteig wartete, legte schon einmal vorsorglich ihre vorletzte Handkarte verdeckt ab.
„Über all die Jahre bist du so schwach geworden, Raquel.“ Sagte sie mitleidig. Die Abneigung, welche sie für die Bewohner Gaias fühlte, hatte sich nur weiter entwickelt, seit sie hier lebte. Allein, dass der einst so mächtige General selbst dieses Leben kennen gelernt hatte, brachte sie innerlich in Rage. „Dieses Leben tut dir nicht gut. Alles hier ist entehrt, keine Traditionen wie die unseren, die Menschen sind korrumpiert und dezimiert auf ihre eigene Existenz! Wie kannst du das hier verteidigen?“
„Hä?“ Matt blickte zu ihr auf. „Und du bist besser? Das ist nicht deine Welt, du hast kein Recht, sie nach deinen Vorstellungen zu verändern! Eine Heimat kann man sich nicht durch Gewalt erschaffen, schon gar nicht, wenn man dadurch das Zuhause anderer zerstört!“
„...“
„Du hast dich überhaupt nicht verändert, innerlich wie äußerlich.“ Sagte er trotzig. Dabei verzog sie ihre Augen, doch der Schwarzhaarige sprang auf und sah verwundert seine Hände an. Diese Worte waren nicht die seinen, doch von dem anderen, bösen Geist in ihm war keine Spur. Dennoch besorgte ihn dieser erneute Übergriff.
„Es stimmt, 17 Jahre sind vergangen seit deiner Wiedergeburt und dem Untergang unserer Welt.“ Erklärte die brünette Dame derweil melancholisch und atmete schwer, wie ihr Herz es zu sein schien. „Man sollte meinen, ich müsste viel älter sein. Aber...“
„Aber?“ Erkundigte Matt sich weiter.
„Als ich durch diese Welt reiste... fand ich einen erstaunlichen Ort.“ Sie schloss die Augen. „Eine Halle voller Licht, in der eine Stunde einen ganzen Tag für die Außenwelt bedeutet. Dieser mysteriöse Ort kann nur mit einem besonderen Gegenstand betreten werden.“
Matt sah neugierig zu, wie sie aus einer Tasche ihrer schwarzen Hose einen goldenen Schlüssel holte, der ansonsten ganz gewöhnlich aussah. „Damit muss man nur eine beliebige Tür öffnen, um in die sagenhafte Lichterhalle zu gelangen.“
„Ist ja toll.“ Spottete Matt. „Warum erzählst du mir das überhaupt? Beziehungsweise, woher hast du den?“
„Dort habe ich meine Pläne ausgearbeitet und mich versteckt vor unseren Feinden. Sobald du wieder du selbst bist, Raquel, wirst du diesen Ort selbst kennen lernen.“
„Nenn mich nicht so, verflucht noch eins!“
Gardenia sah ihn nur milde an. „Andererseits, ich muss diesen Schlüssel vielleicht schon bald wieder zurückgeben.“
„Wem zurückgeben?“ Matt runzelte die Stirn.
„Auf meiner Reise durch Gaia traf ich eine wahrlich ungewöhnliche Frau. Sie gab mir diesen Schlüssel und sagte nur zwei Sätze...“ Gardenia sprach diese Worte genau so ruhig und geheimnisvoll aus, wie sie sie gehört hatte. „Eines Tages kommt dieser Schlüssel zurück in meinen Besitz. Bis dahin, benutze ihn, wie es dir beliebt...“
Irgendwie kam Matt eine ganz bestimmte Person in den Sinn. „Hatte sie schwarze Haare und war... merkwürdig?“
„Gewiss. Eine Person wie sie traf ich noch nie, unheimlich und doch vertraut. Jedoch haben wir keine Worte mit einander gewechselt, denn sie zog weiter. Erst suchte ich nach einem Schloss, doch musste ich eines Tages feststellen, dass dieser Schlüssel in alle Löcher passt. So fand ich die Lichterhalle, in der die Zeit anders verläuft...“
„Deshalb bist du kaum gealtert.“ Matt verzog finster das Gesicht. „Erinnert mich ein bisschen an Anjas Geschichte.“
„Dieses Mädchen...“ Plötzlich musste Gardenia bitter auflachen.
„Was ist daran so witzig?“ Brauste Matt natürlich sofort auf.
Seine Gegnerin schloss ihre Augen. „Gineva wäre fast umgekommen, als meine Untergebenen Camalar unterwarfen.“
Sein Atem stand still. Das hatte er eben falsch verstanden, es musste einfach so sein. Alles war nebensächlich, die Worte in seinem Kopf so klar. Der Angriff, das war sie, Gardenia!
„Was!? Was hast du getan!?“
„Wie ich sagte, Camalar steht unter meiner Kontrolle.“ Antwortete sie emotionslos. „Aber sei unbesorgt, der Bevölkerung habe ich nichts angetan.“
„Was ist mit Anja!? Und Ruud?“ Matt ballte so fest die Fäuste zusammen, dass es schmerzte. Wut war eine Sache, doch viel mehr war er um das Wohl der beiden besorgt. Dagegen war die Stadt fast unwichtig. Dies witterte Gardenia sofort.
„Diese beiden...“ Einen kurzen Moment schloss sie die Augen, um dann möglichst einfühlsam ihre Worte zu wählen. „Sie kämpften tapfer bis zum Schluss...“
((Schluss...)) Matts Gefühle froren praktisch ein. Verstand er das richtig? Sie waren... tot?
Turn 130: The fury - Part II
Harris folgte den beiden und ließ dabei kein Auge vom Neuankömmling. Währenddessen saß Orion dösend auf seiner Schulter, der Kleine schien Harris offenbar zu mögen. Jedenfalls ein wenig...
Die vier befanden sich auf dem Korridor zu den Zimmern der Gruppe.
Immer noch erhellten die kleinen Lämpchen an den Wänden den Gang, wobei ihr Licht einen dumpfen Effekt erzielte.
Schließlich standen sie vor der Tür des Zimmers 213.
„Naja.“ Überlegte Edna, um auf Strifes Frage zu antworten. „Er ist oft schlecht gelaunt.“
„Ein Stinkstiefel.“ Bestätigte Harris sie tatkräftig.
„Ziemlich direkt...“ Fügte sie hinzu.
Harris spann den Faden weiter. „Um nicht zu sagen verletzend.“
„Und er kann nicht verlieren.“ Kicherte Edna.
„Gewinnen kann er erst recht nicht.“ Scherzte Harris daraufhin, während Strife immer verlorener drein sah und sich das schlimmste ausmalte.
„Am besten du hältst Abstand...“ Begann das Mädchen wieder und wurde von der Tür erschrocken, die soeben aufsprang.
Matt stand mit grimmigem Gesichtsausdruck und weißem Hemd, sowie Jeans, vor den dreien und musterte sie scharf.
„Guten Morgen, Matt.“ Wünschten Harris und Edna ertappt, machten hastige, winkende Bewegungen mit den Händen und stellten sich sofort hinter Strife.
„Wer ist das?“ Brummte der Jugendliche und musterte den in einen schwarzen Nobelanzug gekleideten Strife, wie er mit seinem Gehstock dastand.
„Strife Albert...“ Sofort beendete Harris für ihn, damit nicht wieder die Vielfalt seiner Namensgebung zum Tragen kam. „...Carrington!“
„Ich bin erfreut, Sie kennen zu lernen.“ Meinte Strife schnöde und riskierte einen Blick in das noch völlig dunkle Zimmer. Dabei konnte man ihn nuscheln hören: „Ich rieche nicht das geringste Bisschen Schmutz... perfekt!“
„Ich kaufe nichts!“ Meinte Matt und wollte die Tür gerade schließen, als Harris dazwischen ging und sich neben seinen Kumpel gesellte. Er legte seinen Arm um Matts Schulter und meinte: „Das ist kein Vertreter. In dem Fall wären wir noch gut dran...“ Fügte er noch schnell in Strifes Richtung stichelnd hinzu. Der blickte sauer drein.
„Stell dir vor, was uns heute Nacht passiert ist!“ Begann Harris dann zu erzählen und deutete zu Strife. „Edna und ich sind durch London spazieren gegangen. Und weißt du was? Wir fanden eine Säule... den da!“
„Was!?“ Fiel Matt aus allen Wolken. „Seid ihr sicher? Ich meine, wie-“
„Natürlich sind sie sicher!“ Empörte sich Strife beleidigt. „Ich kann das bestätigen. Als einer der auserwählten Sieben stehe ich Ihnen zu Diensten.“ Sprach er und verbeugte sich.
„Was’n das für’n Freak?“ Flüsterte Matt in Harris’ Ohr. Der erwiderte ebenso leise, aber mit einem Kichern. „Adliger.“
„Dann ist ja alles klar.“ Meinte der Schwarzhaarige unter ihnen und wollte sich in sein Zimmer verziehen. Offenbar verflog seine ‚gute Laune’ im Handumdrehen.
„Matt?“ Fing Edna, die hinter Strife stand dann an. „Er muss irgendwo übernachten.“
„Ahja? Soll er doch nachhause gehen...“
„Keine gute Idee...“ Meinte Harris, der sogleich bemerkte, wie Strife anfing, regelrecht zu beben. „Kann er nicht bei dir schlafen?“
„Bei mir!?“ Hob Matt seine Stimme sofort und runzelte die Stirn. „Wie wär’s mit n-“ Doch bevor er sich weiter aufregen konnte, klopfte Harris ihm dankend auf den Rücken.
„Ich wusste, du würdest ja sagen. Nur rein in die gute Stube.“ Forderte er Strife auf und machte Platz. Dieser zog elegant und neugierig an Matt und seinem Freund vorbei, hinein ins Zimmer. Der Schwarzhaarige blieb wie angewurzelt stehen, Edna erwartete bereits die nahende Katastrophe... doch sie kam nicht. Überrumpelt schüttelte ihr miesepetriger Klassenkamerad den Kopf.
„Also schön... wir reisen morgen ab. Früher krieg ich vermutlich keine Tickets für den Zug.“
„Gut.“ Klatschte Edna in die Hände. „Ich werd mich noch ein, zwei Stunden aufs Ohr legen. Sagt mal...“ Rief sie hinüber ins abgedunkelte Zimmer, wo sie schon wieder Harris und Strife über irgendwas diskutieren hörte.
„Wie wär’s, wenn wir später ne kleine Willkommensparty für Strife feiern? Harris, du und Ryan, ihr wolltet doch so gerne in einen Pub...“
„Oh ja, klasse Idee!“ Hallte es sofort zu ihnen. Matt war es egal, er zog sich erstmal wieder zurück.
„Ein Pub... niemals!“ Entsetzt kam Strife auf den Flur zu Edna gestürmt. „Da wimmelt es nur so von Gesindel... was, wenn ich krank werde? Oder wenn mich diese Leute wegen meines makellosen Aussehens beneiden und aggressiv werden?“
Doch als er bemerkt, wie Edna ebenso aggressiv die Augen zukniff, entschied er sich spontan um. „Oh, äh ein Pub sagtest du? Ich war noch nie in einem, supi!“ Dabei lachte er falsch und schluckte anschließend.
„Dann ist ja alles gebongt!“ Grinste das Mädchen und wandte sich vom Nobelmann ab. „Also, ich geh schlafen. Bis nachher, und sei vorsichtig...“ Warnte sie Strife noch mahnend im Gehen. „Mit Matt ist nicht gut Kirschen essen im Moment. Geh ihm ja nicht auf die Nerven, sonst müssen wir alle leiden...“
„Wie du wünscht...“ Rief der junge Mann ihr eingeschüchtert hinterher.
Und so vergingen die Stunden.
Matt und Strife verstanden sich recht gut... was daran lag, dass sie kein einziges Wort miteinander wechselten. Da Orion zu erschöpft war, um irgendetwas anzustellen, und die Jungs müde waren, legten sie sich ebenfalls noch mal schlafen und ehe sie sich versahen, war es bereits kurz nach Acht.
Beim Frühstück in der erschreckend riesigen Bar, die auch als Tanzsaal, Disko oder Büffet umgestaltet werden konnte, passierte nichts Ungewöhnliches. Zwar verschlang Orion Unmengen an Kuchenstücken, was das Hotelpersonal irritierte, aber sonst benahm er sich, da Strife ihn im Minutentakt ermahnte. Keiner konnte ihn sehen, außer Harris, wie Strife es erwartet hatte.
Nach dem Frühstück machten sich Harris und Ryan, welcher Strife ebenfalls nicht leiden konnte, auf die Suche nach einem geeigneten Pub, während sich Edna, Tara und der junge Adlige langsam annäherten und zusammen Duel Monsters spielten. Matt seinerseits beobachtete dies aus der Ferne der hoteleigenen Duellarenen sehr argwöhnisch, war innerlich jedoch zufrieden über den raschen Fund der Säule.
Später bot er an, die Gruppe finanziell zu unterstützen, was die Mädchen fälschlicherweise als Aufforderung zum Shopping ansahen. Somit war der Vormittag für den Jüngling gelaufen...
Die Zeit verging wie im Flug, und kurz vor halb Eins kamen Ryan und Harris wieder, die anderen waren bereits zurück und auf ihren Zimmern.
Die Jungs hatten einige Pubs besichtigt, entschieden sich aber letztlich für „Joker and the Thief“, einen kleinen aber recht gemütlichen Ort. Dort wollten sie auch gleich Mittagessen, Strife bot an, sogar zu bezahlen.
Als die Sieben die massive Holztür aufschwangen, wurden sie gleich von stickiger Kneipenluft in Empfang genommen.
„Das soll es sein!?“ Edna war gar nicht begeistert und sah sich erstmal um.
Obwohl es erst Mittag war, so hatte die Atmosphäre hier schon etwas Feierabendliches. Der Pub war wirklich nicht gerade der größte. Erstmal führten zwei Stufen hinab in die Räumlichkeiten, die mit dunkelrotem Teppich ausgelegt waren.
Gleich zu ihrer Linken befand sich die Bar, die wie eine Theke eingerichtet war. Alles hier war in mahagonifarbenen Holz gehalten und sorgte für eine entspannte Atmosphäre, außer bei Edna. Allein der Blick auf ein Regal über dem Tresen der Bar, wo sich verschiedene Flaschen mit alkoholischem Inhalt anreihten, vertrieb ihre gute Laune.
„Wuhu, sieht toll aus!“ Strahlte Tara derweil und lief zur Bar, die keinerlei Sitzmöglichkeiten bot. Hier musste man stehen.
Die Wände waren zum großen Teil mit Fußballutensilien geschmückt, in diesem Pub war man großer Fan von Manchester United. Auch wurden hier Spiele übertragen, durch einen kleinen Fernseher in der oberen Ecke neben der Tür, angewinkelt, so dass jeder im Raum alles mitverfolgen konnte.
Die Gruppe wandelte zum Tresen und nahm zuerst die Bestellungen auf, die in der Küche hinter der Bar auch unmittelbar abgehandelt wurden. Es musste sofort bezahlt worden. Einige der Gäste, die fast ausschließlich männlich waren, sahen die Amerikaner argwöhnisch an.
„Und wo setzen wir uns hin?“ Wollte Tara wissen und drehte sich um.
Im hinteren Teil gab es eine Dartscheibe, sowie einen Billardtisch, beide gut genutzt. In der anderen Ecke befanden sich einerseits weitere, hohe und schmale Tische, diesmal mit Hockern. Ein paar der Tische waren offenbar fürs Essen gedacht. Sie standen nahe zur Wand, es gab dort eine lange Sitzbank. Zur Mitte des Raums hin standen noch Stühle dazu, hier zog es die Gruppe auch hin.
Sie ließen sich nieder, Ryan, Matt und Harris auf die Bank, von wo aus man auch aus den leicht getönten Scheiben nach draußen auf die belebte Straße draußen schauen konnte. Die Mädchen und Strife, der zwischen ihnen seinen Platz fand, setzten sich hingegen auf einzelne Stühle.
„Wow, das ist so aufregend.“ Giggelte die Blondine unter ihnen. Das gedämpfte Licht, die stickige Luft... genauso hatte sie es sich vorgestellt.
„Und Strife, du kommst also wirklich mit uns?“ Erkundigte sich Ryan halbherzig, der links außen saß, neben Matt.
„Ja.“ Antwortete der mit mulmigem Gefühl im Magen. Er starrte auf seinen Schoß, machte keinen Hehl aus seinem Unwohlsein.
„Sei nicht so verkrampft!“ Rief Harris ihm zu. „Die beißen dich schon nicht.“
„Das ist es nicht...“ Etwas unsicher spähte der rothaarige Mann rüber zur Bar. Dort saß Orion auf dem Regal mit dem Alkohol und liebäugelte bereits mit den Getränken.
((Verstehe...)) Dachte Harris, welcher es schon als ‚Zuschauer’ anstrengend empfand, mit dem Schattengeist unterwegs zu sein. Strifes Verantwortung wollte er nicht tragen.
Doch unerwarteter Weise sprang das schwarze Wesen wieder hinab auf den Tresen und blinzelte neugierig. Dann verschwand er mit einem „Ploff“.
„Orion!“ Schrie Strife sofort.
„Was ist denn los? Mit wem redest du?“ Wollte Tara wissen, denn die anderen hatten von Orions Existenz wenig bis gar nichts mitbekommen. Er neigte sich um und schüttelte den Kopf, antwortete aus einem typischen Reflex heraus: „Mit niemandem.“
„Selbstgespräche?“ Kicherte sie. „Kenn ich. Die führe ich auch manchmal... besonders, wenn ich mich an was zu erinnern versuche. Ab und zu bin ich echt vergesslich.“
Harris derweil trat gegen Strifes Bein und zeigte zum Billardtisch.
„AU! Pass doch auf!“ Empörte sich stattdessen Edna und lugte rüber. „Willst du spielen? Gut, von mir aus... aber erst nach dem Essen.“
„Geht klar...“ Antwortete der rothaarige Muskelprotz peinlich berührt.
„Die Kugel!“ Schrie Tara plötzlich. „Sie kann fliegen! Kyeeeeeeeeee!“
„Orion!“ Ermahnte Strife seinen kleinen Freund laut. Der stand nämlich auf dem grünen Stoff des Tisches und hielt die weiße Anstoßkugel über seinem Kopf. Die Spieler sahen zutiefst erschrocken darüber aus.
„Das darf doch nicht wahr sein!“ Regte sich der Adlige auf. „Pfui! Fass so etwas nicht in meiner Gegenwart an! Da könnten wer weiß was für Bakterien dran sein! Hast du gesehen, was für Leute damit spielen?!“
„Spielverderber!“ Stöhnte das Ding und warf die Kugel einem der Spieler mit dem Queue in der Hand an den Kopf. Dieser stolperte zurück und stieß gegen einen der hohen Tische, hielt sich die Stirn.
Derweil hopste Orion über den Boden, rüber zu der Gruppe.
Als er vor Strife stand, bückte sich dieser hinab und schimpfte im Flüsterton: „Du sollst doch nichts anstellen! Wenn wir wegen dir rausgeworfen werden, dann kannst du was erleben! Gott wer weiß, was die Leute dann von mir denken!“
Es reichte ihm schon, dass alle zornigen Blicke auf ihnen lagen, obwohl man ihm nichts nachweisen konnte.
„Was geht denn hier ab?“ Wunderte sich Ryan.
„Nichts Besonderes...“ Maulte Edna. „Das ist nur Strifes unsichtbarer Freund.“
„Eh-!?“ Der Kartenverkäufer sah doof aus der Wäsche.
„Yieeeeeeeeeeeeeeks!“ Schrie Tara plötzlich auf. „Was ist das! Mein-mein-!“
Orion war zu ihr auf den Schoß gesprungen und drückte seinen Kopf tief in das Dekollete ihrer weißen Bluse. „Haaaaaaaaaaaahhhhhhh so weiche Boobies. Ich liebe sie.“ Schwärmte der Schattengeist, der die Rundungen fest mit seinen Stummelhändchen durchknetete.
„Orion!!!!!!“ Unverblümt packte Strife das Ding, riss es von Taras Schoß und verpasste ihm eine Kopfnuss. Dann sah er auf. Der Rest der Gruppe war alles andere als begeistert.
„Verzeihung! Es wird nicht wieder vorkommen!“ Damit schlug er den Geist noch einmal.
„Wa-wa-wa-“ Tara war wie erstarrt und umklammerte mit Tränen in den Augen die Lehne ihres Stuhls, zu Strife hinüber starrend. Der war rot vor Scham.
„Nichts als Ärger mit dem Biest, wir hätten es im Hotel lassen sollen!“ Beschwerte sich Harris aufgebracht.
„Das ist allein meine Sache!“ Fauchte Strife sofort.
„Ist es nicht!“
„Oh doch!“
((Fängt das schon wieder an.)) Dachte Edna mürrisch und verzog die Mundwinkel, während die beiden Jungs weiter stritten. Dann blickte sie Matt an.
Der lehnte sich an die Wand und hielt die Augen geschlossen. Scheinbar interessierten ihn die Vorfälle gar nicht. Doch bevor sie weitere Gedanken an ihn verschwenden konnte, kam eine weibliche, kugelrunde Bedienung und servierte die ersten Teller.
Sie und Tara hatten Fish and Chips bestellt, DAS Aushängeschild Großbritanniens. Neben dem Fisch und den Pommes Frites gab es als Beilage auch Erbsen. Zusätzlich standen auf dem Tisch mehrere Fläschchen und Streuer mit Essig, Salz und weiteren Gewürzen.
Matt, Ryan und Harris hatten Roastbeef mit Yorkshire Puddings, gerösteten Kartoffeln und Gemüsebeilage gewählt. Für Strife reichte ein Salat, er hatte jedoch auf einem Extrateller etwas geräucherten Fisch für Orion bestellt, der unter dem Tisch sprichwörtlich fraß.
Während die Gruppe speiste, sagte keiner von ihnen nur ein Wort.
Das Geklapper der Messer und Gabeln, ab und zu das Quietschen von Stahl auf einem Teller - dies waren die einzigen Geräusch, die vom Tisch hervor drangen. Jeder war mit seinem eigenen Essen und seinen eigenen Gedanken beschäftigt. Bis auf einer...
„Matt, dein Essen wird noch kalt.“ Wies Tara ihn auf die Tatsache hin, dass er den nicht gerade kleinen Teller bisher gar nicht angerührt hatte.
„Ich esse es gern!“ Ertönte Orions piepsige Stimme von unten, doch außer Harris und Strife hörte sie natürlich niemand. Ersterer trat zu und traf diesmal den Richtigen. Orion schrie wütend auf und rieb sich sein Hinterteil.
„Irgendwie hab ich keinen Hunger.“ Antwortete derweil der Schwarzhaarige mit einem niedergeschlagenen Unterton. Es war das erste Mal seit jener Nacht, dass er so ein Gefühl ausdrückte. Als er dies bemerkte, versuchte er halbherzig humorvoll abzuschweifen. „Schau lieber auf deinen Teller. Wenn du weiter so reinhaust, wirst du fett!“
„Och, lieber Matt, das ist dann wohl nicht deine Sorge.“ Reagierte sie gespielt mahnend, streckte dann aber die Zunge raus. „Ich bin schließlich keine Kalorienzählmaschine, gell Edna?“
„Was?!“ Reagierte die gereizt. „Du bist nur neidisch, weil ich sportlicher bin als du!“
„Mädchen...“ Lachte Ryan laut und wurde sofort von zwei bösen Blicken zum Schweigen gebracht. Matt verzog verkrampft den Mundwinkel, um zu lächeln. Mit beiden Ellbogen stützte er sich auf dem Tisch ab und sah seinen vollen Teller an.
Es ging nicht. Ihm war bewusst, dass jeder Bissen im Moment einer zu viel war. Übelkeit überkam ihn, seine Gedanken schweiften an eine der widerlichen Szenen ab, die er durchlebt hatte. Dann schloss er die Augen. Er musste sich zwingen, an etwas Schönes zu denken!
Aber an was?
Er seufzte still. Sein Herz konnte er hören, wie es schlug. Langsam und doch irgendwie viel zu schnell. Es war schwer, Luft zu bekommen. Sein Kopf schmerzte aus dem Nichts, leicht und doch penetrant genug, um zu stören.
Dennoch erfüllte ihn das lustige Geschwatze von Tara und Edna über Models, die Ansichten der beiden Mädchen könnten unterschiedlicher nicht sein. Während die Blondine gegen den Schlankheitswahn war, so verteidigte Edna ihn standfest, sah jedoch ein, dass manche es mit ihrer Figur übertrieben. Dann lächelte Matt plötzlich...
Selbst jetzt hielten sie zu ihm, und das obwohl er die letzten Tagen alle wie ein Stück Scheiße behandelt hatte. Diesmal war es anders als heute Morgen, wo er Strife kennen gelernt hatte. Eine Welle der Wärme und des Glücks durchfuhr ihn und er richtete sich auf. Still war es geworden.
„Leute, danke!“ Übermannte ihn das Gefühl so plötzlich, dass er am liebsten laut losjubeln wollte. Er öffnete die Augen, „Ah!“, und war allein.
Die Stühle vor ihm: leer. Die Plätze neben ihm unbenutzt. Nicht mal mehr die anderen Gäste waren da. Sofort drehte er seinen Blick in Richtung Bar, um sofort festzustellen, dass es dort nicht anders aussah.
Seine Nackenhaare richteten sich auf. Eine Präsenz, sie kam von draußen. Matt erkannte sofort, was los war. Ob es nun seine eigene Intuition oder eine Gabe seines vergangenen Ichs war, das wusste er nicht, aber das scherte ihn auch nicht weiter. Eins stand fest: er war gefangen.
Langsam erhob er sich und berührte die Dueldisk an seinem Arm.
((Wer will es mit mir aufnehmen?)) Wunderte er sich argwöhnisch. ((Und wo sind die anderen?))
Misstrauisch bewegte er sich durch den Pub hin zum Ausgang und drückte die Tür vorsichtig auf. Erst ließ er nur einen Spalt offen und starrte hindurch.
Die Straße war leer, keine Autos. Auch Fußgänger gegenüber gab es keine. Vor seinem Blickfeld erstreckte sich ein Friseursalon, durch dessen Scheiben man sehen konnte, dass alle Stühle frei waren. Genau wie er erwartet hatte.
Da er die Quelle des Trubels nicht entdeckte, musste er zwangsweise den Pub verlassen und schritt langsam vom Bürgersteig über die Straße.
„Du!“ Rief er schließlich, wandte sich zum Pub um und sah auf dem Rand des Dachs eine Person stehen, die genauso schnell hinab sprang und vor der Eingangstür aufkam.
Wie könnte er dieses Gesicht nur vergessen?
„Gardenia!“ Rief er ärgerlich ihren Namen. „Wie um alles in der Welt kommst DU hierher!?“ Sein ganzer Körper spannte sich an, als er die Frau ansah.
Zwei braune Strähnen ihres zu einem langen Zopf gebunden Haares lagen ihr je rechts und links im Gesicht. Zielsicher schritt sie auf ihn zu, wobei sie die Ruhe selbst war.
„Es ist eine Weile her, seit wir uns das letzte Mal trafen.“ Sagte sie in einem höflichen Ton und blieb stehen, als Matt zurückwich. „In dieser Zeit hast du dich sehr verändert.“
„Was faselst du da?!“ Doch seine arrogante Art wich, als er den kastenförmigen Bannkreis erblickte, der um die nähere Umgebung aufgebaut war. „...das also...“ Flüsterte er vor sich hin und wusste nun, warum er das Gefühl der Gefangenschaft verspürte.
Gardenia hatte ihn errichtet, und erst wenn sie starb oder ihn freiwillig auflöste, würde er seine Freunde wieder sehen, wusste er.
Jener Bannkreis hüllte die Umgebung in eine unangenehme Atmosphäre, düster, obwohl die Sonne durch das schwarze Schutzfeld hindurch schien. Die Straße wurde zu beiden Seiten durch so eine Wand abgetrennt, rote und blaue Wellen zischten dort hin und her.
„Es ist Zeit, euch auseinander zu bringen.“ Lenkte Gardenia den engstirnigen Jungen ab. „Dich und Tabithar.“
„Durchgeknalltes Weib!“ Fauchte Matt und sprang weiter zurück, aktivierte seine Dueldisk sofort. „Ich kenne nicht mal jemanden mit diesem Namen!“
„Sicher tust du.“ Entgegnete sie gewissenhaft. „Erinnere dich nur an deinen wahren Namen... Raquel.“
„Komm mir nicht mit der Scheiße! Ich bin ich!“
„Solange sie in deiner Nähe ist und umgekehrt, wahrlich, ist dem so.“ Mit ihren strahlend hellblauen Augen sog sie die Angst förmlich auf, die Matt begann, auszustrahlen. Ihr grauer, kniehoher Umhang flatterte leicht, als sie näher kam und die Hand ausstreckte. „Ich konnte das Siegel schwächen, dass dem Mädchen auferlegt ist, genauso wie dein eigenes. Bald wirst du wieder du selbst sein. Komm mit mir und lass uns unsere Welt neu aufbauen! Hier!“
Wie erstarrt blieb Matt stehen, die Augen weit aufgerissen. Er verstand nicht und doch tat er es insgeheim. „Terra!?“
„Unsere Welt!“ Nie hatte er die sonst so ruhige Frau so aufgeregt gesehen. „Ein Neuanfang ist nur durch dich möglich! Du musst-“
„Sicher nicht!“ Schrie Matt sofort, obwohl er sich regelrecht benommen fühlte und schwang beide Arme vor sich aus. „Ich lasse mich von NIEMANDEM ausnutzen!!!!“
Eine starke Schockwelle schoss von seinem Körper auf Gardenia zu.
„Ughhhhh!“ Ihre Füße hoben vom Boden ab und der kräftige Windstoß knallte sie gegen die Wand, zwischen Tür und Fenster des Pubs. Geschwächt sackte sie zusammen, hielt sich aber auf den Füßen. Dabei seufzte sie niedergeschlagen.
„Was für eine Art, mit der Person umzugehen, die dir diese Macht erst verschafft hat, nur um dein Leben zu schützen...“
Fragend wurde sie angesehen und reagierte darauf gelassen. „Es ist wahr. Auf den Wunsch von Tabithar hin erschuf ich aus deinem halbtoten Körper eine Waffe unermesslichen Ausmaßes. Du selbst warst so dankbar und nun sieh dich an! Du bist ein Produkt dieser Welt, Raquel - besinne dich, das ist nicht das Leben, das für dich bestimmt war!“
Doch ihre Worte waren längst Schall und Rauch. Matt stolperte zurück, fiel sogar auf sein Hinterteil. Einzelne Wortfetzen durchströmten seinen Kopf. „...Tabithar... halbtot...“
Die Erinnerungen kamen hoch, ein grauenhafter Schmerz, der einst seinen Körper heimsuchte, soviel Blut, der Sonnenaufgang inmitten eines Schlachtfeldes, so viele Leichen, soviel Tod.
„Nein!“ Er hielt sich mit weit aufgerissenen Augen den Kopf. „Das habe ich nicht getan!“ Am Gipfel des Hügels stand er und sah hinab auf die triste Gegend, übersäht von Leichen und eingetaucht in das morgendliche Rot. „NEIN!“
Sofort waren die Bilder verschwunden.
„Das war nicht ich...“ Stotterte er mit zittriger Stimme. „...nicht ich...“
Plötzlich sprang er auf und sah Gardenia finster in die Augen. „Ich glaube dir kein Wort!“
„Und wie du das tust.“ Konterte sie kühl.
„Halts Maul!“ Verzweifelt wollte er sie zum Schweigen bringen.
„Ich werde dich mit mir nehmen! Ob bei Bewusstsein...“ Unvermittelt hob sie unter ihrem Umhang eine Dueldisk hervor. „...oder ohne. Nun, da deine Kräfte erwachen und das Siegel um dich und Tabithar schwächer wird, können wir bald unser Reich neu erschaffen, unser Zuhause!“
„Verrückte Alte...“ Murmelte Matt verächtlich und ließ einen Moment den Kopf hängen. „Das ist also dein Ziel. Ein neues Terra aufzubauen, oder was!? Denke mal, ich soll euch den Weg dazu frei räumen, was?“
„Ein Zuhause... eine Zuflucht...“ Murmelte Gardenia leise. Er verstand nicht...
„Macht wohl keinen Sinn, großartig zu diskutieren, was?“ Schnaubte Matt. Dann sah er mit Feuer in den Augen auf. „Aber da hast du dich geschnitten! Mit dir habe ohnehin noch ein Hühnchen zu rupfen! Duell!“
Sie nickte knapp, denn nun würde sie ihren Plan in die Tat umsetzen.
[Matt: 4000LP Gardenia: 4000LP]
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„Ich werde dich zerquetschen!“ Der Junge war außer sich. Alle wollten sie Macht, war es denn je anders? Immer die gleichen Ziele, die gleichen Wünsche, das gleiche Verlangen. Es war wie in den Filmen. Aber ihn würde keiner bekommen! Allein deshalb schon nicht, weil er nicht zu dieser Riege dazugehörte. Nicht mehr. Sein Wunsch war es nur, friedlich zu leben, ohne Machtkämpfe auf Schulhöfen, Schlachtfeldern oder gar um seinen Körper! „Heute wirst du der Wahrheit ins Gesicht sehen müssen! Ich bin keine Marionette, die deinen Vorstellungen entspricht!“ Sagte er mit doppelt erklingender Stimme und wunderte sich darüber, indem er sofort aufblinzelte.
„Raquel...“ Murmelte Gardenia betrübt. „Nun denn, so mache ich den ersten Zug dieses Duells.“
„Ich warte!“ Sagte er nun wieder mit seiner Stimme, immer noch etwas irritiert.
Ohne sich ihre Karten auch nur anzusehen, legte die brünette Frau zuerst ein Monster verdeckt und setzte dann zwei Karten. „Schon geschehen.“
((Versucht sie’s wieder mit ihren Psychotricks?)) Überlegte Matt verärgert. Er erinnerte sich noch lebhaft an ihre erste Begegnung, als sie jede Frage von ihm mit einer Gegenfrage konterte. ((Bei Tara hat sie’s damals auch schon versucht, aber diesmal klappt das nicht!))
Sofort nahm hob er eine Karte von seinem Deck ab und grinste zuversichtlich.
((Wunderbar, besser hätte das Duell kaum starten können!)) Sofort legte er die Zauberkarte in seine Dueldisk ein. „Ich aktiviere Landformen und nehme mir so den Feldzauber Place of Evolution - Training Field auf die Hand!“ Mit einer knappen Handbewegung hielt er die Karte vor sich, ehe er sie seinem Blatt hinzufügte und von dort eine andere, grüne Karte hervorholte.
„Doch zunächst brauche ich ihren Vorläufer: Colosseum - Cage of the Gladiator Beasts!“
Ein altes, verlassenes und halb zerstörtes Kolosseum wuchs um die Straße herum, angelegt wie ein Halbkreis. Die Tribüne war ein einigen Stellen eingefallen und hinter Matt gab es ein Gittertor, aus denen die Gladiatoren stürmen konnten.
„Zeit für etwas Spaß! Ich aktiviere noch mal einen Zauber, diesmal ist es Gladiator Challenge!“ Matt hielt seine Karte lautstark in die Luft. „Dieser erlaubt es mir, sofern das Kolosseum steht, sofort ein Gladiator Beast aus meinem Deck aufzurufen, wenn es denn weniger als 5 Sterne besitzt! Als Bonus erhält es jedoch seinen Effekt!“
Die Gitterstäbe wurden hinter dem Jungen hochgefahren und sogleich stürmte auf allen vieren ein Tiger mit menschlicher Statur hervor. Über Matt machte es einen Salto und stand dann auf zwei Beinen direkt vor ihm, um seinen Oberkörper schwebte ein brennender Ring.
„Gladiator Beast Laquari (ATK/1800 zu 2100)!“
Noch bevor der stärkende Effekt des Spielfeldzaubers einsetzen konnte, hatte Matt ihn bereits aus dem ausgeklappten Seitenfach geholt und mit Place of Evolution - Training Field ersetzt.
Sofort verwandelte sich die Umgebung in eine ebene Wiesenlandschaft. Zur Linken standen aufgestellte Ziele fürs Bogenschießen, zur Rechten hingegen an Stäben befestigte Strohpuppen als Übung für den Nahkampf.
„Heh...“ Matt lachte finster. „Wie du siehst, bin ich seit dem letzten Mal besser geworden! Hast du ne Ahnung, wie lange ich gebraucht habe, um mein Selbstbewusstsein wiederherzustellen, nachdem du mich besiegt hast!?“ Er gab ehrlich zu, was er all die Zeit über gefühlt hatte. Selbst jetzt zweifelte ein kleiner Teil in ihm daran, dass er es schaffen konnte. Das Duell mit Anja hatte ihm jedoch neue Hoffnung geschenkt! Er wollte so stark sein wie sie, obwohl ihm bewusst war, wie weit der Weg dahin noch war.
„Ich hätte nicht erwartet, dass ich dich so verunsichere, Raquel.“ Meinte Gardenia überrascht. „Aber je mehr du zweifelst, desto schneller wirst du wieder zu dir selbst finden! Leg das Gewand dieses Menschen ab und sei wieder du selbst! Auch im Sinne deiner F-“
„Schnauze! Anstatt an der Vergangenheit zu hängen, solltest du lieber auf das Duell achten!“ Schrie Matt sie erzürnt an. „Denn jetzt rufe ich aus meiner Hand Gladiator Beast Bestiari (ATK/1500)!“
Ein blassgrüner Vogelgladiator mit mechanischen Schwingen auf seinem Rücken erhob sich hinter Matts Rücken. Dessen winzige Schallkanonen, die ebenfalls Teil der Flügel waren, richteten sich auf Gardenias verdeckte Karten.
„Jetzt sieh her! Evolution! Bestiari, entfessele deine wahre Kraft und werde durch die Hilfe meines Feldzaubers zu einem Elite Gladiator!!!!!“
Das Wesen fing an, helles Licht aus Augen und Schnabel zu strahlen. Während Matt die alte Karte ins Deck zurückmischte und nach der neuen suchte, wuchsen die Schwingen des Monsters und bekamen eine goldene Legierung dazu. Ebenso formte sich eine Panzerung um die Brust Bestiaris, Arme und Beine wurden fest an den Körper gedrückt.
„Elite Gladiator Bestiari (ATK/1500)! Vernichte ihre verdeckten Karten!!!“
Mehr wie ein Pfeil aussehend, wirbelte das neue Monster nun um seine eigene Achse, während es mit der Schnabelspitze direkt auf Gardenia gerichtet war. Deren Zauber und Fallen fingen an zu beben und wurden durch den scharfen Wind in Stücke gerissen.
„Damit bliebe nur noch dein Monster...“ Grinste Matt. „Oh und wusstest du, dass wenn ein Monster aus dem Deck beschworen wurde, so wie eben, mein Feldzauber eine Zählmarke erhält, die alle meine Gladiatoren um 200 Punkte stärker macht?“
Place of Evolution - Training Field: [1]
Elite Gladiator Bestiari (ATK/1500 zu 1700)
Gladiator Beast Laquari (ATK/2100 zu 2300)
„Dich werde ich im Handumdrehen besiegt haben!“ Verlautete er siegessicher.
Gardenia, die den Pub im Nacken sitzen hatte, blieb jedoch ruhig. Für sie war es nur eine Frage der Zeit, bis Raquels Bewusstsein mit dem des Jungen in Konflikt geraten würde. Solange jedoch musste sie verharren und Matt mit dem Duell in Schach halten. Dann sah sie auf, denn einmal mehr stopfte ihr Gegner einen Zauber in die Dueldisk.
„Da ich nur einmal pro Zug einen Elite Gladiator rekrutieren kann, mir das aber zu wenig ist, benutze ich jetzt Elite of the Gladiator Beasts und verwandle Laquari ganz ohne die Hilfe des Feldzaubers! Komm hervor, Elite Gladiator Laquari (ATK/1800)!“
Der Feuerring um den Körper des Tigermenschen begann, sich wie wild zu drehen und zu lodern. Bald ging das ganze Monster in Flammen auf und eine dunkelrote, lange Mähne brannte am Kopf des feurigen Gladiators, der wieder auf vier Beinen stand.
„Dadurch wird Laquaris Grundstärke sofort zu 3000! Und vergessen wir den Feldzauber nicht!“ Matt war selten so eifrig wie jetzt. Seine ärgste Feindin hier und jetzt zu besiegen, diese einmalige Chance wollte er sich nicht entgehen lassen.
Place of Evolution - Training Field: [2]
Elite Gladiator Bestiari (ATK/1700 zu 1900)
Elite Gladiator Laquari (ATK/3000 zu 3400)
„Beeindruckende Monster, wahrlich...“ Hauchte Gardenia. „...aber kannst du auch mit ihnen umgehen?“
„Natürlich! Bestiari, Attacke!“
Mit einem enorm lauten Zischen donnerte das Vogelwesen wie eine lebendige Rakete in die Karte vor Gardenias Füßen.
„Siehst du!“ Doch Matt blinzelte verdutzt, als er das Monster seiner Gegnerin sah (DEF/0).
Ein dunkelgraues Wesen war es, kleiner Kopf, großer Unterkörper.
„Außerirdisch... Arcana Force...“ Murmelte der Schwarzhaarige vor sich hin, wobei er sich an Taras Äußerungen über Gardenias Karten erinnerte.
Schon die langen Tentakelhaare machten das Auftreten des Wesens skurril, genau wie die dunkelblaue, weite Stoffhose. Matt zog seine Augen zusammen.
„Warum steht das schwache Ding noch? Es sollte längst Geschichte sein!“
„Fürwahr, Arcana Force 0 - The Fool hat keinerlei kämpferische Gaben. Doch wie ein Narr nun mal ist, lässt er sich nicht so einfach vertreiben.“ Erklärte die Frau amüsiert.
„Heißt im Klartext, er kann durch Kämpfe nicht zerstört werden?“
„So ist es.“
((Verdammter Dreck!)) Fluchte der Jugendliche in sich hinein. ((Sie hätte fast alle Lebenspunkte verloren, wenn Laquari durchgekommen wäre... aber das Spiel hat gerade erst begonnen!)) „Mein Zug ist vorbei! Und das bedeutet, meine Elite Gladiatoren müssen zurück ins Deck! Doch sie lassen mich nicht schutzlos zurück!“ Nun begann er, wieder so selbstsicher zu grinsen. „Ganz im Gegenteil, denn nun dürfen zwei Gladiator Beasts die Bühne betreten! Und das Beste: sie erhalten sogar ihre Effekte!“
Behände griff Matt nach seinem Deck und wählte von da aus auch gleich die passenden Karten aus. Diese hießen Gladiator Beast Murmillo (ATK/800) und Gladiator Beast Torax (ATK/1400).
Aus zwei starken Wasserfontänen vor Matt entsprangen diese beiden sogleich. Beides blaue Fische, war der erste eher schlank und mit zwei riesigen Hochdruckwasserkanonen auf den Schultern beladen. Der andere hingegen, Torax, war ein Kugelfisch, der ein elektrisch geladenes Minizepter schwang.
Place of Evolution - Training Field: [4]
Gladiator Beast Murmillo (ATK/800 zu 1600)
Gladiator Beast Torax (ATK/1400 zu 2200)
Unerwartet schoss Murmillo aus seinen Kanonen zwei heftige Wassersäulen auf Gardenias Monster ab, dass durch deren Kraft und Geschwindigkeit einfach gegen die Wand des Pubs knallte und erdrückt wurde.
„Ich verstehe... du hast den Narr zerstört.“ Sagte die Frau unberührt.
„Yep. Murmillo kann ein offenes Monster killen...“ Reagierte Matt überheblich. „Ich habe das Duell unter Kontrolle! Mal sehen, wie du dich da raus winden willst!“
„Eine leichtes Unterfangen... Cup of Ace!“ Meinte sie überzeugt.
Ein goldener Kelch erschien vor ihr. Es drehte sich eine Miniaturkarte über ihm.
((Das muss dieser Effekt sein, wo ich die Karte stoppen muss und je nach Position erhält ihre Karte einen anderen Effekt!)) Erinnerte sich Matt an Taras Beschreibung. „Halt!“ Das Bild zeigte nach oben.
„Damit gestattest du mir, zwei Karten zu ziehen... wie du siehst, unterstützt du nur dein eigenes Schicksal.“ Eine der eben gezogenen Karte bestärkte sie in dieser Hinsicht. „Bereits Tabithar sagte ich, dass das Schicksal eines jeden nie ganz feststeht. Die starken Herzen können es beeinflussen, gar lenken. Obwohl du, Matt, einen starken Willen besitzt, so bist du nur Raquels Schatten. Verschwinde im Licht, denn du bist nichtig!“
„Hmpf!“ Schnaubte er und sah erbost weg, in die Höhe.
Die Dunkelheit des Bannkreises verhinderte fast gänzlich, dass Sonnenlicht von draußen seinen Weg hinein fand. Und doch, so war es da. Dann lächelte er schlagartig.
„Vielleicht bin ich das... aber...“ Nun sah er ihr in die Augen. Und das auf so eine entschlossene und gleichzeitig unscheinbare Weise, dass selbst die sonst so beherrschte Gardenia einen erschreckten Luftzug ausstieß. „...dort wo Licht ist, wird es immer Schatten geben. Zwar mag ich nur ein Übergang oder was auch immer sein, für die Wiedergeburt von diesem Typen... doch bin ich eine eigenständige Person mit einem eigenen Herzen! Wenn dieser Raquel leben will... soll er sich einen anderen Dummen suchen!!!“
Obwohl sie andere Sorgen hatte, entglitt ihr ein sanftes Lächeln. „Eine schöne Metapher...“
((Wie kann das sein?)) Gardenia war innerlich bemüht, die Fassung zu bewahren. ((Obwohl ich ihm von der Vergangenheit erzählt habe, bleibt er so stur. Ich muss mir etwas überlegen, wie ich ihn zum Zweifeln anregen kann! Raquel, wie tief bist du im Herzen dieses Wesens gefangen?))
In der Zwischenzeit, entschied sie, würde sie erstmal das Duell fortsetzen. „Wie ich schon sagte, ein starkes Herz kann das Schicksal verändern. Aber das in deiner Brust... ist nicht deines. Du wirst schon sehen... ich aktiviere die Magie The Choice of Fate!“
Drei Kartenrücken erschienen kerzengerade in der Luft schwebend vor Gardenia. Es waren ihre Handkarten, sie betrachtete in der Mitte eine Falle und je links und rechts ein Effektmonster.
„Nun entscheide...“ Sagte sie beharrend. „Eine dieser Karten musst du wählen und wenn du dich für ein Monster entschieden hast, wird es aufgerufen.“
„Pah...“ Matt zeigte prompt auf die Karte links aus seiner Sichtweise. Demnach hatte er sich nicht für das Monster mit der hohen Stufe entschieden, aber Gardenia lächelte geheimnisvoll.
„Deine Wahl war Arcana Force VI - The Lovers (DEF/1600)!“
Ein dunkelgraues Alien erschien, bestückt am ganzen Körper mit violetten Perlen. Sogar das schwarze Kleid war übersäht davon. Über dem Kopf des recht menschlich wirkenden Wesens tauchte eine Miniaturkarte seiner selbst auf, und begann sich um die eigene Achse zu drehen. Dieser Vorgang beschleunigte sich immer mehr, bis nur noch ein Farbenstrudel für Matt sichtbar war.
„Anhalten!“ Rief Matt genervt davon, wie er abermals sein eigenes Schicksal bestimmen sollte.
Die Karte blieb mit dem Bild nach oben, also aufrecht, stehen und verschwand.
„Dein Einwirken hat den vorteilhaften Effekt für mein Monster aktiviert.“ Sagte die Frau.
„Der wäre!?“
„Nun, Arcana Force VI - The Lovers gilt als doppeltes Tribut für jedes Arcana Force-Monster.“ Schließlich zog Gardenia die vorletzte Karte aus ihrem Blatt hervor. „Und da The Lovers vorhin als eine Spezialbeschwörung aufs Feld gebracht wurde, kann ich sie nun opfern, um diese Karte ins Spiel zu bringen: Arcana Force XV - The Devil (ATK/2500), ein Monster der Stufe 7!“
Das alte Monster löste sich in einer schwarzen Teerlache auf und aus dieser entstieg sogleich ein ebenso düsteres Wesen mit insgesamt fünf roten Tentakeln am Unterkörper, wobei vier davon als Arme fungierten und einer eher als Schweif angesehen werden konnte. Auf dem Rücken des Monsters befanden sich schwarze, kleine Schwingen mit Stacheln daran und drei Masken sollten die Köpfe darstellen.
„Nicht schlecht.“ Lobte Matt seine Gegnerin widerwillig. Sogleich bemerkte er wieder die Karte, die sich über dem Haupt von Arcana Force XV zu drehen begann. „Stopp!“
Wieder die aufrechte Position, was wohl einen negativen Effekt für ihn bedeutete, überlegte der junge Mann.
„Damit hast du wieder einen Schritt in Richtung Niederlage getan.“ Verlautete Gardenia. „Zeig ihm deine Macht, The Devil! Attackiere Gladiator Beast Murmillo!“
Die langen Tentakelarme auf der rechten Körperseite des Aliens schossen wie Speerspitzen auf den Fisch zu. Doch Matt bemerkte noch etwas anderes.
„Was geht da vor!?“ Simultan dazu hatten sich nämlich auch die linken Tentakel bewegt und durchbohrten bereits den Kugelfisch Torax, welcher schon zerplatzte.
Als Matt seinen Blick auf Gardenia richtete, sah er gerade noch aus dem Augenwinkel, wie der letzte der fünf blutroten Arme auf ihn zu schoss und sich um seinen Hals wickelte, ihn würgte.
„Ughhhhhhh!“ Er griff sofort mit beiden Händen danach und sackte in die Knie, er konnte jedoch den festen Griff nicht lösen. Nebenbei wurde Murmillo aufgespießt und verendete qualvoll.
[Matt: 2600LP Gardenia: 4000LP]
„Es ist die Gabe von The Devil, bei einem Angriff ein Monster auf dem Feld zu vernichten und dem Besitzer einen Schaden von 500 Punkten zuzufügen. Die restlichen 900 entstanden ganz normal im Kampf.“ Erklärte Gardenia.
Erst jetzt löste sich die Umklammerung und Matts Hals war wieder frei, jedoch mit roten Striemen bedeckt. Hustend hielt er sich die Stelle und sah geschwächt auf das Gras unter seinen Füßen. Gardenia, die auf dem Bürgersteig wartete, legte schon einmal vorsorglich ihre vorletzte Handkarte verdeckt ab.
„Über all die Jahre bist du so schwach geworden, Raquel.“ Sagte sie mitleidig. Die Abneigung, welche sie für die Bewohner Gaias fühlte, hatte sich nur weiter entwickelt, seit sie hier lebte. Allein, dass der einst so mächtige General selbst dieses Leben kennen gelernt hatte, brachte sie innerlich in Rage. „Dieses Leben tut dir nicht gut. Alles hier ist entehrt, keine Traditionen wie die unseren, die Menschen sind korrumpiert und dezimiert auf ihre eigene Existenz! Wie kannst du das hier verteidigen?“
„Hä?“ Matt blickte zu ihr auf. „Und du bist besser? Das ist nicht deine Welt, du hast kein Recht, sie nach deinen Vorstellungen zu verändern! Eine Heimat kann man sich nicht durch Gewalt erschaffen, schon gar nicht, wenn man dadurch das Zuhause anderer zerstört!“
„...“
„Du hast dich überhaupt nicht verändert, innerlich wie äußerlich.“ Sagte er trotzig. Dabei verzog sie ihre Augen, doch der Schwarzhaarige sprang auf und sah verwundert seine Hände an. Diese Worte waren nicht die seinen, doch von dem anderen, bösen Geist in ihm war keine Spur. Dennoch besorgte ihn dieser erneute Übergriff.
„Es stimmt, 17 Jahre sind vergangen seit deiner Wiedergeburt und dem Untergang unserer Welt.“ Erklärte die brünette Dame derweil melancholisch und atmete schwer, wie ihr Herz es zu sein schien. „Man sollte meinen, ich müsste viel älter sein. Aber...“
„Aber?“ Erkundigte Matt sich weiter.
„Als ich durch diese Welt reiste... fand ich einen erstaunlichen Ort.“ Sie schloss die Augen. „Eine Halle voller Licht, in der eine Stunde einen ganzen Tag für die Außenwelt bedeutet. Dieser mysteriöse Ort kann nur mit einem besonderen Gegenstand betreten werden.“
Matt sah neugierig zu, wie sie aus einer Tasche ihrer schwarzen Hose einen goldenen Schlüssel holte, der ansonsten ganz gewöhnlich aussah. „Damit muss man nur eine beliebige Tür öffnen, um in die sagenhafte Lichterhalle zu gelangen.“
„Ist ja toll.“ Spottete Matt. „Warum erzählst du mir das überhaupt? Beziehungsweise, woher hast du den?“
„Dort habe ich meine Pläne ausgearbeitet und mich versteckt vor unseren Feinden. Sobald du wieder du selbst bist, Raquel, wirst du diesen Ort selbst kennen lernen.“
„Nenn mich nicht so, verflucht noch eins!“
Gardenia sah ihn nur milde an. „Andererseits, ich muss diesen Schlüssel vielleicht schon bald wieder zurückgeben.“
„Wem zurückgeben?“ Matt runzelte die Stirn.
„Auf meiner Reise durch Gaia traf ich eine wahrlich ungewöhnliche Frau. Sie gab mir diesen Schlüssel und sagte nur zwei Sätze...“ Gardenia sprach diese Worte genau so ruhig und geheimnisvoll aus, wie sie sie gehört hatte. „Eines Tages kommt dieser Schlüssel zurück in meinen Besitz. Bis dahin, benutze ihn, wie es dir beliebt...“
Irgendwie kam Matt eine ganz bestimmte Person in den Sinn. „Hatte sie schwarze Haare und war... merkwürdig?“
„Gewiss. Eine Person wie sie traf ich noch nie, unheimlich und doch vertraut. Jedoch haben wir keine Worte mit einander gewechselt, denn sie zog weiter. Erst suchte ich nach einem Schloss, doch musste ich eines Tages feststellen, dass dieser Schlüssel in alle Löcher passt. So fand ich die Lichterhalle, in der die Zeit anders verläuft...“
„Deshalb bist du kaum gealtert.“ Matt verzog finster das Gesicht. „Erinnert mich ein bisschen an Anjas Geschichte.“
„Dieses Mädchen...“ Plötzlich musste Gardenia bitter auflachen.
„Was ist daran so witzig?“ Brauste Matt natürlich sofort auf.
Seine Gegnerin schloss ihre Augen. „Gineva wäre fast umgekommen, als meine Untergebenen Camalar unterwarfen.“
Sein Atem stand still. Das hatte er eben falsch verstanden, es musste einfach so sein. Alles war nebensächlich, die Worte in seinem Kopf so klar. Der Angriff, das war sie, Gardenia!
„Was!? Was hast du getan!?“
„Wie ich sagte, Camalar steht unter meiner Kontrolle.“ Antwortete sie emotionslos. „Aber sei unbesorgt, der Bevölkerung habe ich nichts angetan.“
„Was ist mit Anja!? Und Ruud?“ Matt ballte so fest die Fäuste zusammen, dass es schmerzte. Wut war eine Sache, doch viel mehr war er um das Wohl der beiden besorgt. Dagegen war die Stadt fast unwichtig. Dies witterte Gardenia sofort.
„Diese beiden...“ Einen kurzen Moment schloss sie die Augen, um dann möglichst einfühlsam ihre Worte zu wählen. „Sie kämpften tapfer bis zum Schluss...“
((Schluss...)) Matts Gefühle froren praktisch ein. Verstand er das richtig? Sie waren... tot?
Turn 130: The fury - Part II
-Aska- - 17. Jul, 14:19